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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 6 | Herbst 2017
  • S. 12-13

Über das Anfangen

Die Geigerin Alice Harnoncourt

Text: Ursula Magnes

[Radio Klassik Stephansdom]

Alice Harnoncourt hat tatsächlich zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie „Freizeit“. Nach dem letzten Harnoncourt-Konzert, der Aufführung von Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ im Rahmen der Salzburger Festspiele im Juli 2015, beendete sie als Geigerin des Concentus Musicus 85-jährig ihre öffentliche Konzerttätigkeit. Als einstmals einzige weibliche Konzertmeisterin weit und breit, war sie für Jahrzehnte in eine absolute Vorreiterrolle geschlüpft.
 
Als Jugendliche hat sie mit Friedrich Gulda vom Blatt musiziert und wie alle jungen Geigerinnen von einer solistischen Karriere geträumt. Mit ihrem Mann hat sie den praktischen Part einer „Entdeckergemeinschaft“ gelebt. Sie hat wahnsinnig viel gearbeitet, immer gerne musiziert und hatte das große Glück, für die gewaltigen künstlerischen wie familiären Aufgaben „relativ robust“ zu sein. „Wenn man etwas machen will, dann macht man’s. Ich habe immer gewusst, ich werde Pianistin oder Geigerin. Und mein Mann hat gewusst, er wird Musiker. Wir waren in der glücklichen Lage, es wirklich gemeinsam zu machen. Es hat nicht die geringste Konkurrenz zwischen uns gegeben, weil wir beide gut waren.“ 

Die „intuitive Musikantin“ begleitete 1952 ihren damaligen Verlobten beim Cello-Probespiel für die Wiener Symphoniker am Klavier. Unter den Argusaugen Herbert von Karajans war sie rückblickend „für sich“ überhaupt nicht nervös. Sie war es auch, die ihren Mann bestärkte, die zunehmend frustrierende Orchesterstelle Jahre später zu Gunsten eigener Projekte aufzugeben. Das Ehepaar war besessen vom Experimentieren und Tun.

„Zwei gleich starke Partner gibt es nicht. Einer ist anders. Wenn sie mit jemandem verheiratet sind, der wirklich immer gute Argumente hat, ist das gar nicht leicht, aber man gewöhnt sich an die Situation Meinungen auszudiskutieren. Dogmatismus ist immer schlecht.“ Beispielsweise aus einer Geigenhaltung eine Ideologie zu machen, findet Alice Harnoncourt höchst gefährlich und sinnlos. Entweder man spielt gut oder schlecht. 
 
Schubert, das ist Natur – ihre Natur. Es ist eine Ahnung, dass „ich Wienerin bin“. Das Theater Johann Nestroys sagt ihr gerade als solches sehr viel. Seine „gute und so moderne Sprache“.
 
In ihrem Garten hat sie seit 1973 immer wieder Wege des Anfangens gefunden. „Es ist schwierig, wenn es so einen sinnlosen Tod gibt, wie bei unserem Sohn und unserem Enkelsohn. Die Frage nach dem „warum“ steht immer im Raum, aber sie ist absolut nicht beantwortbar.“ Die Aufarbeitung des Concentus-Archives hat ihr geholfen mit dem irdischen Verlust der Hälfte des Ganzen umzugehen. Ununterbrochen konfrontiert mit der unfassbaren Vielfalt der geleisteten künstlerischen Arbeit; darin enthalten die gewechselten Gedanken und Worte der lebendigen Künstlergemeinschaft.

Die manchmal auch sehr mühsame Arbeit im Garten bereitet geerdete Freude und garantiert darüber hinaus eine ästhetische Komponente. „Zufrieden darf man nicht sein; weil man dann kein Ziel hätte. Zufrieden ist ein gefährlicher Zustand, weil sich dann nichts entwickeln kann. Das ist schwierig, wenn man alt ist.“ Alt? Alice Harnoncourt denkt bereits an ein Kinderprojekt für die kommenden „Internationalen Harnoncourt-Tage“.

Radiotipp
Gedanken von Alice Harnoncourt
10.09., 15.00 Uhr
DaCapo
26.09., 20.00 Uhr

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  • S. 12-13

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