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  • Theater Erfurt
  • # 4 | August-November 2017
  • S. 12-13

Premiere

Medea

[Theater Erfurt]


Die tötende Mutter

Obwohl Medea mit ihrem extremen Rachetrieb, ihrer geheimnisvollen Schlangennatur und mit dunklen Zauberkräften tief in der griechischen Mythologie verwurzelt ist, gehört sie auch zu den mythologischen Figuren, die sich am besten in die heutige Zeit übertragen lassen.

„Leidenschaft und Intellektualität, Gewalt und Verbrechen auf der einen, Demütigung und Verrat, Opferung und Vernichtung auf der anderen Seite bilden ein explosives Gemisch, das den Medea-Mythos bis heute zu einer ambivalenten Erbschaft macht.“ (Inge Stephan)  

Als starke Frau verliebt sie sich in Jason, einen Mann, für den sie viel investiert und alles tun würde. Dieser sucht sich jedoch – getrieben von Gier, Machthunger und Lust – bald eine neue Frau, deren Familie ihm eine lukrative Hochzeit verspricht. Medea kann diese Erniedrigung nicht ertragen, kämpft um ihre Liebe und entbrennt in leidenschaftlicher Rache, der nicht nur die Nebenbuhlerin Dircé zum Opfer fällt, sondern in letzter grausamer Konsequenz auch ihre eigenen Kinder. Mit dem Mord an ihnen will sie die zerstörte Ehe mit Jason ungeschehen machen.

Ganz offensichtlich kämpft Medea damit, sich von ihrer Mutterrolle zu lösen, um zur kaltblütigen Rächerin zu werden. Genau dieser so unvorstellbare Vorgang macht Mord an den eigenen Kindern bis heute zu einem der scheußlichsten Verbrechen. Alle bekanntwerdenden realen Fälle lösen größtes Entsetzen aus, die Täterinnen erregen selbst unter verurteilten Mörderinnen größte Abscheu, weil die Mutterliebe in unserer Kultur ein so selbstverständliches Gut bildet. Der Gedanke, dass eine Mutter auch das Leben nehmen kann, das sie zuvor geschenkt hat, scheint unvorstellbar. Psychologin Annegret Wiese kennt jedoch unterschiedliche Erklärungsmuster, wie es dazu kommen kann: Aus gestörter Identifikation mit der eigenen Mutter und mit dem Kind, als Selbstvernichtung und Kompensation für einen Selbstmord, als Revolte gegen die an Mütter herangetragenen Erwartungen, Zwänge oder Verhaltensnormen.

„Die deutsche Sprache [kennt] weder eine präzise Bezeichnung für die Tat noch für die tatausführende Frau. Die griechische Sprache nennt jede ihr Kind tötende Mutter ‚Medea‘.“ (Annegret Wiese)

Guy Montavon möchte sich in seiner Inszenierung mit diesen psychologischen Phänomenen auseinandersetzen und eine heutige Medea zeigen, die – an Intellektualität, Schönheit, rhetorischer Kraft und kämpferischer Entschiedenheit ihrem Mann weit überlegen – all das gewaltsam einklagt, was ihr ihrer Meinung zu Unrecht genommen bzw. verweigert wurde. Dafür verlegt er die Handlung an die Wall Street – eine Welt, die von Geld, Drogen und Sex beherrscht wird und viel Raum gibt für Jasons Gier nach Macht und Reichtum. Eine quasi alltägliche Scheidungsgeschichte im Großraumbüro.

„Ein Wunder von Musik“ – Luigi Cherubinis Médée

„Alles zielt auf die Überwältigung des Publikums.“ (Michael Fend)

Mit dieser Strategie war Luigi Cherubini sehr erfolgreich. Noch Johannes Brahms pries Medea als das, „was wir Musiker unter uns als das Höchste in dramatischer Musik anerkennen.“ Neben dem Requiem in c-Moll, das Beethoven sich als Trauermusik zu seiner eigenen Beerdigung wünschte, ist Medea heute Cherubinis meistgespieltes Werk – trotz, oder gerade wegen, seiner kuriosen Rezeptionsgeschichte. Bald nach der Uraufführung 1797 in Paris unter dem französischen Titel Médée auch in Deutschland sehr erfolgreich, wollte diese Oper mit dem Inhalt einer antiken Tragödie, aber mit gesprochenen Dialogen in keine Gattungsschublade passen, wie diese Reaktion von 1897 zeigt:

„Es ist ein neues Genre des Schauspiels, das weder Komödie, noch Drama, noch Tragödie, noch Komische Oper, noch Große Oper ist. Es ist eine Mischung aus gesungener Tragödie und gesprochener Tragödie; ziemlich unvereinbar für den wahren Freund der Kunst, aber es wird sich durchsetzen, weil es dem Publikum gefällt.“

Deswegen komponierte Franz Lachner 1855 statt der Dialoge Rezitative mit neuem, deutschen Text und brachte das Werk so in den Folgejahren wieder zu einigen Aufführungen in Deutschland. 1909 wurde diese Fassung weiter ins Italienische übersetzt und 1953 von Maria Callas gesungen, die in der Titelpartie große Erfolge feierte. Dadurch war Medea lange als italienische Oper bekannt, bevor 2008 die französische Originalfassung mit Dialogen wiederbelebt wurde. Erstaunlich präzise sah der englische Musikkritiker Henry F. Chorley, der schon 1854 „Cherubinis Kraft und Sorgfalt“ bewunderte, die Erfolgsgeschichte dieser Oper voraus: 

„Der instrumentale Teil [hat] Schwung, Abwechslung und eine Tonfülle, die zu Glucks Zeit noch nicht entdeckt war. Selbst Beethovens Fidelio ist nichts, das des Studiums und der höchsten Bewunderung würdiger wäre. Nach hundert Jahren noch wird diese Musik neu sein, wie Bachs Orgelwerke, Händels Chor-Fugen, Mozarts Melodien. Vielleicht wird man dann auch zu ihr, wie zu obigen zurückkehren als zu einem Gegenstand des Entzückens.“ 


Medea

Oper von Luigi Cherubini
Text von François-Benoît Hoffmann
Uraufführung Paris 1797
In französischer Sprache mit Übertiteln und deutschen Dialogen

Musikalische Leitung
Samuel Bächli

Inszenierung
Guy Montavon

Ausstattung
Anne-Marie Woods

Koproduktion mit der Opéra de Nice und dem Landestheater Linz

Besetzung
Medea: Ilia Papandreou
Jason: Eduard Martynyuk
Créon: Siyabulela Ntlale
Dircé: Julia Neumann
Néris: Julia Stein 

Premiere
Sa, 11. November 2017, 19.30 Uhr
Großes Haus

Weitere Vorstellungen
Mi, 15.11. | Fr, 17.11. | Fr, 01.12. | Sa, 09.12.2017 | So, 14.01. | So, 21.01.2018

Matinee
Regieteam und Ensemble stellen sich vor
So, 29. Oktober 2017, 11 Uhr
Großes Haus, Eintritt frei

Rang frei!
Der exklusive Probenbesuch
Di, 7. November 2017, 18.30 Uhr
99 Zählkarten ab 17.30 Uhr am Studioeingang, Eintritt frei 

  • Quelle: PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 4 | August-November 2017
  • S. 12-13

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