HISTORISCHES > EPOCHEN

  • PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 1 | September-November 2016
  • S. 18

Premiere

West Side Story. Kammersänger Jörg Rathmann im Gespräch

Interview: Arne Langer

[Theater Erfurt]

Die Neuinszenierung der West Side Story ist bereits die dritte Inszenierung in Erfurt. Kammersänger Jörg Rathmann war und ist in allen dabei. Mit der Rolle des „Baby John“ debütierte er 1983 noch als Student der Weimarer Musikhochschule an den damaligen Städtischen Bühnen Erfurt. In der Neuinszenierung von 1995 verkörperte er dann mit dem „Bernardo“ eine der Hauptrollen. Gründe genug, Jörg Rathmann nach seinen Erinnerungen zu fragen. 

Warum ist die West Side Story für Erfurt etwas so Besonderes?

Das Besondere war damals 1983/84, noch zu tiefsten Ost-Zeiten, dass Erfurt – neben Leipzig – das einzige DDR-Theater war, das die West Side Story spielen durfte. Ursprünglich waren es fünf Häuser, doch nur die Leipziger und wir konnten das Vorhaben auch realisieren. Außerdem war das damals in Erfurt die erste große spartenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Ballett, Schauspiel und Musiktheater.

Aber es gab doch vorher schon Musicals?

Ja, aber da es Devisen kostete, gab es vorher keine amerikanischen Musicals.

War es denn die DDR-Erstaufführung?

Die Leipziger hatten kurz vor uns Premiere, aber wir wurden mit unserer Produktion zu den Berliner Festtagen eingeladen und spielten die West Side Story im Metropol-Theater in der Friedrichstraße und damit die Ost-Berliner Erstaufführung. Ich kann mich noch an die langen Schlangen der Kartensuchenden erinnern. Wir waren dann auch noch bei den Dresdner Musikfestspielen in der Staatsoperette zu Gast. Wahrscheinlich haben diese beiden Gastspiele dazu beigetragen, dass unsere Aufführung zur Legende geworden ist. Kurios ist, dass ich nach dem Gastspiel in Dresden noch zu einer weiteren Rolle gekommen bin, da sich der Kollege Karl-Heinz Krause, der den „Chino“ spielte, dort das Bein gebrochen hatte.

Es spielten demnach Schauspieler Musical-Hauptrollen?

Außer Kalle Krause waren Hanns-Michael Schmidt als „Bernardo“ und Matthias Winde als „Riff“ dabei.

Wie kamen Sie dazu?

Ich war ja damals noch Student, und es wurden ganz viele junge Leute gebraucht. Der damalige Operndirektor Manfred Straube war auch an der Weimarer Musikhochschule tätig und hat uns „gecastet“, wie man heute sagen würde. Er sagte: Du, du und du, ihr seid dabei. Anschließend wurde ich ins Erfurter Ensemble übernommen und bin bis heute geblieben.

Wie lang wurde die West Side Story gespielt?

Das ging über mehrere Spielzeiten, wir hatten an die 90 Vorstellungen.

Wie kam es zur Neuinszenierung in den 1990ern?

Das war 1995 unter Generalintendant Taube. Nach der „Wende“ konnten wir endlich Werke wie Jesus Christ Superstar oder La Cage aux folles spielen, da vorher das Geld dafür nicht da war. Und eine Neuinszenierung der West Side Story passte da gut hinein. An eine Situation erinnere ich mich besonders. Der Prolog wird ja quasi vertanzt, und in der ersten Story hingen da die beiden Schauspieler von „Riff“ und „Bernardo“ (Winde und Schmidt) hinter der Bühne und haben gepumpt und gepumpt … Die waren völlig außer Atem durch den Tanz. Wir Jungen waren auch außer Atem, aber haben das leichter weggesteckt. 15 Jahre später, als ich dann „Bernardo“ gespielt habe, konnte ich mich total reinversetzen. Als junger Mensch dachte man, die übertreiben aber ein bisschen. Man merkt dann doch, dass man älter geworden ist.

War die zweite Produktion ähnlich erfolgreich?

Die ist auch gut gelaufen, mit etwa 50 Vorstellungen. Das (alte) Opernhaus war auch immer voll.

Freuen Sie sich auf die Neuproduktion?

Ja, natürlich, auch wenn es für mich „nur“ der „Doc“ ist – aber auch eine wichtige Rolle! 

 

  • Quelle: PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 1 | September-November 2016
  • S. 18

PDF-Download

Artikelliste dieser Ausgabe