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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 6 | Herbst 2017
  • S. 35-37

„Sonst habe ich nichts zu erzählen“

Text: Stefan Hauser

[Radio Klassik Stephansdom]

Jonas Kaufmann ist ein Topstar der Klassik. Einer der besten Tenöre unserer Zeit ist in persönlicher Begegnung völlig unkompliziert, wie Stefan Hauser erfahren hat.

Zum Interview kommt Jonas Kaufmann ins Studio in die Singerstraße. Er ist ein sportlicher Typ, nimmt die Stiegen und nicht den Aufzug ins Dachgeschoß. Trotz der Auftritte an der Staatsoper findet er Zeit für uns. Im Gespräch geht es um Persönliches, aber natürlich auch um Musik.

Schon als Kind wird der 1969 geborene Jonas Kaufmann musikalisch geprägt. „Bei uns wurde viel Musik gehört, mit den Eltern und Großeltern sind meine Schwester Karin und ich oft in Konzerte in München gegangen. Musik hat uns gefesselt.“ Dabei ist das gar nicht so einfach, denn der junge Jonas ist „ein Treibauf“, einer der unruhig ist, mit viel Energie.

Damit sich Jonas austoben kann, geht es viel hinaus. Zu Hause kickt der Bayern München-Fan mit seinen Freunden im Hof, in den Ferien ist er bei den Großeltern am Tiroler Achensee oder in Burghausen an der österreichischen Grenze. „Sobald ich stehen konnte, hat der Opa geschaut, dass bei mir beim Ski fahren was weitergeht.“ Jonas sieht österreichisches Fernsehen: „Am dam des, Helmi und den Kasperl.“ Diesen mimt er selber, denn er unterhält bereits als Bub: „Ich habe Witze erzählt, viel gesungen und war schwer zu bremsen.“ Daher kommt Jonas als Siebenjähriger in einen Chor: „Es ist ein Gefühl, das mich bis heute nicht loslässt, vor Publikum aufzutreten, der Moment auf der Bühne, vom Klang umschlossen, das hat mich immer fasziniert“, bekennt Kaufmann. Die Begeisterung dafür nimmt stetig zu. Nur eines bringt ihn zum Zittern, das Vorsingen in der Schule vor den eigenen Klassenkameraden. Doch nach den „schlimmsten Lehrjahren“ geht es steil bergauf.

In Saarbrücken erhält Jonas Kaufmann sein erstes festes Engagement. Ob Paris, New York, London, Wien, Berlin, München, Zürich, der deutsche Startenor feiert seit zwei Jahrzehnten umjubelte Auftritte. Am liebsten singt er in italienischer Sprache: „Es ist die Kombination von offenen Vokalen, Konsonanten und Emotionalität, die mich begeistert.“ Die „deutsche Sprache“ sagt er, „musste ich mir erst erarbeiten.“ Kaufmann ist auch im Operettengenre erfolgreich und bringt es sogar in die Pop-Charts.

Wer meint, Jonas Kaufmann hält trotz vieler Engagements und Termine bewusst Haushalt mit der Stimme, irrt: „Ich spare nicht, aber ich schaue natürlich darauf, mir nicht zu viel vorzunehmen. Aber ganz Schweigen geht für mich nicht, auch normaler Alltag mit den drei Kindern muss sein.“ Ein erfülltes Leben neben dem Beruf als Sänger ist ihm wichtig, „denn sonst habe ich nichts zu erzählen.“

2016 hatte Kaufmann gröbere Probleme mit seiner Stimme zu bewältigen. Die Nebenwirkung eines Medikaments hatte ihm ein Äderchen auf dem Stimmband platzen lassen. Er musste so lange aussetzen, bis das Hämatom komplett resorbiert war. „Über das Stimmband weiß ich nun alles sehr gut“, blickt er zurück.

Am Boden zu bleiben ist eines der Erfolgsrezepte des Startenors: „Mir ist ein gutes Verhältnis zur Selbstkritik wichtig, ich muss mir selber treu bleiben und es nicht so machen, wie es andere wollen.“ Im Umgang mit dem „prominent“ sein, zeigt er keine Berührungsängste: „Ich möchte den Tag nicht mehr erleben, wenn keiner mehr an meiner Bühnentür steht. Unlängst hat mich hier in Wien ein Mann in der U-Bahn angesprochen und gefragt: ‚Sind Sie es wirklich?’ Aber in Berlin spricht mich kaum jemand an.“ Jonas Kaufmann bricht eine Lanze für das Musikinteresse in der Bundeshauptstadt: „Wien hat ein unglaubliches Interesse an klassischer Musik, die Staatsoper ist in aller Munde, hier ist das gelobte Land.“


Online-Tipp

Lebenswege

Die Sendung „Lebenswege“ mit Jonas Kaufmann können Sie im Podcast von „radio klassik Stephansdom“ nachhören. Die Sendereihe hören Sie jeden Freitag Foto und Sonntag um 17.30 Uhr. 

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 6 | Herbst 2017
  • S. 35-37

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