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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 18 | Herbst 2020
  • S. 18-21

Resound Beethoven

Rück- und Ausblick

Text: Martin Haselböck

[Radio Klassik Stephansdom]

Seit nunmehr sechs Jahren sind Martin Haselböck und sein Orchester Wiener Akademie auf akustischer Entdeckungsreise.

In den vergangenen Jahren haben wir alle Symphonien und Konzerte Beethovens mit dem Instrumentarium seiner Zeit aufgeführt und auf Tonträger eingespielt. Mit dem Großen Redoutensaal, dem Eroica-Saal im Palais Lobkowitz, dem Festsaal der Akademie der Wissenschaften, dem Niederösterreichischen Landhaussaal, dem Theater in der Josefstadt und dem Theater an der Wien haben wir jene Räume wieder bespielt, in denen Beethoven selbst seine Symphonien und Konzerte ur- und erstaufgeführt hatte. 

Angeregt durch eine Veröffentlichung des Berliner Akustikers und Musikwissenschaftlers Stefan Weinzierl und unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat um Birgit Lodes, wurden Informationen zu Besetzungsgrößen, Spielweisen und Aufstellungen gesammelt, das historische Instrumentarium verfeinert und ein von Beethoven selbst gespielter Hammerflügel restauriert und wieder spielbar gemacht. Sogar der „Mechanische Trompeter“, den Johann Nepomuk Mälzel beim legendären Uraufführungskonzert der 7. Symphonie in der Akademie der Wissenschaften vorgeführt hatte, konnte rekonstruiert werden.

Spielen wir Beethoven nun anders, kann eine solche musikalische Spurensuche für Musiker und Zuhörer wirklich neue Erfahrungen und Erkenntnisse bringen? Verändert sie die Art, Beethovens Musik wahrzunehmen? Kann sie mehr bieten als das Gefühl, der Aura des Originals ein Stück näher gekommen zu sein? 

Musik hören – Musik lesen
Wir hören Musik, wir lesen sie auch, wenn wir selbst Musik machen. Wenn Sie ein Instrument spielen, wenn Sie im Chor singen, lernen Sie ihren Part anhand von Notenschriften, von Partituren: Sie spielen „vom Blatt“ oder Sie lernen das Gelesene auswendig. Ein guter Musiker sollte Musik auch mit den Augen hören können: unsere Ausbildung, unsere Erfahrung sollten es uns möglich machen, Partituren wie ein Buch zu lesen, die dort notierte Musik innerlich zu hören, ohne das eigene Instrument auch nur in die Hand nehmen zu müssen. Aufbau und Struktur eines Werks sollten wir der Notenschrift entnehmen, aber auch die Vorstellung des Klangs, den ein bestimmtes Instrument oder eine Gruppe von Instrumentalisten an bestimmten Passagen hervorbringen würde. Die Aufführung („Executio“) der Musik kann verinnerlicht werden, die Imagination ersetzt die Ausführung, die „Musik im Kopf“ braucht keine Instrumente, keinen Konzertsaal, kein Publikum. Ganz im Gegensatz zu diesem inneren Zwiegespräch zwischen dem in der Notenschrift ausgedrückten Kunstwerk und dem (Noten-)Leser steht die Umsetzung, die Aufführung des Musikwerks: Sie braucht den Klang, die Kommunikation zwischen Ausführenden und Zuhörer.

Das Gedächtnis hilft hier mit. Es hilft uns, ganze Stücke oder Passagen daraus, zu memorieren, es hilft uns, gehörte Klänge zu verinnerlichen, aber auch musikalische Ereignisse aus der Erinnerung hervorzurufen. 

Musik als „delectatio“, als „Ergötzung des Gemüts“ erfreut uns, sie entzieht sich aber immer wieder, wenn wir versuchen, sie über die Sinneseindrücke hinausgehend zu erfassen. Wenn Mozart über sein Komponieren für die „Kenner und Liebhaber“ spricht, will er uns sagen, dass seine Musik den Liebhaber unterhalten kann, dass der Kenner aber verpflichtet ist, tiefer in die Strukturen und Geheimnisse großer Musik einzudringen. Dass dies durchaus Mühen und Anstrengungen bedeutet, ist unbestritten: „Res severa verum Gaudium“ kündet das Motto des Leipziger Gewandhauses – nur mit Anstrengung erreichen wir die wahre Freude (des tieferen Verstehens von Musik). Bach, Mozart, Beethoven schreiben klangsinnliche Musik, sie transportieren mit ihren Klängen aber auch außermusikalische Botschaften, narrative Subtexte, die wir beim tieferen Eindringen in die Materie erahnen, mit mehr Erfahrung vielleicht auch deuten können. In Thomas Bernhards „Alte Meister“ unterzieht der Protagonist Reger jedes Kunstwerk einem „Zerlegungsund Zersetzungsmechanismus“ um „gravierende Fehler“ zu entdecken. Natürlich entzieht sich wahre Kunst auch dieser Art von Betrachtung, die vielfache und andauernde Beschäftigung mit großen Werken eröffnet für Hörer und Interpreten neue, unbekannte Welten. Jede Wiederaufnahme einer „h-Moll-Messe“, eines „Don Giovanni“ oder der „Eroica“ bedeutet für mich persönlich das Entdecken neuen und faszinierenden Terrains.

Über die Einmaligkeit
Wir können in Bild und Ton jedes Werk der Musikgeschichte in jeder Interpretation der letzten 100 Jahre jederzeit abrufen, wiederholen, vergleichen und beurteilen. Die Konzerte der Beethoven-Zeit waren hingegen einmalige, unwiederholbare Ereignisse, die wohl vielen Zuhörern Zeit ihres Lebens unvergesslich blieben. Manch komponierte Musik – denken wir an Schuberts letzte Sinfonien – blieb zu Lebzeiten ihres Komponisten ungehört und ungespielt, das wiederholte Hören eines Musikstücks war ein Geschenk, ein Privileg. Nicht umsonst wurde die Wiederholung einzelner Sätze in den damaligen Konzerten durch Applaus eingefordert, wusste man doch nicht, ob man diese Symphonie je wieder hören würde. Der Pianist und Musikfreund Louis Ferdinand von Preußen erhielt von seinem fürstlichen Gastgeber Lobkowitz das einmalige Geschenk, Beethovens Eroica an einem Tag dreimal hören zu dürfen, Beethoven selbst erweitere seine Konzertakademien auf hypertrophe Überlängen, um seine jeweilige Jahresproduktion an neuen Orchesterwerken der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Er konnte sich nicht sicher sein, ob es zu einer Wiederaufführung kommen würde. 

Viel wurde über das Musik-Hören im „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ geschrieben. Sicher führt die unbegrenzte Vervielfältigung und die ständige Verfügbarkeit von Musik zu einer inflationären Verflachung des Hörens, zu einer Entwertung des eigentlichen künstlerischen Ereignisses. Natürlich kann andererseits das wiederholte Hören einer bestimmten Aufnahme oder von unterschiedlichen Interpretationen desselben Werks zu einer Vertiefung der Musikerfahrung führen, wenn es unterschiedliche Musikerpersönlichkeiten in ihrem Zugang zum Werk vergleicht und nicht bloß empathielose Kunstbetrachtung bleibt. Erheben nicht manche Studioaufnahmen selbst diesen Anspruch der Einmaligkeit indem sie – wie Glenn Goulds „Goldberg-Variationen“ – nie live aufgeführt wurden oder wenn sie – wie Fritz Wunderlichs Aufnahmen – die raren Dokumente einer allzu früh beendeten Sängerlaufbahn sind?

Musik entzieht sich auch hier der Eindeutigkeit: Während klar ist, dass die Mona Lisa nur als Originalgemälde die Aura des „Echten“ ausstrahlen kann, offenbart sich das musikalische Kunstwerk in unterschiedlichen Erscheinungsformen: Beethovens „Eroica“ manifestiert sich vorerst in der Form als Notenschrift des Komponisten in der Partitur. Wenn diese Notation klingend umgesetzt wird, überlagert die Deutung dieser Schrift durch den Interpreten ihre ursprüngliche Aussage, so genau der Komponist seine Anweisungen hinterlassen haben mag: Wir hören Karajans Beethoven oder auch den „Originalklang-Beethoven“, der bei allem Bemühen um die Herstellung eines ursprünglichen Klangbilds die Musik natürlich ebenso deutet und interpretiert. Schon die Generation nach Beethoven las und spielte seine Werke in höchst unterschiedlicher Weise. Zwischen dem pathetisch vergrößernden Zugriff von Wagner oder Liszt und der klaren Rasanz des Dirigenten Mendelssohn-Bartholdy lagen nicht nur in der Temponahme Welten.

Welches Fazit können wir nun nach sechs Jahren „RESOUND Beethoven“ ziehen? Wir haben die Werke an die Plätze ihrer Erstaufführungen zurückgebracht und sie dort mit dem Instrumentarium ihrer Zeit, in authentischen Besetzungsgrößen und Orchesteraufstellungen aufgeführt. Wir – Interpreten wie Zuhörer – konnten durchaus neue Klangerfahrungen machen: das direkte „unter die Haut Gehen“ des Klangs, das extreme Ausreizen der sinnlichen Kontraste, die oftmals neue erfrischende Abstimmung der Klangbalance der unterschiedlichen Orchestergruppen oder zwischen Solist und Orchester, die Selbstverständlichkeit, mit der Beethovens Notation und Interpretationshinweise logisch in diesen Klangräumen umgesetzt werden können. Und natürlich war für Spieler und Zuhörer jene Aura spürbar, die sich beim Musizieren und Zuhören in den Räumen einstellt, die der Komponist selbst als Dirigent und Pianist genutzt hatte.

Wir spielen Beethoven nun anders, vielleicht reifer, vielleicht auch mit mehr elementarer Erfahrung. Mir selbst und unserem ganzen Orchester bleibt die Erkenntnis, dass Beethovens Musik, wie auch alle andere große Musik alle Interpretationen und Bearbeitungen überstrahlt, dass sie allen unterschiedlichen Deutungen standhält und dass sie eine Kraft ausstrahlt, als wäre sie gerade jetzt neu komponiert worden. Die Ambiguität ihrer Botschaft lässt unterschiedliche Deutungen zu, sodass selbst die Suche nach dem authentischen Klang eine aber sicher nicht die einzige Möglichkeit für einen Interpretationsansatz ist. Wie jede wahrhaft große Musik stellt Beethoven bei jeder Beschäftigung neue Fragen, stellt jedem neuen Interpreten die Aufgabe, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sich an ihr zu reiben. 

Beethovens Musik wird Anstoß und Reibebaum für noch viele Generationen von Interpreten sein. Ich bin dankbar für die Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich durch „RESOUND Beethoven“ gewinnen konnte und für die Möglichkeit, sie mit so vielen Musikern und Zuhörern zu teilen.


Radiotipp

RESOUND Beethoven

Eine Reise zu den Uraufführungsorten der Orchesterwerke Ludwig van Beethovens mit Martin Haselböck.

Theatermusik! Egmont „Die Weihe des Hauses".
26. September, 09.05 Uhr

Virtuosissimo! Die Klavierkonzerte 1, 2 und das Rondo.
24. Oktober, 09.05 Uhr

Eroica! Symphonie Nr. 3.
28. November, 09.05 Uhr 


CD-Tipps

Beethoven: The Six Piano Concertos

Interpreten – Gottlieb Wallisch, Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck
Label – cpo
EAN – 761203532926  


Resound Beethoven: Complete Symphonies

Interpreten – Orchester Wiener Akademie, Martin Haselböck
Label – Alpha Classics
EAN – 3760014194801 


Konzert-Tipp

Abos

RESOUND Beethoven: Die Sinfonien in Kammerfassungen
RESOUND 2020/21
Buchbar unter: www.jeunesse.at/abos
tickets@jeunesse.at | +43 (1) 505 63 56

Musikverein 2020/21
Buchbar unter: www.musikverein.at abo@musikverein.at

 

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