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  • Theater Erfurt
  • # 4 | August-November 2017
  • S. 15

Titel

„Eine unglaubliche Rolle!“

Die Sopranistin Ilia Papandreou kehrt als Medea zurück ans Theater Erfurt

Interview: Lorina Strange

[Theater Erfurt]

Frau Papandreou, Sie waren lange hier im Ensemble und sind Vielen in guter Erinnerung. Wie fühlt es sich an, als Gast zurückzukommen?

Ich fühle mich sehr zu Hause in Erfurt. Wenn ich in das Theater komme, ist es, als wäre ich nicht einen Tag weggewesen.

Medea ist eine der ganz großen Rollen. Was bedeutet es für Sie, diese Partie zu singen?

Ich freue mich riesig, mit so einer unglaublichen Rolle nach Erfurt zu kommen. Sie ist ein so facettenreicher, extremer Charakter. Kein Mensch kann sich vorstellen, warum eine Mutter ihre Kinder umbringen würde. Aber was mich so interessiert an der Rolle – und deswegen freue ich mich unheimlich darauf – ist, wie es dazu kommt, dass sie so ist. Was musste geschehen, dass sie sich so betrogen fühlt, dass sie so eine furchtbare Rache ausübt? Die Verletzlichkeit dahinter liegt mir am Herzen, und als Griechin kann ich ihre Leidenschaft irgendwie nachvollziehen.

Wie bereiten Sie sich vor?

Ich muss zugeben, dass ich es nicht schaffe, diese Oper zu Ende anzuhören, ohne zu weinen. Sie geht so durch den Körper und schneidet in die Seele. Jetzt muss ich die Stärke finden, das durchzuhalten. Bei den Proben muss ich üben, mir vorzustellen, ich sei wirklich eine Rachegöttin, die über allem steht, und die Größe erarbeiten, um diese Figur glaubwürdig rüberzubringen.

Es heißt, Cherubini pflege einen „mörderischen Umgang mit den Sängern“ und es gäbe keine Sängerin, die „die physische Kraft besessen hätte, Cherubinis Musik auszuführen“. Ist es wirklich so unmöglich, sie zu singen?

Die Partie ist sehr lang, geht in die Höhe und in die Tiefe und fordert wirklich viel. Vor allem muss man sich gut einteilen. Die erste Arie ist sehr simpel, ganz ohne Dramatik. Da ist Medea noch keine Mörderin, sie will nur ihren Geliebten bitten, zurückzukommen. Da braucht man Leichtigkeit als Sängerin. Gleich in der zweiten Nummer fängt das Gift an – Blut und Hass. Aber da hat man noch drei Akte vor sich! Im Laufe des Stücks wird es immer dramatischer, schraubt sich musikalisch immer höher und man muss aufpassen, dass man nicht zu früh zu viel gibt. Auch an Emotion. Medea ist kein offener Charakter. Sie ist sehr geheimnisvoll und lässt vieles in sich brodeln. Dieses kochende Blut für sich zu behalten, ist oft sehr schwer.

Cherubini ist nicht sehr bekannt. Was schätzen Sie an seiner Musik?

Ich kann mir nicht erklären, wieso er nicht öfter gespielt wird. Es ist einfach fantastische Musik und so sehr seiner Zeit voraus, das ist unfassbar. Man verliebt sich in diese Musik, man wird so gepackt von der ersten bis zur letzten Minute.

Viele andere Opern von Cherubini werden überhaupt nicht gespielt. Dass Medea seine heute bekannteste Oper ist, verdanken wir Maria Callas, die Medea zu ihrer Paraderolle gemacht hat. Sie haben sogar schon einmal Maria Callas gespielt. Wie ist Ihr Verhältnis zu dieser Sängerin? 

Sie ist mein Idol. Sie war eine komplette Sängerin von Kopf bis Fuß. Ich bewundere sie und alles, was sie für die Kunst gemacht hat. Dass sie ihre Seele so auf dem Teller präsentiert hat, ist ein unbezahlbares Geschenk. Ich kann sie nicht anhören, ohne Gänsehaut zu kriegen.

Beeinflusst das Ihren Blick auf Medea?

Ja, auf jeden Fall. Als ich gehört habe, ich soll Medea singen, war mein erster Gedanke: „Maria Callas! Ich werde die Callas-Rolle singen. Wie soll ich das schaffen?“ Dann habe ich die Aufnahmen von ihr rausgeholt, angehört und war überirdisch glücklich. Es ist eine Ehre, dass ich es versuchen darf.  

  • Quelle: PROspekt
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  • S. 15

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