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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 19 | Winter 2020
  • S. 57-59

Ein Gedankenspiel. - Die Musik ist tot

Text: Georg Breinschmid

[Radio Klassik Stephansdom]

Um die Musik war es vielleicht nie schlechter bestellt als heute. Sie hat mancherorts nicht einmal mehr Hilfsarbeiterstatus, wird zu „Preisen“ verscherbelt, die wie ein Witz klingen, aber Realität sind, Verscherbelungen, die man sich nie vorstellen konnte. Gleichzeitig darf sie im WWW gratis genossen und dafür mit dem „Daumen runter“ mit Füßen getreten und bespuckt werden. Musiker haben zum Großteil Bettlerstatus, spielen und arbeiten für einen Furz an Gage. Produziert und finanziert wird der größte denkbare Dreck, auf einem Niveau, das schwer in Worte zu fassen ist. Daneben wird, weil „gesellschaftlich akzeptiert“, dieselbe immergleiche „Klassik“ bis zum Erbrechen (und weit darüber hinaus) zu Tode genudelt, bis es nicht mehr geht, aber es geht immer noch. Musik wird als Hintergrund, als Hilfsarbeit wahrgenommen, und die, die sie ausüben, im besseren Fall als bedauernswerte Witzfiguren, im schlechteren Fall als anmaßende Schmarotzer und Gesindel. Man kann das, was heute „im Großen“ musikalisch auf der Welt passiert, getrost für tot erklären. Ein Großteil der aktuellen Popmusik ist auf einem Level angelangt, für das es keine Worte mehr gibt. Klassische Virtuosität ist hauptsächlich krank – was soll noch „perfekter“ werden? „Zeitgenössische E-Musik“ ist entweder nicht existent oder eine völlig lächerliche Absurdität, in der Melodie-, Harmonie- und Rhythmusverbot herrscht. Jazz ist ... was eigentlich? Und billiger Crossover-Schas wird halt „angenommen“...

Daher der befreiende Gedanke: Die Musik ist tot. Aus. So, wie wir sie kennen und gekannt haben: finito. Was wir an Innovation, an wirklich Neuem, das immer wieder kam, erlebt haben, oder auch an Respekt vor Kunst und Musik, damit ist es vorbei, es hat keine Überlebenschance. Es gibt zwar mehr gute, gut ausgebildete Musiker als je zuvor, aber für wirkliche Kreativität ist schon lange kein Platz mehr – end of the road. Alles muss sich immer noch schneller im Kreise drehen und drehen, um sich überhaupt noch erhalten zu können. Die Welt dreht sich in ihr eigenes Burnout, die Musik detto. Natürlich wird auch noch Neues erfunden und gemacht, aber immer mehr als Ausnahme und ohne wirkliche Überlebenschance. Daher meine Conclusio, dass die Musik einfach tot ist. (Ich will auch keine daran Schuldigen suchen oder finden – wenn, dann sind es eh wir alle ... nicht etwa „die IT-Branche“ oder ähnliches.)

Das Befreiende daran – wir erfinden sie neu. Wir fangen wieder von vorne an. Zurück an den Start, let’s come up with new ideas, we might as well start from scratch. Vielleicht ist es gewissermaßen ein Spiegel der Weltsituation – auch die Welt muss sich ein gutes Stück weit neu erfinden, mit Corona und allen Folgen. Vielleicht geht uns allen das Geld aus, die Wirtschaft geht völlig den Bach hinunter – und dann? Wir werden es sehen. Mit Kunst & Co können wir im Grunde von vorn anfangen – und das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Ich habe noch keine genauen Vorstellungen, was wie sein wird, auch keine „Visionen“ – aber die neue Zeit kommt bzw. ist schon da. Wird es das ganze Geldsystem nicht mehr brauchen? Wird die Menschheit „wieder“ würdiger leben können – wenn sie überhaupt noch weiter- oder überleben kann? Wird Musik und Kunst (wieder?) einen würdigeren, angemesseneren Platz in der Welt haben? Wird „das Kleine“ wichtiger, bedeutender als das Große, Megalomanische – und gerade dadurch erst wirklich „global“ im besten Sinn, in einem Sinn, der gut für die Menschen und den Planeten ist? Wird es andere Wege des würdevollen Lebens, Erschaffens, Kreierens geben als jetzt? Wird es überhaupt neue Lebensmodelle für die Menschheit geben, Stichwort Mindesteinkommen, mehr Gerechtigkeit, u.v.m.?

Um aus dem Gedankenspiel auszusteigen – natürlich ist die Musik nicht tot. Ich für meinen Teil liebe und lebe und mache und schreibe Musik, ich brenne für sie und könnte ohne sie nicht sein. Und natürlich ist mir auch bewusst, dass abseits aller sichtbaren negativen Entwicklungen auch viel Großartiges, Wertvolles in der Musik passiert, v.a. auch Sachen, die auf keinem „major label“ erscheinen, nicht einmal als Facebookvideo, Dinge, die die Welt nicht mitbekommt. Ich habe in meinem Text oben natürlich auch bewusst überzeichnet und überdeutlich formuliert, um den Punkt anschaulich zu machen. Die Musik ist nicht tot – zumindest noch nicht – aber man könnte viele zutreffende Argumente vorbringen, um ihr Totsein zu untermauern und beweisen.

Lasst uns versuchen, die Musik neu zu erfinden, lasst uns überhaupt das Leben neu denken.

Nur ein Gedankenspiel? Vielleicht nicht?


Georg Breinschmid wurde 1973 geboren und lebt in Wien. Er ist einer der führenden österreichischen Jazzmusiker auf internationalem Parkett, und einer der herausragenden Kontrabassisten unserer Zeit. Dieser Text wurde am 7. September 2020 auf https://www.facebook.com/georg. breinschmid erstmals veröffentlicht.

  • Quelle: Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 19 | Winter 2020
  • S. 57-59

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