BÜHNENLEBEN > PRODUKTIONEN

  • Magazin
  • Oper Frankfurt
  • August-Oktober 2019
  • S. 16-17

Premiere Manon Lescaut

„Ich dachte an eine leuchtende Zukunft“

Über eine Frau, die sich selbst nicht gehört

Text: Stephanie Schulze

[Oper Frankfurt]

Wüst und leer ist die Welt ringsum, wenn alle Erwartungen enttäuscht, alle Chancen verpasst sind und der ganze jugendliche Lebenshunger vor den Tatsachen der Wirklichkeit kapitulieren musste. Es scheint, als sei sie in jenem Moment zum ersten Mal bei sich selbst: Manon. Im letzten Akt von Puccinis Oper fällt der Zauber von ihr ab und sie offenbart sich »einsam, verloren, verlassen«, wie es in ihrer finalen Arie heißt. Die eigene Schönheit verfluchend, fühlt sie, dass alles vorbei ist, und bäumt sich in blanker Angst doch dagegen auf. »Non voglio morir« – »Ich will nicht sterben«, wiederholt sie im Niemandsland der Wüste mit unerbittlicher Vehemenz, mehr Aufschrei als Gesang, gegen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Verurteilung. Kein Moment der Verklärung, der Transzendenz, sondern ein erbarmungsloser, physischer Überlebenskampf, der schon längst verloren ist.

Ambivalenzen

Bei Manon Lescaut handelt es sich um eine jener beinah mythischen Frauenfiguren unserer Kulturgeschichte. Als Phänomen rangiert sie in einer Liga mit Carmen und Lulu und scheint gleichzeitig den Heldinnen aus realistischen Romanen wie Die Kameliendame, Madame Bovary oder Krieg und Frieden verwandt zu sein. Geboren wurde sie in der Histoire des Abbé Prévost Anfang des 18. Jahrhunderts, einem seinerzeit nicht unwesentlich skandalös aufgenommenen Roman um die Versuchungen, denen der Protagonist Des Grieux erliegt, und dessen gesellschaftlichen Abstieg. Unzählige Künstler haben sich der tragischen Liebesgeschichte oder besser dieses Bildes einer Frau angenommen. Unwiderstehlich, rätselhaft und inkonsistent, geformt aus männlichen Projektionen und Sehnsüchten. Eine, die »für die Liebe gemacht ist«, die Männer »perfide, grausam« mit Kalkül um den Verstand bringt, eine »seltsame Sphinx«? Aus weiblicher Perspektive fällt die Einschätzung bezeichnenderweise etwas anders aus: Dumas’ Marguerite Gautier kommentiert ihre Lektüre von Prévost’ Roman mit der Feststellung, dass »eine Frau, die wirklich liebt, niemals das tun könne, was Manon getan hat«. Und in Petrows Novelle heißt es an einer Stelle, dass die Bezeichnung »Manon Lescaut« für eine Frau einer Beleidigung gleichkomme. Eine wie sie evoziert Reaktionen, Begehren, Mitleid oder Verachtung, und bleibt doch ungemein entrückt. Für sie gilt wohl weniger der Status einer Heldin im eigentlichen Sinne, noch kann sie uneingeschränkt als Identifikationsfigur bezeichnet werden, da ihr jegliche Individualität unter all den moralisierenden Zuschreibungen und Typisierungen zwischen jungfräulicher Versucherin und erotischem Vamp verwehrt bleibt. Eine Figur, die nicht vom Wege abgekommen ist, sondern eine, die den eigenen Weg nie gefunden hat. 

Mehr als ein Liebhaber

Das ambivalente Verhältnis drückt auch Giacomo Puccini aus. Für ihn zählt sie, einer lieblichen Überlieferung zufolge, zu jenen »kleinen Dingen«, die ihm von je so gut gefielen: »ein Mädchen von Herz und nicht mehr«. Sich der Popularität des Manon-Stoffes im 19. Jahrhundert durchaus bewusst, formuliert er jedoch auch, dass »eine Frau wie Manon mehr als einen Liebhaber verträgt«. Neben dem offensichtlichen Machismo zielt die Anspielung in erster Linie auf die knapp ein Jahrzehnt zuvor aufgeführte Oper Jules Massenets. Puccini verwirft für seine Manon Manon die Arbeit an einem russischen Sujet, was seinem einflussreichen Verleger Giulio Ricordi nicht ungelegen kommt, da dieser bestrebt ist, den jungen Komponisten nach seinen zwei mäßig aufgenommenen Opernerstlingen groß herauszubringen. Dass somit ganz geschickt der Trend, den französische Werke seinerzeit auf italienischen Bühnen setzten, bedient wird, zählt wohl als weiterer Pluspunkt für die Vermarktung eines vielversprechenden Shootingstars. Allerdings macht Puccini von vornherein deutlich, dass »Massenet auf jeden Fall vermieden werden muss«. In Ermangelung eines Autoren seines Vertrauens – »keinem idiotischen Librettisten darf erlaubt sein, die Geschichte zu ruinieren!« – ist die Arbeit am Text eine äußerst schwere Geburt, die über die Jahre sieben Co-Librettisten verschleißt und den Kompositionsprozess entschieden beeinflusst. Andauernde Umarbeitungen, Verschiebungen, Streichungen führen schließlich zu einer Dramaturgie, die sich von der Vorlage mehr und mehr entfernt. Puccini weiß genau, was er will: die Geschichte als Italiener greifen, mit der vielzitierten »verzweifelten Leidenschaft« anstelle von »französischem Puder und Menuetten«.

Schroff, mitreißend, erschütternd

Es ist weniger die ihm oft zugeschriebene süffige Sentimentalität, die Manon Lescaut auszeichnet, obwohl er mit dieser Oper 1893 zu seinem Personalstil findet und seinen Weltruhm begründet. Vielmehr ist dem Werk eine brüchige Erzählweise eigen, die sich trotz äußerst komplexer Motivverbindungen auch im mal lyrisch zarten, dann wieder vollen, sogar schroffen Klangbild spiegelt. Das Augenblicksempfinden seiner Titelfigur wird zum Prinzip. In vier üppigen Akten stehen dramatisch mitreißende Momentaufnahmen im Zentrum, ohne zu erklären oder zu werten; Episoden, die sich im Verlauf der Handlung immer mehr auf das Paar Manon und Des Grieux zuspitzen. Die erste Begegnung inmitten der flirrend heiteren Stimmung städtischen Trubels wird zum Ausgangspunkt einer permanenten Flucht, die kein Ankommen verspricht. Des Grieux »rettet« Manon vor den Machenschaften ihres zwielichtigen Bruders Lescaut, der sie dem einflussreichen Geronte verspricht. Was beiden in Paris widerfährt – eine Zeit des Verliebtseins und der Armut, erfahren wir nur aus Manons Erinnerungen. Sie hat sich den Wohlstandsversprechen der Großstadt und Gerontes zugewandt. Seltsam entrückt, in seiner Künstlichkeit auf das 18. Jahrhundert verweisend, entwickelt sich das Klangbild. Manons Leben scheint zwar finanziell abgesichert, bequem und dekoriert, trotzdem vermisst sie die leidenschaftlichen Küsse. Doch die erneute Flucht mit Des Grieux misslingt, da sie sich nicht von den Dingen, die das Leben schöner machen, trennen kann. Mit fatalen Folgen. Nicht nur für sie, auch für Des Grieux, der ihr bis zur Sucht verfallen ist, setzt sich ein Leidensweg fort. Puccini schildert diesen in einem berauschend schönen Intermezzo, das ein an Wagner geschultes Ohr nicht überhören lässt. Mit seiner suggestiven Kunst des Melos evoziert Puccini eine unmittelbar berührende Emotionalität. Gefühlsäußerungen in Arien oder Duetten sind aber so geschickt in die Szenenkomplexe eingebunden, dass sie immer in Bezug zur Handlung und zur sozialen Situation stehen. Erst im vierten Akt, der quasi ein einziges Duett zwischen Manon und Des Grieux ist, löst sich Puccini davon – hin zu einem beinah abstrakten Raum. Die Wüste wird hier zu einem Ort des Außerhalb-derWelt-Stehens, wo beide nur noch sich gehören. Er trägt ihr Scheitern mit. Alles, was Des Grieux für ihre Freiheit versucht hat, war vergeblich, nur ihre Liebe war es nicht.

Manon: eine Frau, die vieles von dem verfolgt, was für einen Großteil unserer Gesellschaft heute zum erstrebenswerten Standard gehört – Wohlstand, Sicherheit, emotionale Erfüllung, Freiheit – und doch alles andere als selbstverständlich ist.


MANON LESCAUT Giacomo Puccini 1858–1924

DRAMMA LIRICO IN VIER AKTEN / URAUFFÜHRUNG 1893
Text von Luigi Illica, Domenico Oliva, Giulio Ricordi und Marco Praga nach Abbé Prévost. In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

PREMIERE Sonntag, 6. Oktober
VORSTELLUNGEN 10., 13., 18., 25., 27. Oktober / 2., 9., 15., 23. November

MUSIKALISCHE LEITUNG Lorenzo Viotti (6., 10., 13., 25., 27. 10. / 2.11.) / Takeshi Moriuchi (18. 10. / 9., 15., 23. 11.) INSZENIERUNG Àlex Ollé BÜHNENBILD Alfons Flores KOSTÜME Lluc Castells LICHT Joachim Klein—VIDEO Emmanuel Carlier CHOR Tilman Michael DRAMATURGIE Stephanie Schulze

MANON LESCAUT Asmik Grigorian LESCAUT Iurii Samoilov CHEVALIER RENATO DES GRIEUX Joshua Guerrero GERONTE DE RAVOIR Donato Di Stefano EDMONDO Michael Porter DER WIRT Magnús Baldvinsson EIN MUSIKER Bianca Andrew EIN TANZMEISTER Jaeil Kim DER LATERNENANZÜNDER Santiago Sánchez DER SERGEANT Božidar Smiljanić DER KAPITÄN Pilgoo Kang°

° Mitglied des Opernstudios

  • Quelle: Magazin
  • Oper Frankfurt
  • August-Oktober 2019
  • S. 16-17

PDF-Download

Artikelliste dieser Ausgabe