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  • PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 6 | März-Juni 2018
  • S. 29

Kolumne

Psst! Was den Kritiker umtreibt

Uwe Friedrich freier Musikjournalist und Kritiker

[Theater Erfurt]

Der Vorhang ist noch nicht ganz zu, aber für den Berufsnörgler sind schon keine Fragen mehr offen, denn er hat sein Urteil bereits getroffen und lässt sich durch kein Argument davon abbringen: Diese Aufführung taugte gar nichts und überhaupt war früher und andernorts alles besser. Stimmt ja auch. Bereits vor über 300 Jahren, Claudio Monteverdi war erst ein paar Jahre tot, die Gattung Oper also gerade ein paar Jahrzehnte alt, konstatierten venezianische Kollegen zum ersten Mal den unaufhaltsamen Niedergang der Kunstform. Und seitdem ist es bekanntlich nicht besser geworden, jedenfalls wenn man den Opernkennern glaubt. Die wahren Fans können sich gerade noch an den letzten Liveauftritt der Callas erinnern oder an jene epochemachende Inszenierung von dem Dings, na, Sie wissen schon, mit der, ach, jetzt fällt mir der Name nicht ein. Aber besser als das hier heute Abend waren die auf jeden Fall! Schon sind wir mittendrin in der Diskussion über das ästhetische Urteil, das selbstverständlich den Kern einer Kritik bildet.

Ein Kritiker muss den Mut haben, „ich“ zu sagen. Muss sich angreifbar machen in seiner Leidenschaft für die Sache, in diesem Fall die Oper. Denn es ist ein Irrtum, dass alle Kritiker die Oper hassen. In Wahrheit treibt uns eine oft vollkommen irrationale Liebe zur Kunstform zwei bis drei Mal pro Woche ins Opernhaus. In hässliche und schöne Theater, in wunderbare und grauenvolle Vorstellungen. Immer von der Hoffnung getrieben, dass sich die Oper trotz aller Widrigkeiten gerade heute als die wirkungsvollste, die überwältigendste, die herrlichste Kunstform von allen erweisen könnte. Wenn es funktioniert, schauen wir Opernliebhaber im Saal gemeinsam ins Schlaraffenland und können uns nicht sattsehen und -hören. Besonders häufig passiert das aber nicht, denn wie im Märchen müssen wir erstmal viel Grießbrei essen …

Entgegen dem weitverbreiteten Vorurteil macht es übrigens keinen Spaß, einen Verriss zu schreiben. Denn während sich niemand über pauschales Lob beschwert, ob begründet oder nicht, hagelt es Leserbriefe, wenn der Kritiker pauschal mosert. Deshalb macht ein Verriss deutlich mehr Arbeit: Es muss genauer argumentiert werden. Hat das Regiekonzept funktioniert? Hat der Dirigent den Sängern geholfen oder hat er sie bloß irritiert? War die Sopranistin den Ansprüchen der Rolle gewachsen oder sollte sie besser über einen anderen Beruf nachdenken? Da hilft es unbedingt, wenn der Kritiker die Oper bereits kennt, die er besprechen soll. Die Probleme im Handlungsaufbau, zu denen Regisseur und Bühnenbildner etwas einfallen sollte. Die musikalisch kniffligen Stellen, in denen der Dirigent den Laden zusammenhalten muss. Die Passagen, in denen sich zeigt, ob die Sänger ihr Handwerk verstehen.

Natürlich gibt es Kollegen, die keine Ahnung von Oper im Allgemeinen haben – und manche behaupten das ganz bestimmt auch von mir. Oder Kollegen, die vom ersten Takt bis zum Finale wonnig schlafen und den Abend trotzdem sehr kompetent bejubeln. Die Regel ist das jedoch nicht. Das subjektive Urteil des Kritikers ist in der Regel von Respekt für die Arbeit der Künstler geprägt, denn auch wir wissen, dass sich niemand auf die Bühne stellt, um schlecht zu singen oder das Publikum zu beleidigen. Wenn aber schlampig mit dem Werk umgegangen wird, das Publikum für dumm verkauft wird, darf sich auch der Kritiker ärgern und muss nicht allzu zimperlich in seinen Formulierungen sein. Er sitzt schließlich im Zuschauerraum als Stellvertreter für all jene, die am Premierenabend verhindert sind. Er soll berichten, bewerten und zur Diskussion anregen. Im schlimmsten Fall raten wir vehement ab, sinnlos Zeit und Geld zu opfern. Im besten Fall aber können wir neugierig machen auf eine kontroverse Inszenierung oder ein unbekanntes Werk, um Anstifter zu sein für Unentschlossene. Weil es gerade heute Abend wieder schön sein könnte im Opernhaus.

  • Quelle: PROspekt
  • Theater Erfurt
  • # 6 | März-Juni 2018
  • S. 29

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