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  • Landestheater Linz
  • # 16 | Jänner-März 2020
  • S. 16-19

Premierenfieber

Die Schule

Geschichte und Geschichten

Text: Bernhard Doppler

[Landestheater Linz]

Ein Maturafoto aus dem Jahre 1927 war der Auslöser für die Recherche der Geschichts-AG des Akademischen Gymnasiums Linz. Auf dem Sofa in der Mitte eine junge Frau, die Beine übereinandergeschlagen, der Blick fast gelang-weilt, wie auch die zweite junge Frau. Sie sitzt auf dem Stuhl neben dem Klassenvorstand, Dr. Klug heißt er und unterrichtet Mathematik und Naturlehre. Das Foto wirkt ein wenig wie die Präsentation einer Varieté-Sängergruppe oder wie das Foto aus einem Film der Zeit, dem Blauen Engel, in dem Marlene Dietrich, „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, den selbst-bewussten Gymnasiasten, vor allem aber dem Lehrer Professor Rath den Kopf verdreht.


Nein, die Frau auf dem Sofa ist nicht der blaue Engel, sondern Geli (Angela) Raubal, eine Nichte Adolf Hitlers, die aber tatsächlich als junge, lebenslustige, burschikose Frau, oft an der Seite ihres Onkels, herumwirbelte – bis zu ihrem frühen Selbstmord, vier Jahre nach der Matura. Dass Mädchen, wenn auch nur wenige, ab 1922 ins Linzer Gymnasium gingen, war ein Zeichen moderner, freizügiger Zeiten, das jedoch bald vom österreichischen Ständestaat wieder rückgängig gemacht wurde. Zwischen 1936 und 1954 gab es am Akademischen Gymnasium keine Schülerinnen mehr, und auch später zunächst nur sehr wenige.

GESPRÄCH MIT HITLER
Ebenfalls auf besagtem Foto hinter dem Klassenvorstand, die Augen ein wenig verkniffen, der spätere ÖVP-Politiker und Nationalratspräsident Alfred Maleta; als Schüler „eher ein Smokingtyp“, wie er in seiner Autobiographie Bewältigte Vergangenheit erzählt. Maleta um-schwärmt Geli Raubal, begleitet sie auf dem Schulweg und eröffnet als Tanzpartner mit ihr verschiedene Faschingsbälle.

Geli Raubal vermittelt den Mitschülern auch eine Begegnung mit ihrem Onkel. Der Nationalsozialismus ist noch in einer Anfangsphase. Die Klasse unternimmt zwischen schriftlicher und mündlicher Matura eine Exkursion nach München und trifft dort mit Adolf Hitler zu einem längeren Gespräch im Palais Bruckmann zusammen, oder besser: Es ist ein Monolog Hitlers. Die Begegnung wird Alfred Maleta später ausführlich beschreiben, auch in einem denk-würdigen Gespräch mit seinem Geschichtslehrer Hermann Foppa, das im November 1940, 13 Jahre später, stattfand. Da sind Schüler und Lehrer in größtem politischem Gegensatze. Maleta war gerade aus dem Konzentrations-lager Dachau entlassen, während sein Lehrer Hermann Foppa nicht nur NS-Gauschulinspektor, Gauhauptstellenleiter und Gaupropagandaredner, sondern auch Reichstagsabgeordneter in Berlin war. Das Gespräch zwischen ehemaligem Lehrer und ehemaligem Schüler soll sehr freundschaftlich verlaufen sein und bis zwei Uhr morgens gedauert haben.

DER NACHLASS DER KRIEGSMATURA
Im Archiv der Schule fand eine Schülergruppe auf den Spuren der Geschichte ihrer Schule in mehreren großen Schachteln auch einen Nachlass, der eine Kriegsmatura betrifft, den Jahrgang 1941. Alle Klassentreffen sind festgehalten, die Einladungen aufbewahrt, auch die Reden, die dabei gehalten wurden. Sogar eine eigene Zeitschrift, eine Art Rundschreiben Civitas hat dieser Maturajahrgang herausgegeben, ja es scheint so, als ob sich die Gemeinsamkeit dieser Klasse nach der Schulzeit noch intensivierte. Exkursionen bis nach Italien fanden statt, gemeinsames Eisstockschießen oder Wochenenden am Attersee.

Und ausgerechnet in diesen Schachteln bin ich dann auch auf meinen Vater gestoßen! Er ist zwar später erst in diese Klasse gekommen und nach der Matura aus Linz weggezogen. Der Turnlehrer, den man auf den Fotos beim Ski-kurs sieht, war Widerstandskämpfer – auch solche Leute gab es am Akademischen Gymnasium. Er wurde hingerichtet. Fast alle Lehrer erschienen sonst, erzählt er mir, nach dem Anschluss Österreichs ans Dritte Reich mit Parteiabzeichen, und einige gebärdeten sich sogleich als besonders stramme Nationalsozialisten.

DER MITSCHÜLER ERICH ALFRED QUER
Wann musste man aus der Schule ausscheiden, wann gehörte man wieder dazu? Ein geradezu unheimliches Beispiel ist Erich Alfred Quer, ein Mitschüler meines Vaters. 1936 wird Quer vorübergehend wegen nationalsozialistischer Betätigung des Akademischen Gymnasiums verwiesen – er ist überzeugter Nationalsozialist! Und gleichzeitig, wie sich zwei Jahre später herausstellt: Jude. 1938 wird Quer deshalb aus dem Gymnasium ausgeschlossen und emigriert mit seinen Eltern nach Kansas City in die USA, wo er bis 2009 als angesehener Chirurg tätig ist.

Ob er tatsächlich in Deutsch schreiben soll, fragt sich auch John S. Kafka, als er über sich eine autobiographische Skizze verfassen soll. Deutsch, seine Muttersprache, ist für ihn im Alter von 13 Jahren „steckengeblieben“, viele Wörter vor allem aber auch durch den Wort-gebrauch der Nationalsozialisten vergiftet.

WAS AUS JOHN S. KAFKA WURDE
Mit John S. Kafka hat das Projekt über die Geschichte des Akademischen Gymnasiums seinen Anfang genommen. Johann Siegmund Kafka, so hieß er damals, verließ bereits nach drei Schuljahren das Akademische Gymnasium in Linz. Ehe er in die USA emigrierte, brachte ihn ein Onkel aus Straßburg in einem französischen Internat unter. Den Antisemitismus der Linzer hatte er freilich auch schon vor dem Nationalsozialismus zu spüren bekommen. Seinem besten und liebsten Freund, Oskar Hillinger, war es plötzlich von dessen Vater untersagt, mit ihm zu spielen oder sein Haus zu betreten, da er kein Arier sei. John Kafka hat noch immer ein Foto von ihm aufbewahrt. Johann Kafka war ausgegrenzt und versuchte das durch sportliche Leistungen auszugleichen.

In Amerika gilt John Kafka nun weit mehr als ein halbes Jahrhundert später als einer der führenden Psychoanalytiker. Trotz seiner 98 Jahre betrieb er in Washington bis vor einem Jahr noch immer seine Praxis. In der Washingtoner Wohnung erinnert nur mehr ein gusseisernes Maßband an Linz und Österreich, ein altes Werbegeschenk der Firma, die in Urfahr und auf der Landstraße 44 ihre Fabrik und ihr Geschäft hatte: „LUSKA Ludwig und Sigmund Kafka, K & K Hoflieferanten Brandweine, Konserven, Essig, Senf, Gurken“.

PROJEKT „DIE SCHULE“
Als der Musiker und Komponist Peter Androsch, selbst Absolvent des Akademischen Gymnasiums an der Spittelwiese in Linz, 2012 von Direktorin Erika Hödl gebeten wird, eine Maturarede zu halten, taucht er ein in das Archiv der Schule und erkennt dieses als „historischen Spielplatz“. Die Idee, sowohl die Geschichte als auch die persönlichen Geschichten von Linz’ ältester Bildungsstätte, ihren Schülern und Lehrern zu erzählen, entsteht.

Das Projekt „Die Schule“, das Peter Androsch gemeinsam mit mir, mit Schülerinnen und Schülern des Akademischen Gymnasiums und ihrer Professorin Bernadette Chausse initiiert haben, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geschichte lebendig werden zu lassen – in Form von Texten und einer Ausstellung. Im Jänner 2020 münden die Geschichten, Fundstücke und Fragen in der Uraufführung des Musiktheaters von Peter Androsch am Landestheater Linz.

Ausgehend von schulischen Jubiläumsfotos entwickelt Regisseur Andreas von Studnitz in einem stilisierten Klassenzimmer bewegte Bilder, die die Geschichte des Akademischen Gymnasiums Linz als ein Kaleidoskop der Geschichte des 20. Jahrhunderts beleuchten und gleichzeitig Fragen an das geltende Schulsystem stellen.

Ein Rahmenprogramm (siehe S. 20-21) und eine eigene Homepage die-schule.at ergänzen das Rechercheprojekt. Weitere Informationen zu Aufführungen und Rahmenprogram auch unter landestheater-linz.at

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Der Autor
Bernhard Doppler ist Literaturwissenschaftler und Theaterkritiker – vor allem für das Deutschlandradio Kultur tätig. Er lebt seit den 1980er Jahren in Berlin. 1950 in Graz geboren, besuchte er dort in den 1960er Jahren das Akademische Gymnasium, für seine Arbeiten über die Schriftstellerin Enrica von Handel-Mazzetti wurde er 1979 mit dem Innitzer-Förderungspreis prämiert. Zurzeit arbeitet er an einer Studie über „Arnie, Jack & Chris“ (Schwarzenegger, Unterweger und Waltz).


Erstveröffentlichung 15. April 2017
OÖ Nachrichten


DIE SCHULE ODER DAS ALPHABET DER WELT
MUSIKTHEATER VON PETER ANDROSCH
TEXTE VON SILKE DÖRNER, BERNHARD DOPPLER UND PETER ANDROSCH


Uraufführung 19. Jänner 2020
BlackBox Musiktheater


Musikalische Leitung Jinie Ka
Inszenierung Andreas von Studnitz
Bühne und Kostüme Renate Schuler
Leitung Extrachor Martin Zeller
Dramaturgie Katharina John, Andreas Erdmann, Ira Goldbecher

Mit Eva-Maria Aichner, Maximilian Bendl, Timothy Connor, Tamara Culic, Florian Granzner, Horst Heiss, Rafael Helbig-Kostka, Jakob Kajetan Hofbauer, Svenja Isabella Kallweit, Levent Kelleli, Philipp Kranjc, Florence Losseau, Etelka Sellei, Melanie Sidhu, Annelie Straub


Extrachor des Landestheaters Linz Bruckner Orchester Linz

Wilde Gesänge, lebende Bilder, bestürzende Klänge, intime Gespräche, schockierende Geständnisse, Explosionen, Niederlagen, Stille. Die Chronik des Akademischen Gymnasiums in Linz – von 1918 bis heute – erzählt die Geschichte der Welt. Ob Femme fatale Geli Raubal (Hitlers legendäre Nichte) und ihr Lehrer Hermann Foppa (strammer Nazi und Taufpate von Jörg Haider), Nationalratspräsident Alfred Maleta oder die Künstler Hermann Bahr und Oscar-Gewinner Stefan Ruzowitzky – sie alle haben eines gemeinsam: Als Schüler*innen oder Lehrer des Akademischen Gymnasiums hinterließen sie nicht nur Spuren auf Schulbänken und in Klassenräumen, sondern schrieben auch darüber hinaus Geschichte.

Die Schule oder Das Alphabet der Welt ist das 20. Musiktheater des Linzer Komponisten und Schallkünstlers Peter Androsch. Er entwirft in diesem spartenübergreifenden Projekt einen Bilderbogen der Schule und ihrer Menschen – gestern und heute.

Weitere Vorstellungen
23., 26. (17.00), 29. Jänner, 4., 6., 9. (17.00), 11. und 13. (11.00) Februar 2020
Rahmenprogramm vor und nach den Vorstellungen am 26. Jänner und 9. Februar 2020

  • Quelle: Foyer5
  • Landestheater Linz
  • # 16 | Jänner-März 2020
  • S. 16-19

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