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  • Theater Erfurt
  • # 1 | September-November 2016
  • S. 12-15

Titel

Mit Freude und Freunden musizieren

Interview: Alexandra Kehr

[Theater Erfurt]

Mit gerade einmal 19 Jahren gab Joana Mallwitz ihr Dirigentendebüt. Das war 2006. Kurzfristig sprang sie für einen erkrankten Kollegen am Theater Heidelberg ein. Seit ihrem damaligen Dirigat der Madama Butterfly gehört Mallwitz zu den gefragtesten Dirigentinnen deutschlandweit, und auch international ist die Liste ihrer Gastspiele schon ordentlich lang, ebenso wie die gewonnener Preise. Die Zeitschrift Opernwelt nominierte Joana Mallwitz 2009 und 2015 zudem als „Dirigentin des Jahres“. Am Theater Erfurt verantwortet die 29-Jährige als Generalmusikdirektorin inzwischen ihre dritte Spielzeit. Was sie bewegt, antreibt und in ihrer wenigen freien Zeit genießen kann, erzählt sie in diesem Interview.

Sie leben und arbeiten jetzt seit zwei Jahren in Erfurt. Was haben die Stadt und Ihre Arbeit als Generalmusikdirektorin am Theater mit Ihnen gemacht?

Durch meinen Vertrag mit dem Erfurter Haus war ich in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich das erste Mal für längere Zeit an einem Ort. Ein paar kleine Gastengagements hatte ich zwar auch außerhalb, aber meine Hauptkonzentration lag definitiv in meiner Arbeit für das Theater Erfurt. Den Großteil meiner Zeit habe ich deshalb auch im Theater selbst verbracht, und manchmal habe ich auch meine Wohnung gesehen (lacht). Aber ich kann schon sagen, dass Erfurt sich wie zuhause anfühlt. Ich habe viele schöne Ecken der Stadt kennengelernt, und ich liebe die Predigerkirche. Dort finde ich Ruhe und kann Kraft schöpfen.

Die Musiker des Philharmonischen Orchesters sind voll des Lobes über Sie. Da heißt es ganz oft, Sie seien ein Glücksfall für dieses Orchester. Was denken Sie, wenn Sie so etwas hören?

Das ist natürlich ein großer Vertrauensbeweis und darüber freue ich mich sehr. Wenn Musiker so empfinden und dann auch noch nach dieser doch relativ kurzen Zeit, dann ist das schon etwas sehr Besonderes. Wir arbeiten alle sehr hart miteinander, sind im Laufe der Zeit durch viele gemeinsame Erlebnisse und Situationen zusammengewachsen. Aber ich kann auch nur Positives berichten: die Chemie zwischen dem Philharmonischen Orchester und mir stimmt einfach. Wenn man viel gemeinsam spielt und dann auch noch viele große Werke und nicht unbedingt viel Probenzeit hat, dann lernt man sich immer besser kennen und bekommt ein Gefühl füreinander.

Gibt es Höhepunkte oder Momente, an die Sie sich seit Ihrer Berufung 2014 besonders erinnern und wenn ja, warum?

Ja, dazu gehört definitiv der zweite Abend des 4. Sinfoniekonzerts im November 2015. Wir haben unter anderem Gustav Mahlers 1. Sinfonie gespielt. In der Presse wurden zu dieser Zeit die Regierungspläne für eine Theaterreform heiß und meines Erachtens nicht immer fair diskutiert.

Auch über unser Orchester wurde viel geschrieben. Man hatte dabei oft den Eindruck geringer Wertschätzung, und das war tatsächlich eine schwierige Zeit für uns. Alle müssen und wollen Höchstleistungen bringen, sich aufeinander einlassen, sich als Orchester identifizieren an jedem Tag und in jedem einzelnen Takt. Und dann waren da fast täglich diese Berichte. Das war auch für mich eine völlig neue Situation, weil man manche Dinge einfach nicht außen vor lassen kann. Die Probenzeit für dieses Konzert war  deshalb wirklich nicht einfach. Aber: Der Konzertabend selbst war dann einfach ein großartiges Erlebnis! Das Orchester hat in diesem Moment alles, was drumherum war, vergessen, und man konnte den  gemeinschaftlichen Geist in jeder Note hören. An diesem Abend sind wir noch fester zusammengewachsen, das hat auch das Publikum gespürt und durch die Begeisterung den Abend zu einem intensiven Ereignis gemacht. Auch unser Gastspiel in Antibes in Südfrankreich im Februar 2015 ist mir in bester Erinnerung, wo wir großartige und von Leichtigkeit getragene Vorstellungen mit Mozarts Entführung aus dem Serail hatten.

In wenigen Tagen dirigieren Sie zum ersten Mal bei den DomStufen-Festspielen und damit eine Freilichtveranstaltung. Wie geht es Ihnen damit?

Ich habe zwar schon einige Open-Air-Veranstaltungen dirigiert, aber es sind jedes  Mal neue Herausforderungen, weil der direkte Kontakt zwischen Orchester und Sängern fehlt. Man muss deshalb verschiedene Sachen klarer verabreden, genauer planen, denn Spontanität ist draußen nicht  ganz ungefährlich. Es ist eine andere Art und Weise zu dirigieren, aber ich freue mich darauf. Die Kulisse der Domstufen ist unschlagbar, und Puccinis Musik berührt  einfach jeden.

Als Generalmusikdirektorin gestalten Sie in erster Linie das Konzertangebot des Theaters Erfurt. Ähnlich wie in der vergangenen Saison haben Sie auch für die aktuelle Spielzeit namhafte Solisten und  Dirigenten als Gäste nach Erfurt verpflichten können. Ist das schwierig oder sagen die Künstler immer schnell zu, wenn Sie anrufen?

(lacht) Also bei denen, die bisher da waren, hat das gut funktioniert! Grundsätzlich frage ich natürlich bei den Agenturen der Künstler an. Dass aber beispielsweise Igor Levit oder Nils Mönkemeyer in Erfurt waren, hat sicher damit zu tun, dass wir privat freundschaftlich miteinander verbunden sind und ich mit beiden Künstlern  auch unbedingt musizieren wollte. Ohne unsere persönliche Verbindung wären sie vielleicht nicht gekommen. Deshalb versuche ich natürlich schon, immer wieder Künstler zu verpflichten, die ich kenne. Letztendlich kann man ja nur miteinander musizieren, wenn man im Moment des  Musizierens „miteinander befreundet ist“ – umso schöner also, wenn man mit guten Freunden gemeinsam auf der Bühne steht. Andererseits finde ich es aber auch sehr wichtig, dem Nachwuchs eine Chance zu geben und jungen Talenten eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten, beispielsweise über die „Deutsche Stiftung Musikleben“.

Wen konnten Sie für die Saison 2016/17 nach Erfurt locken?

Oh, da freue ich mich schon besonders auf  das 1. Sinfoniekonzert, das Cornelius Meister dirigieren wird. Mit ihm verbindet  mich auch eine lange Geschichte. Er war derjenige, der mir meine erste feste Stelle am Heidelberger Theater als Repetitorin  verschafft hat. Er hat mich eigentlich fast dazu gezwungen (lacht). Unter ihm als Generalmusikdirektor bin ich dann auch Kapellmeisterin geworden, und wir haben fünf Jahre ganz eng miteinander gearbeitet. Als seine Assistentin war ich mit ihm  unter anderem in Riga, in Wien oder in Kopenhagen und habe all die Theater kennengelernt, zu denen ich nach wie vor Kontakt  habe und wo ich auch hin und wieder dirigiere. Cornelius Meister kennt Erfurt außerdem gut, weil er hier vor fast 15 Jahren als Korrepetitor und GMD-Assistent  wirkte. Außerdem kommen der Klarinettist Sebastian Manz, den ich ebenfalls schon seit meiner Jugend kenne, und die japanische Geigen-Legende Midori für das Schumann-Konzert. Zum zweiten Mal in Erfurt ist übrigens auch der Schweizer Flötist und Dirigent Maurice Steger.

Worauf freuen Sie sich in der neuen Spielzeit am meisten?

Für mich wird die Spielzeit 16/17 ein riesen Opernjahr in Erfurt mit Tosca, Così fan tutte und Wozzeck und zwei Gastproduktionen an den Opernhäusern Frankfurt/ Main (Pelléas et Mélisande) und Kopenhagen  (Macbeth). Ich freue mich auf alles! Die Inspiration und Erfahrungen, die ich außerhalb von Erfurt bekomme, trage ich natürlich mit in unser Theater. Durch die Arbeit mit verschiedenen Orchestern kann man sich immer wieder neu erfinden, und auch das macht meinen Job so spannend. Für Konzerte bin ich unter anderem in  Wuppertal und Helsingborg unterwegs.

Auch die von Ihnen initiierte Reihe der Expeditionskonzerte setzen Sie fort …

Jaaaa! Sie machen einfach großen Spaß. Ich liebe diese Reihe einfach, weil ich selbst immer so glücklich bin, wenn ich in der Vorbereitung dazu Dinge neu entdecke. Und davon möchte ich ganz viel weitergeben.  Das Publikum ist bunt gemischt, es  kommen typische Konzertbesucher, aber eben auch viele jüngere Leute und ganze  Familien mit Kindern. Die Konzerte dauern eine Stunde oder etwas länger, die Atmosphäre ist locker, ich moderiere, erzähle Anekdoten, es gibt meist etwas zum Schmunzeln, und am Ende hört man das Stück des jeweiligen Komponisten vielleicht mit einem ganz anderen Bezug.

Wie bereiten Sie sich unmittelbar auf Ihre Dirigate, den Auftritt in der Öffentlichkeit vor? Gibt es Rituale?

Was ich konkret tue, ist jedes Mal ein bisschen unterschiedlich. Mir helfen in jedem Fall Atemübungen, um mich zu fokussieren, bei mir zu bleiben – vor allem in der halben Stunde direkt vor Vorstellungsbeginn. Manchmal mache ich auch Yogaübungen, um mich aufzuwärmen oder einfach nur, um den Körper wach zu bekommen. Bei Abendvorstellungen bereite ich mich zudem den ganzen Tag vor. Meist sitze ich dann noch einmal sehr lange über der Partitur – egal wie oft ich das Stück vielleicht schon dirigiert habe. Außerdem achte ich darauf, wann und was ich esse, damit ich auch genügend Kraft habe. Drei Stunden vor einer Vorstellung wird aber nichts mehr gegessen, damit ich wach und nicht zu träge bin.

Sie dirigieren mit vollem Körpereinsatz. Ist das nicht wahnsinnig anstrengend?

Ja, das ist es, und Dirigenten haben nicht selten Rückenprobleme. Aber nicht unbedingt, weil es anstrengend ist, sondern vermutlich deshalb, weil sich ein Dirigent nicht körperlich warmspielt wie vielleicht ein Musiker. Während des Dirigats macht man oft Bewegungen, die viel kraftvoller sind, als man sie normalerweise tun würde. Mit richtig Adrenalin im Blut und wenn man von der Musik getragen wird, merkt man das in dem Moment gar nicht, sondern erst hinterher. Auch deshalb mache ich hin und wieder Yoga. Ich praktiziere nicht regelmäßig, bin in keinem Studio Mitglied, denn dazu habe ich gar keine Zeit, aber für die Flexibilität des Körpers und die richtige Atemtechnik nutze ich es.

Sie sind großer Mozart- und Schubertfan. Können Sie auch mit Clueso, Boss Hoss oder Sarah Connor etwas anfangen?

(überlegt) Also bei Clueso weiß ich zumindest, wer das ist, dass er ein Künstler aus Erfurt ist. Bei den anderen sagen mir nur die Namen etwas, ich kenne mich aber mit ihrer Musik zu wenig aus. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass ich in meiner Freizeit fast keine Musik höre, da ich ansonsten schon den ganzen Tag (und die halbe Nacht) von Musik umgeben bin.

Bei wem holen Sie sich, wenn nötig, auch schon mal beruflichen Rat?

Das kann ich bei meinen vertrauten Freunden sehr gut. Außerdem bin ich mit meinem ehemaligen Lehrer an der Musikschule Hannover, Martin Brauß, regelmäßig in Kontakt, um über Stücke und die Musik zu sprechen. Ihn besuche ich auch immer mal wieder und kann ihn immer um Rat fragen.

Sie stammen, wie Sie schon oft erzählten, nicht unbedingt aus einer musikalischen Familie. Was sagen Ihre Eltern heute, wenn sie sehen, wie Ihr Weg verlaufen ist, wie Sie Karriere machen?

Meine Eltern finden das alles sehr spannend, unterstützen mich und freuen sich sicher über die Entwicklung der letzten Jahre. Wie Eltern so sind, sind sie aber auch immer darum besorgt, dass man sich nicht übernimmt. Sie besuchen mich auch sehr gerne in Erfurt und waren schon bei vielen Konzerten und Opernvorstellungen dabei.

Sie sind zwar immer noch die jüngste Generalmusikdirektorin in Deutschland, aber als Frau längst nicht mehr allein unter Männern im Dirigentenjob. Können Sie die Eroberung der Männerdomäne erklären?

Ich freue mich immer wieder, wenn eine Frau den Willen und Mut hat, diesen Beruf zu ergreifen. Weshalb das erst in den vergangenen Jahren zugenommen hat, kann ich gar nicht sagen. Ich verstehe es eigentlich auch nicht, denn in dem Moment, wo man da steht und mit dem Orchester musiziert, geht es auch gar nicht darum, ob da nun ein Mann oder eine Frau dirigiert. Aber ich muss schon sagen, dass Simone Young sicher so etwas wie ein Vorbild für mich war und ist. Sie stand 1985 an der Oper in Sydney mit 24 Jahren zum ersten Mal am Dirigentenpult und hat anschließend eine Riesenkarriere als Generalmusikdirektorin und als Opernintendantin gemacht. Simone Young hat ganz sicher das Eis gebrochen für alle dirigierenden Frauen. Ich habe sie wahrgenommen genau zu der Zeit, als ich selbst zum ersten Mal den Wunsch verspürte, Dirigentin zu werden. Da war ich 14 Jahre alt, und Simone Young wurde gerade an die Hamburger Oper als Intendantin verpflichtet. Später als Studentin bin ich dann auch immer mal in Hamburg gewesen und habe bei Proben mit ihr am Pult zugeschaut. Und tatsächlich durfte ich sie kürzlich sogar kennenlernen, als ich in Hamburg dirigiert habe. Sie hat mich in der dortigen Opernkantine angesprochen, und ich war total verblüfft, dass sie wusste, wer ich bin.

Ihr Vertrag als GMD in Erfurt läuft bis 2018. Was sind Ihre Pläne, wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Gerade bin ich in Erfurt und fühle mich in der Stadt, mit der Arbeit am Theater und mit dem Orchester sehr wohl. Wie es in Zukunft weitergeht, kann ich konkret noch gar nicht sagen. Am wichtigsten ist die Chemie mit dem Orchester, und die stimmt im Moment.

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