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  • Oper Frankfurt
  • November/Dezember 2019
  • S. 20-21

Premiere Pénélope

In Sehnsüchte verstrickt

Text: Stephanie Schulze

[Oper Frankfurt]

Im Gründungsepos unserer abendländischen Kultur steht ein Mann im Zentrum: Odysseus – erfolgreicher Kriegsheld, listenreicher Abenteurer, redegewandter Erzähler. Ein von den Göttern Gesegneter, der jede noch so schwierige Situation meistert und damit Geschichte(n) schreibt. So vielen Qualitäten gegenüber erscheint seine Frau Penelope beinahe wie eine Randfigur. Treue und Klugheit sind ihre Attribute. Ihr Status ist der einer Verlassenen, Ausharrenden, Wartenden, an die gesellschaftliche Ansprüche gestellt werden. Im Versuch, die Liebe zu Odysseus und den Glauben an dessen Rückkehr aufrecht zu erhalten, ist sie von Zweifeln zerrissen. Wie ist ein Weiterleben ohne Antworten möglich?

Als Königin trägt sie Verantwortung. Aber die Autorität einer Frau wird (nicht nur im Mythos) anders wahrgenommen als die eines Mannes. Freier bedrängen sie und sorgen für Chaos und Versuchung. Ein Gefühl der Ohnmacht bringt ihre Souveränität an Grenzen. Gefangen in einer List, die nur Wiederholung, aber kaum Veränderung erzeugt, wird sie auf die Frage zurückgeworfen: Was geschieht der Liebe, die kein Gegenüber hat, mit der Zeit?

Ein Solitär
Die komplexe Situation von Penelope macht Gabriel Fauré zum Thema seiner einzigen Oper. Mit der ihm eigenen zurückhaltenden Sinnlichkeit, sensiblen Farben und beinah schwebenden Melodien zeichnet er ein ungemein modern anmutendes Seelenporträt einer Frauenfigur, die sich verstrickt hat. Obwohl die Gattung durchaus sein Leben lang eine Art Sehnsuchtspunkt bildete, blieb sie mit Pénélope in Faurés Schaffen ein Solitär. Die Kunst der Melodie hatte er in seinen rund siebzig Liedern sowie in Klavier- und Kammermusik auf unnachahmliche Weise perfektioniert. Der großen Form stand er mit Skepsis gegenüber. Seine Theatererfahrung beschränkte sich auf Schauspielmusiken, u.a. zu Pelléas et Mélisande, sowie auf die Tragédie lyrique Promethée, die in ihrer überdimensionalen Größe und Statik dem Oratorium näher steht.

 

Fauré hatte die sechzig schon überschritten, als ihn die Wagner- Sopranistin Lucienne Bréval 1907 mit dem jungen Autoren René Fauchois zusammenbrachte – und sich gleich selbst die Uraufführung sicherte. Fauchois verfasste gerade in ihrem Auftrag ein Libretto nach der Homer’schen Odyssee. Das kam Faurés Vorliebe für antike Sujets sehr entgegen. Eine einfache, klare Handlung, die es ihm, wie er formulierte, erlaubte, »menschliche Gefühle mit mehr als menschlicher Musik« auszudrücken. Durch eine fortschreitende Ertaubung und die Direktorenpflichten am Pariser Konservatorium musste er einigen Pragmatismus walten lassen. Mit Erfahrung bremste er Fauchois’ Ambitionen. Relativ frei folgt das Libretto den letzten Gesängen der Odyssee und konzentriert sich dabei ganz auf Penelopes Tragödie. Nebenhandlungen sowie die Figur ihres Sohnes Telemachos werden ausgespart, noch wesentlicher fehlt die helfende Hand von Pallas Athene. Am Ende der Oper wird zwar in einem C-Dur-Schlussjubel Zeus besungen, doch die Welt, von der Fauré erzählt, kommt ohne Götter aus.

Andeutungen – Ahnungen
Zentral macht Fauré die Begegnung zwischen Pénélope und Ulysse, den sie in seiner Gestalt als Bettler nicht erkennt, und der ihr seine Identität aufgrund seines eigenen Racheplans gegen die Freier auch nicht enthüllt. Als er vorgibt, Ulysse gekannt zu haben, sieht sich Pénélope mit ihren Erinnerungen, der Vergangenheit und der Angst vor der Zukunft konfrontiert. Für Fauré war das Nicht-Erkennen durchaus ein Problem, wie einem Brief an seine Frau zu entnehmen ist: »Die Situation mag zwar dramaturgisch bedingt sein, sie bleibt jedoch vollkommen unglaubwürdig: Eine Frau singt zu ihrem eigenen Ehemann, erkennt ihn jedoch nicht wieder, da er einen falschen Bart trägt! Und ich muss mich dazu zwingen, mich selbst davon zu überzeugen, damit es in der Musik wirkt.« Kunstvoll verwebte Leitmotive – ein spürbarer Einfluss von Wagners Musikdramen – bringen die emotionale Komplexität und Ambiguität der Charaktere zum Ausdruck. Dabei erscheint das Königsthema des Ulysse beinah als musikalischer Eindringling in Pénélopes Gefühlswelt mit ihrem sehnsuchtsvoll fließenden Bewegungsdrang. Das Orchester lässt trotz großer sinfonischer Besetzung durchweg Raum für die Entfaltung des Gesangs. In seiner zarten Intimität und der natürlichen Deklamation steht Faurés Oper Debussys Pelléas et Mélisande nahe, allerdings war ihr nicht derselbe durchschlagende Erfolg beschieden.

 

Kurz nach der Uraufführung 1913 in Monte Carlo triumphierte Pénélope in Paris, doch kehrte das Werk nach dem Ersten Weltkrieg nur zögerlich auf die Bühnen zurück – bis heute. Zu sehr blieb die Oper wohl in der Schwebe zwischen spätromantischer Klangfülle, impressionistischer Farbigkeit und klassizistischer Schönheit, denen die neue Generation längst entwachsen war. Zu unmodern für die Moderne? Dies lässt sich im Hinblick auf die vielschichtige Titelpartie mit Sicherheit verneinen. Die Tiefe, in der die weibliche Psyche, die Beziehung zwischen Frau und Mann und die Frage nach Identität vor dem Hintergrund des Mythos verhandelt werden, macht Faurés Pénélope zu einem zeitlosen Meisterwerk, das es zu entdecken gilt.


 

PÉNÉLOPE Gabriel Fauré 1845-1924

 

POÈME LYRIQUE IN DREI AKTEN / URAUFFÜHRUNG 1913
Text von René Fauchois nach Homer. In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

FRANKFURTER ERSTAUFFÜHRUNG
Sonntag, 1. Dezember

VORSTELLUNGEN 6., 11., 15. Dezember / 11., 17., 23. Januar

MUSIKALISCHE LEITUNG Joana Mallwitz INSZENIERUNG Corinna Tetzel BÜHNENBILD Rifail Ajdarpasic KOSTÜME Raphaela Rose LICHT Jan Hartmann VIDEO Bibi Abel CHOR Markus Ehmann DRAMATURGIE Stephanie Schulze

PÉNÉLOPE Paula Murrihy ULYSSE Eric Laporte EURYCLÉE Joanna Motulewicz EUMÉE Božidar Smiljanić ANTINOUS Peter Marsh EURYMAQUE Sebastian Geyer LÉODÈS Ralf Simon CTÉSIPPE Dietrich Volle PISANDRE Danylo Matviienko° CLÉONE Nina Tarandek MÉLANTHO Angela Vallone ALKANDRE Bianca Andrew PHYLO Julia Moorman° LYDIE Monika Buczkowska

 

° Mitglied des Opernstudios

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