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  • Oper Frankfurt
  • November/Dezember 2019
  • S. 8-9

Premiere Lady Macbeth von Mzemsk

Träume von einer anderen Welt

Text: Konrad Kuhn

[Oper Frankfurt]

1932, noch bevor er die Komposition seiner zweiten Oper abgeschlossen hatte, schrieb Dmitri Schostakowitsch: »Man kann Lady Macbeth eine tragisch-satirische Oper nennen. Obwohl Katerina Lwowna die Mörderin ihres Mannes und ihres Schwiegervaters ist, habe ich Sympathie für sie. Ich war bemüht, den ganzen sie umgebenden Lebensverhältnissen einen düster-satirischen Charakter zu geben.« Damit sind die beiden Pole benannt, zwischen denen das Werk seine ungeheure Spannung entwickelt.

Der Stoff der Lady Macbeth von Mzensk geht auf einen historischen Kriminalfall zurück, von dem sich der russische Autor Nikolai Leskow 1865 zu einer Novelle inspirieren ließ. Sie beginnt so: »Bei uns trifft man bisweilen Menschen, an die man niemals ohne innere Bewegung denkt, auch wenn schon viele Jahre seit der Begegnung mit ihnen vergangen sind. Zu diesen Menschen gehört die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna Ismailowa, die nach ihrer Verstrickung in ein schreckliches Drama von unseren Adligen kurzerhand die ›Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk‹ genannt wurde.« Der Bezug zu Shakespeares Dramenfigur ist eher oberflächlich: Beide Frauen sind kinderlos, worunter sie leiden, und beide werden zur Mörderin. Doch in Shakespeares Macbeth ist es kaltblütige Berechnung, die die Lady zum Mord an König Duncan schreiten lässt. Diese Bluttat zieht dann alle weiteren nach sich. Katerina hingegen handelt aus dem Moment heraus: Erst als ihr boshafter Schwiegervater Boris ihren Liebhaber Sergei vor ihren Augen fast zu Tode peitscht, mischt sie ihm unmittelbar danach Rattengift ins Pilzgericht.

Auch der zweite Mord geschieht im Affekt. Katerinas Ehe ist schon lange zerrüttet. Mit Sergei hingegen scheint sie das Liebesglück gefunden zu haben. Zusammen mit ihm räumt sie den ungeliebten Ehemann Sinowi aus dem Weg. Bei Sergei ist allerdings mehr Kalkül als Liebe im Spiel: Er sieht die Chance für den sozialen Aufstieg gekommen. Katerina aber wird von Gewissensbissen geplagt. Als die nur schlecht versteckte Leiche Sinowis – ausgerechnet während der Feier zu ihrer Hochzeit mit Sergei – gefunden wird und die Polizei erscheint, bekennt Katerina sich sofort zu ihrer Schuld. Schon zuvor war ihr der Geist des ermordeten Schwiegervaters als Albtraum erschienen. Darin liegt vielleicht doch wieder eine Parallele zu Shakespeares Lady Macbeth, die am Ende besessen ist von der Vorstellung eines Blutflecks auf ihrer Hand, den alles Waschen nicht beseitigen kann.

Eine tragischsatirische Oper

Warum geht uns das Schicksal der dreifachen Mörderin Katerina Ismailowa so nahe? Warum empfinden wir sie als tragische Figur, wie es Schostakowitsch wollte? Hier kommt die zweite Seite ins Spiel: das, was der Komponist ›düster- satirisch‹ nennt. Schonungslos malt er die menschenverachtende Welt, von der Katerina umgeben ist und die ihr die Luft zum Atmen nimmt. Dass die Musik dabei häufig beißenden Spott ausdrückt, wenn es um die Charakterisierung der anderen Figuren geht, lässt uns die Momente, in denen wir Katerina in die Seele blicken, umso mehr zu Herzen gehen. Man muss die oft typenhaft zugespitzten Figuren wie den herrschsüchtigen, hinterhältigen Boris, den berechnenden Macho Sergei, den bigotten Popen, den korrupten Polizeichef oder auch den heruntergekommenen Säufer, der den sprechenden Namen ›Der Schäbige‹ trägt, nicht zwingend im Russland des 19. Jahrhunderts verorten. Die Charaktere sind modern. Auch in der vertierten Masse des Chores, die vor Vergewaltigung und sadistischer Schadenfreude nicht zurückschreckt, erkennen wir Züge heutiger Verrohung wieder. Vor dem Hintergrund dieser Schreckensvision, wie ›satirisch‹ sie auch gezeichnet ist, wird Katerinas Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach einem anderen Leben nachvollziehbar.

Das russische Publikum scheint das bei der Uraufführung 1934 so empfunden zu haben. Die Oper wurde, auch international, zu einem großen Erfolg. Bis Stalin 1936 im Moskauer Bolschoi Theater eine Vorstellung besuchte und noch vor dem Ende verließ. Zwei Tage später erschien im Parteiorgan Prawda ein vernichtender Artikel mit der Überschrift »Chaos statt Musik«. Schostakowitschs Musik wurde als »absichtlich disharmonisch «, »grob, primitiv und trivial« verunglimpft: »Melodiefetzen und Ansätze von musikalischen Phrasen erscheinen nur, um sogleich wieder unter Krachen, Knirschen und Gekreisch zu verschwinden.« Hintergrund des Angriffs war die Doktrin des sogenannten ›Sozialistischen Realismus‹. Zum anderen ging es um die ideologische Rechtfertigung dessen, was als ›stalinistische Säuberungen‹ in die Geschichte eingegangen ist und Tausende von Sowjet- Künstlern und Intellektuellen das Leben kostete oder die Verbannung nach Sibirien einbrachte. »Dieses Spiel kann böse enden«, heißt es wörtlich im Prawda-Artikel. In Schostakowitsch löste der Vorgang Todesangst aus. Er schrieb nie wieder eine Oper. Sein weiteres Schaffen ist von dem Zwiespalt gekennzeichnet, sich nach außen hin regimekonform zu verhalten und zugleich seinen eigenen Anspruch nicht zu verraten.

Erst 1963, zehn Jahre nach Stalins Tod, wurde das Werk unter dem Titel Katerina Ismailowa in einer abgemilderten Fassung in Russland wieder aufgeführt. Der 1976 aus der Sowjetunion ausgebürgerte Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch schmuggelte bei seiner Auswanderung die Partitur der Originalfassung in den Westen und brachte 1979 eine Aufnahme heraus. Zunächst nur an wenigen Theatern gespielt, hat sich Schostakowitschs aufregende Oper in dieser Urfassung inzwischen einen festen Platz im Repertoire erobert. Nachdem Lady Macbeth von Mzensk an der Oper Frankfurt u. a. 1993 in der Regie von Werner Schroeter auf die Bühne kam, inszeniert nun Anselm Weber. Der Intendant des Schauspiels Frankfurt hat hier zuletzt mit Weinbergs Die Passagierin und Korngolds Die tote Stadt markante Arbeiten vorgelegt.


LADY MACBETH VON MZENSK
Dmitri D. Schostakowitsch 1906–1975

OPER IN VIER AKTEN (NEUN BILDERN) / URAUFFÜHRUNG 1934
Text von Dmitri D. Schostakowitsch und Alexander G. Preis nach Nikolai S. Leskow. In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

PREMIERE Sonntag, 3. November
VORSTELLUNGEN 7., 10., 14., 17., 22., 29. November / 8., 12. Dezember

MUSIKALISCHE LEITUNG Sebastian Weigle INSZENIERUNG Anselm Weber BÜHNENBILD UND KOSTÜME Kaspar Glarner LICHT Olaf Winter VIDEO Bibi Abel CHOR Tilman Michael DRAMATURGIE Konrad Kuhn

KATERINA ISMAILOWA Anja Kampe SERGEI Dmitry Golovnin BORIS ISMAILOW / DER ALTE ZWANGSARBEITER Dmitry Belosselskiy SINOWI ISMAILOW Evgeny Akimov DER SCHÄBIGE Peter Marsh SONJETKA Zanda Švēde POPE Alfred Reiter POLIZEICHEF Iain MacNeil VERWALTER / SERGEANT Anthony Robin Schneider AXINJA Julia Dawson HAUSKNECHT Mikołaj Trąbka POLIZIST / WACHPOSTEN Dietrich Volle LEHRER / 1. VORARBEITER Theo Lebow BETRUNKENER GAST / 2. VORARBEITER Michael McCown 3. VORARBEITER Hans-Jürgen Lazar ZWANGSARBEITERIN Barbara Zechmeister KUTSCHER Alexey Egorov MÜHLENARBEITER Yongchul Lim

Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins

ZUGABE
OPER EXTRA
TERMIN 20. Oktober, 11 Uhr, Holzfoyer

Mit freundlicher Unterstützung des Frankfurter Patronatsvereins

OPER IM DIALOG
TERMIN 17. November, im Anschluss an die Vorstellung, Salon 3. Rang, Eintritt frei

OPER LIEBEN
TERMIN 22. November, im Anschluss an die Vorstellung, Holzfoyer, mit Sebastian Weigle u. a., Eintritt frei

 

JETZT!
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für Erwachsene

Die Teilnehmer*innen werden zu einem Ensemble und lernen aus der Perspektive einer Opernfigur Handlung und Musik der Oper kennen. Diese gemeinsame Vorbereitung auf den Opernbesuch eröffnet ganz neue, individuelle Rezeptionsmöglichkeiten. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

TERMIN 16. November 2019, 14–18 Uhr
WORKSHOPLEITUNG Iris Winkler
TREFFPUNKT 13.50 Uhr an der Opernpforte
KARTEN im Vorverkauf

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  • Oper Frankfurt
  • November/Dezember 2019
  • S. 8-9

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