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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 19 | Winter 2020
  • S. 48-50

Don Giovanni als Mörder?

Ein musikalisch-juristischer Briefwechsel

Text: Christoph Wellner , Wolfram Huber , Rudolf Hackauf

[Radio Klassik Stephansdom]

Im heurigen Sommer hat sich der beliebte Sendungsgestalter Wolfram Huber in einer achtteiligen Reihe mit Mozarts Oper „Don Giovanni“ auseinandergesetzt. Nach der dritten Folge hat sich ein aufmerksamer Stammhörer bei radio klassik Stephansdom mit der Bitte gemeldet, doch einen Kontakt mit Wolfram Huber herzustellen. Es gehe um ein „ärgerliches Missverständnis“ in Bezug auf diese Oper, meinte der Jurist (im Ruhestand). Aber lesen Sie selbst …* 


24. Juli 2020, 08.05 Uhr
Vielen Dank für Ihre rasche Rückmeldung, sehr geschätzter Herr Dr. Huber!
Schon Ihre Serie über „Die Zauberflöte“ habe ich mit großem Interesse und Gewinn verfolgt.
Nun zu meiner „Wortmeldung“, der ich vorausschicken muß, daß ich Jurist (im Ruhestand) bin und daß meine Kritik keineswegs nur Sie betrifft, sondern daß sich das Mißverständnis leider wie ein roter Faden durch alle Programmhefte etc. zieht: Don Giovanni der Mörder!
Nein, er war KEIN Mörder, nicht einmal nach heutiger Rechtsauffassung, wo das Duell zu recht verboten ist. Da wäre er höchstens ein Totschläger, aber mit einem einigermaßen guten Anwalt nicht einmal das – sondern es gäbe einen glatten Freispruch. Denn Don Giovanni hat ja nicht als erster zur Waffe gegriffen, sondern das war der Komtur. Also hat er sich nur adäquat (nicht überschießend) verteidigt. „Leider“ war er wohl der Jüngere und Gewandtere und so kam sein Gegner eben zu Tode.
Damit es kein Mißverständnis gibt: Mir ist Don Giovanni keineswegs sympathisch und man darf ihm Vieles, fast alles zutrauen, nur eben keinen kalten (vorsätzlichen!) Mord (und zum Mord, § 75 StGB, gehört Vorsatz unabdingbar). Jedenfalls ließe sich dieser Vorsatz niemals beweisen.
Es war eine „Ehrenangelegenheit“, für die damalige Zeit in aristokratischen Kreisen selbstverständlich und nicht zu ahnden. Zumal der Komtur die „Ehre“ seiner Tochter verteidigt hat, die noch gar nicht verletzt war! Dies wollte ich einmal loswerden, weil ich mich schon solange über die Phrase „Don Giovanni als Mörder“ ärgere!
Bitte nehmen Sie mir’s nicht übel, zumal ich Ihr musikalisches Wissen und (auch) psychologisches Gespür überaus bewundere!
Mit dankbaren und sehr freundlichen Grüßen
Ihr ergebener
Mag. Rudolf Hackauf 


24. Juli 2020, 14.26 Uhr
Lieber Herr Wellner,
vielleicht als Abendlektüre gedacht: ein Gedankenaustausch zwischen einem Hörer und mir.
Mit herzlichen Grüßen
Wolfram Huber 


24. Juli 2020, 14.27 Uhr 
Sehr geehrter Herr Mag. Hackauf,
nun komme ich endlich dazu, Ihren sehr interessanten Einwand zu beantworten.
Der Einfachheit halber – aber was ist bei „Don Giovanni“ schon einfach?! – werde ich den gegensätzlichen Standpunkt jetzt vertreten: Also Argumente suchen und vorbringen, die belegen könnten und sollten, dass er, auch wenn Ihnen dies nicht gefällt, vielleicht doch ein Mörder war.
Aus diesem Grund habe ich nochmals Musik und Text sowie die Situation mit folgendem Ergebnis studiert:

1. Situation: Der Komtur stellt einen vermummten Einbrecher, der, so glaubt er, seiner Tochter zu nahe getreten ist. Dieser Irrtum seinerseits ist irrelevant. Relevant scheint mir aber, dass es sich um kein Duell handeln kann, weil ein Duell Formalitäten verlangt. Absprache des Ortes, der Zeit, der Waffen etc. Und: Wo sind die Sekundanten? Bei einem Duell gibt es auch keine anfängliche Weigerung eines der beiden Duellanten wie eben bei DG. Donna Anna ist davon geeilt, um Hilfe für ihren Vater zu holen. Bei einem Duell ist eine Hilfe für einen der beiden verboten. Deshalb sehe ich hier keine Duellsituation. Was aber will eigentlich der Komtur? Dasselbe wie seine Tochter. Er will den Verbrecher nicht unerkannt fliehen lassen. Er will wissen, wer dieser Vermummte ist. Das wird aber zum Knackpunkt werden! DG weigert sich also anfangs, richtig: kein dolus malus. Dann aber, als der Komtur nicht lockerlässt, kämpft er mit ihm. Notwehr? Notwehrüberschreitung? Mord? Darüber gleich.

2. Text: DG lässt sich auf den Kampf ein mit den Worten: „Na warte, wenn Du sterben willst.“ Da fehlt nur das „bitte, das kannst du haben.“ Es kommt also zum Kampf.

3. Musik: Mozart beschreibt in der Musik den Kampf sehr genau. Er wusste, worüber er komponiert, er hat schon als Kind fechten gelernt. Und nun das Bedenkliche und Bedenkenswerte: Am Schluss sticht DG ganz unnotwendig dreimal in den Körper des Komturs. Warum? Gunthard Born führt das in seinem Buch „Mozarts Musiksprache“ deutlich aus. Kampfunfähigkeit würde genügen. Das ist jetzt etwas anderes.

4. Text weiter: Dass es kein Duell war, bestätigt der Komtur sterbend wortwörtlich: „Der Mörder hat mich getroffen“ (L’assassino!). Nächstes Argument: Leporello als Augenzeuge reagiert mit: „Welch ein Verbrechen! Welch ein Exzess!“ Im nachfolgenden Rezitativ spricht Leporello von „ammazzare“, was sowohl umbringen wie auch ermorden bedeutet. Also mindestens Notwehrüberschreitung. Aber: Meiner Meinung nach wollte DG unerkannt entfliehen. Wäre er als versuchter Schänder und Einbrecher im Haus des angesehenen und ihm wohl bekannten Komturs erkannt worden, wäre das für ihn in Sevilla sehr nachteilig gewesen. Er war immerhin von Adel, ein sog. Ehrenmann, und in diesem Ruf stand er auch bei Donna Anna und Don Ottavio. Da er aber anscheinend diese Donna Anna unbedingt besitzen wollte (wenn auch nach diesem nicht gelungenen Versuch also später) durfte er keinesfalls erkannt werden.

Hätte der Komtur überlebt oder hätte der Kampf länger gedauert, wäre DGs Incognito dahin gewesen. Er hätte dem Komtur Hilfe leisten müssen bzw. er wäre von den Dienern und Don Ottavio festgenagelt worden. Dieses Risiko durfte er keinesfalls eingehen, und diese Erkenntnis – so glaube ich – kam ihm während des Kampfes. Juristisch also ein unbeweisbares Umschwenken von In-Kauf-Nehmen zur Mordabsicht.
Lorenzo da Ponte verwendet auch noch in der nächsten Szene die Worte „Verbrecher“ und „Mörder“, sich wohl bewusst, dass das gesamte Gefüge der Oper zusammenbrechen würde, wäre DG kein Mörder.
Denn: Wäre es nur ein Duell gewesen, wäre jede Rache sinnlos. Nach einem Duell gibt es keine Rache. Donna Anna aber wird geradezu zur Rachefurie und zwingt auch ihren Verlobten, ihren Vater zu rächen. Somit ist es aus vorliegenden Indizien für mich ersichtlich, dass es ein Mord, und wahrscheinlich DGs erster, gewesen sein muss. Hier überschreitet er die Grenze zwischen Leben und Tod, und am Friedhof jene zwischen Tod und Leben.
Nochmals zur Verdeutlichung: Ein Duell wäre eine Verharmlosung und ist aus vorliegenden Gründen für mich ausgeschlossen. Allerdings gebe ich zu, dass ein guter Anwalt sogar einen Freispruch herausholen könnte. Aber es geht nicht um einen Mord im juristischen, sondern im moralisch-ethischen Sinn.
Ich danke Ihnen, dass Sie mich veranlasst haben, mich mit dieser Problematik nochmals auseinanderzusetzen und hoffe sehr, dass meine Ausführungen, auch wenn Sie gegenteiliger Ansicht sind, Sie nicht davon abhalten werden, die Sendereihe weiter zu verfolgen und vielleicht mir auch noch in Zukunft kritische Kommentare zukommen zu lassen.
Hiermit verbleibe ich hochachtungsvoll
Wolfram Huber 


28. Juli 2020, 15.37 Uhr
Ich ziehe meinen Hut! Chapeau, Herr Dr. Huber!
Sie haben mir, der ich nur wie ein biederer Jurist gedacht, argumentiert habe, die Augen geöffnet. Danke und ich freue mich schon jetzt auf ... den Figaro (meine Lieblingsoper) oder Così fan tutte?
Ihr ergebener
Rudolf Hackauf

 

* Orthographische Eigenheiten wurden absichtlich nicht korrigiert.

  • Quelle: Magazin Klassik
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