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  • Foyer5
  • Landestheater Linz
  • # 18 | November/Dezember 2020
  • S. 18-21

Premierenfieber | Musical

Kraft durch Zusammenhalt!

Arne Beeker im Interview mit Or Matias, Komponist und Librettist des neuen Linzer Musicals »The Wave« (»Die Welle«)

Interview: Arne Beeker

[Landestheater Linz]

Auf Grundlage von Ron Jones’ Bericht über Die Welle entstanden Romane, Filme, Theaterstücke, sogar ein Tanztheater. Jetzt hast du ein Musical darüber geschrieben. Warum glaubst du, dass das berühmte Sozialexperiment ein interessantes Musical sein kann?

Schon immer hat mich die Beziehung zwischen Musik und Masse interessiert. Grundsätzlich hat jede gesellschaftliche Gruppe ihren eigenen Soundtrack: Seeleute haben Shantys, Fußballfans ihre Fangesänge, die amerikanische Antikriegsbewegung der 1960er Jahre Rock’n’Roll-Hymnen … und die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Bei der Beschäftigung mit The Wave träumte ich sofort von der Energie, die entsteht, wenn die Geschichte über eine durchlaufende Musik erzählt wird, mit der Herdenver - halten und die Anpassung an ein allgemeines Ideal abgebildet werden kann. Dies mit der bekannten Effektivität des Geschichtenerzählens im Musical-Idiom zu verbinden, erschien mir wie die perfekte Ehe.

Du hast vier Jahre an The Wave gearbeitet. Wie hast du es geschafft, dein Interesse für das Thema so lange wachzuhalten?

Ich spiele seit fast dreißig Jahren Klavier und ich interessiere mich ja auch genauso dafür wie zu Beginn (lacht). Geschichten sind atmende Lebewesen. Ich entdecke immer noch, was The Wave ist. Jedes Gespräch darüber lehrt mich Neues. Ich hatte immer eine Vorliebe für ernste und soziale Themen; da endet die Arbeit nie – und auch nicht das Interesse!

Inwiefern hat sich The Wave über die Jahre entwickelt? Hast du die ursprüngliche Fassung komplett überarbeitet, oder haben erste Ideen oder Songs überlebt?

Gute Frage! In der aktuellen Version sind wohl noch etwa 30 bis 40 Prozent vom ursprünglichen Entwurf erhalten. Einige Songs (wie Roberts Sololied „Nicht so schwer“) gab es schon in der Erstfassung, und einige der Figuren sind intakt geblieben. Das Meiste hat sich jedoch gegenüber dem ursprünglichen Entwurf entscheidend verändert. Wunderbar war, in meiner Mitentwicklerin Chloe Treat eine Partnerin für dramaturgische Fragen zu haben. Ich bin ein sehr emotionaler Autor und schreibe gerne aus dem Bauch heraus, von innen nach außen. Ich erfinde Songs und Texte, die sich für den Augenblick oder die Figur richtig anfühlen. Chloe dagegen ist brillant darin, die Makrostruktur und die großen Bögen zu sehen, sich von außen nach innen zu arbeiten. Auf diese Weise hat sich das Stück ständig weiterentwickelt, um beiden Ansätzen gerecht zu werden.

Du hast nicht nur die Musik von The Wave geschrieben, sondern auch Buch, Gesangstexte und Orchestrierung beigesteuert. Die meisten Musicalautor*innen arbeiten im Team, Ausnahmen bestätigen die Regel. Warum hast du dich entschieden, all das hier allein zu machen?

Ich überlege bei jedem meiner Stücke, was es von mir braucht. Einige meiner Musicals hatten separate Texter, Buchautoren usw. The Wave jedoch ist einzigartig für mich, weil ich den Stoff schon mit 16 in der Highschool kennengelernt habe. Die Geschichte hat so lange in mir gegärt … Als ich mit den ersten Skizzen begann, war ich überzeugt, dass ich das Stück mit anderen schreiben will. Aber je tiefer ich in die Materie eindrang, desto stärker fühlte ich, dass ich mich durch dieses Stück auf verschiedene Weise ausdrücken wollte. Die Gesangstexte schienen untrennbar mit der Musik verbunden, und das Buch war mit beidem verflochten. Und obwohl ich sonst nichts gegen andere Arrangeure habe, hatte ich für dieses Stück einen ganz bestimmten Klang im Sinn: die Dualität von Orchestertradition und zeitgenössischen groove-basierten Arrangements. So viele der Songs wurden mit Blick auf die Instrumentierung geschrieben, dass es unvermeidlich war, dass ich sie selbst orchestriere!

Du hast The Wave mit der Regisseurin und Choreografin Chloe Treat entwickelt, die nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Leben deine Partnerin ist. Sie sollte ursprünglich in Linz Regie führen, doch die strenge Göttin Corona hat diesen Plan vereitelt. Möchtest du uns vielleicht ein wenig über deine persönlichen Erfahrungen mit der Krise berichten?

Oh mein Gott, Corona … Chloe und ich sind uns bei der Arbeit an Natasha, Pierre and the Great Comet of 1812 begegnet, und ich war beeindruckt von ihrer künstlerischen Brillanz. Ich bat sie, als Regisseurin an Bord zu kommen, sobald ich den ersten Entwurf zu The Wave fertiggestellt hatte, und sie änderte meine Sichtweise auf das Stück komplett. In der Zwischenzeit haben wir uns verliebt, haben geheiratet und ein Kind bekommen! Wir hatten uns das ganze Jahr auf diese gemeinsame Produktion gefreut und sind wirklich am Boden zerstört, nicht in Linz dabei sein zu können. Trotzdem sind wir sehr dankbar, dass Christoph [Drewitz] mutig eingesprungen ist und so einen tollen Job macht!

Die österreichischen Theater spielen wieder, und wir alle hoffen, dass es so bleibt. Wie ist die Situation für die amerikanischen Theater?

Die Situation hier ist sehr düster. Derzeit ist am Ende des Tunnels kein Licht für die Wiedereröffnung der Theater zu sehen.* Unsere gesamte kulturelle Community kämpft ums Überleben, und die Not ist sehr real. Ich meine es ernst, wenn ich sage: Nehmt eure Situation nicht für selbstverständlich! Chloe und ich sind freiberufliche Künstler, die für ihren Lebensunterhalt auf solche Arbeit angewiesen sind. Sicherlich haben wir jetzt mit unserem Baby Angst davor, was die Zukunft bringt und ob es in naher Zukunft in den USA wieder Theater geben wird. Wir starren gebannt auf die Wahlen im November. Hoffentlich kann eine verantwortungsvolle Regierung den Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft ebnen.

In den europäischen Medien wird derzeit viel über amerikanische Politik berichtet. Für die meisten Menschen hier wirkt der US-Wahlkampf wie ein großer Zirkus, und die schiere Anzahl von Trumps Lügen macht fassungslos. War Trumps Präsidentschaft Teil deiner Motivation, The Wave zu schreiben?

Ich habe mit der Arbeit an The Wave begonnen, bevor Trump 2016 ins Amt gewählt wurde. Das schreckliche Ausmaß an Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Propaganda und Missachtung von menschlichem Leben steht jedoch im Zentrum dessen, wovor The Wave warnen möchte. Wir alle erleben seit vier Jahren unseren schlimmsten Albtraum, und ich kann nur hoffen, dass es im November besser wird.

Du bist nicht nur Autor und Komponist von Musicals, sondern auch musikalischer Leiter und Pianist. Als solcher warst du Teil der New Yorker Uraufführung von Dave Malloys Préludes, das 2017 sehr erfolgreich im Landestheater Linz gespielt wurde. Ich kann mir vorstellen, warum Dave dich für die Rolle des Rachmaninow ausgewählt hat, aber es wäre großartig, das von dir selbst zu hören.

Ha, ja! Das war etwas Einzigartiges! Dave hatte vom Lincoln Center einen Kompositionsauftrag und ließ sich unter anderem davon inspirieren, dass ich mich vor jeder Aufführung von Natasha, Pierre and the Great Comet of 1812 mit Rachmaninows Préludes aufwärmte. Rachmaninow war schon immer mein Lieblingskomponist, und seine Préludes hatten seit meiner Ausbildung an der Juilliard School einen besonderen Platz in meinem Herzen. Dave baute das Stück um mich herum als zentralen Darsteller auf, und wir erarbeiteten gemeinsam, wie die verschiedenen Klavierstücke in Verbindung mit den Szenen funktionieren. Es war ein sehr besonderer Prozess, und ich bin sehr dankbar für Daves geniale Arbeit!

Du bist sowohl in Israel als auch den USA aufgewachsen, und in einem Interview hast du erwähnt, dein Traum sei, die Arbeit in New York mit Projekten in Israel zu verbinden. Jetzt lebst du in San Antonio, Texas, und kombinierst das mit einer Uraufführung in Linz, Österreich. Träume ändern sich?

Sie entwickeln sich! Diese Produktion ist in vielerlei Hinsicht ein verwirklichter Traum. Vielen Dank, Arne, Matthias, Tom, Hermann, Christoph, Juheon, Chloe und dem gesamten Team, dass das möglich geworden ist.


* Am 9. Oktober 2020 wurde bekannt, dass die Broadway-Theater nicht vor Mai 2021 wieder öffnen (A.B.).


OR MATIAS 

ist Komponist, Texter, Pianist, Dirigent und Musikproduzent. Der Juilliard School-Absolvent fusioniert in seiner Musik Klassik, Jazz, Rock, Hip-Hop und Pop. Mauern zwischen musikalischen Welten einzureißen, ist seine Leidenschaft. In den USA wurde Ors Musical Wall Between Us über die Beziehung zwischen einem Israeli und einem Palästinenser mit großem Erfolg aufgeführt. Für den Stepptänzer Andrew Nemr schrieb er die Musik von Rising to the Tap, und er arbeitet an einem Musical über den polnischen Komponisten und Premierminister Ignacy Paderewsky.

2016 war Or Musikalischer Leiter bei Dave Malloys Musical Natasha, Pierre and the Great Comet of 1812, das am Broadway einen Sensationserfolg feierte. Ein Jahr zuvor wurde er für seine Darstellung Sergej Rachmaninows in Malloys Préludes im Lincoln Center New York für den Lucille Lortel Award nominiert. Außerdem leitete und dirigierte er die Uraufführung von Michael John LaChiusas First Daughter Suite am Public Theatre und fungierte als Musik- und Soundberater bei Anaïs Mitchells Musical Hadestown beim New York Theatre Workshop. 2019 setzte Or seine Zusammenarbeit mit Dave Malloy für dessen neue Werke Moby Dick und Octet fort. Für Octet erhielt Or einen OBIE Award.

Seit 2016 arbeitet Or an Buch, Musik, Gesangstexten und der Orchestrierung der MusicalAdaption von The Wave (Die Welle), dem Sozialexperiment von 1967, das eine amerikanische Highschool innerhalb von fünf Tagen in eine protofaschistische Bewegung verwandelte. Als Geschichtslehrer Ron Jones das aus dem Ruder gelaufene Experiment abbrechen will, wendet sich „die Welle“ gegen ihn.


THE WAVE (DIE WELLE)
MUSICAL VON OR MATIAS NACH DEM BERICHT VON RON JONES
THE WAVE (DIE WELLE) MUSICAL VON OR MATIAS NACH DEM BERICHT VON RON JONES

Mitarbeit an der Original-Konzeption und Consulting: Chloe Treat Deutsch von Jana Mischke In deutscher Sprache

The Wave wurde zum Teil 2019 an der Johnny Mercer Writers Colony bei Goodspeed Musicals entwickelt.

The Wave wurde zum Teil mit Unterstützung von SPACE on Ryder Farm (spaceonryderfarm.org) geschrieben. In Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst (MuK) Privatuniversität der Stadt Wien

Preview 6. November 2020 
Uraufführung 7. November 2020 Schauspielhaus

Musikalische Leitung Juheon Han Inszenierung Christoph Drewitz Choreografie Hannah Moana Paul Bühne Veronika Tupy Kostüme Anett Jäger Dramaturgie Arne Beeker

Mit Christian Fröhlich (Ron), Hanna Kastner (Ella), Lukas Sandmann (Robert), Celina dos Santos (Jess), Samuel Bertz* (James), Malcolm Henry* (Stevie) und Alexander Findewirth*, Caroline Juliana Hat*, Paolo Möller*, Lena Poppe*, Alexander Rapp, Kathrin Schreier*

*Studierende der MuK Privatuniversität Wien

Weitere Vorstellungen
14. und 22. November, 11. Dezember 2020, 5., 6., 10., 14., 16. und 24. Jänner 2021
Weitere Termine auf landestheater-linz.at





  • Quelle: Foyer5
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  • # 18 | November/Dezember 2020
  • S. 18-21

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