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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 5 | Sommer 2017
  • S. 2-4

Fragen zu Georg Philipp Telemann

Interview: Ursula Magnes

[Radio Klassik Stephansdom]

Am 25. Juni dieses Jahres denkt die Musikwelt an den 250. Todestag von Georg Philipp Telemann. Von den Zeitgenossen verehrt und von der Nachwelt als „Vielschreiber“ abgetan. Reinhard Goebel hat mit seiner Musica Antiqua Köln bis heute gültige Telemann-Aufnahmen vorgelegt. Ursula Magnes befragte den kompromisslosen Musiker zu Werk, Person und Faszination Telemanns.
 

UM: Ihr erster Telemann-Kick?

RG: Das Konzert B-Dur für 3 Oboen, 3 Violinen und B.c. Als 12-jähriger war ich schier verrückt danach, es war meine Jugend-Droge.

UM: Was fasziniert Sie an Telemanns Musik?

RG: Witz, Buntheit und Ideenfülle – klanggewordene Aufklärung norddeutsch.

UM: Welche drei Werke von Telemann sollte man unbedingt kennen?

RG: Die „Ino“-Kantate von 1765, die „Musique de Table“ aus dem Jahr 1733 und den „Tag des Gerichts“.

UM: Das größte Missverständnis in Bezug auf Werk und Person Telemanns?

RG: Ihn mit Bach zu vergleichen, denn Händel hingegen wird NIE mit Bach verglichen! Alle drei zusammen aber ergeben die Summe der deutschen Barockmusik: Bach ganz deutsch-protestantisch, Händel verführt auf italienisch und Telemanns Zungenschlag lässt den Nachbarn in Ost und West Gerechtigkeit widerfahren. Die Franzosen und die Polen haben ihn inspiriert.

UM: Wer hat Telemann zum „Vielschreiber“ degradiert?

RG: Das war die deutsche Musikwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Um Bach groß zu machen, musste man alles um ihn herum abholzen. Aber wissen Sie: Einer hat vom anderen abgeschrieben, jeder gab aber dann zu dem bestehenden und nachgebeteten (Vor-) Urteil noch seinen persönlichen Senf dazu. Das ganze Tribunal stand unter dem Motto: Keine Ahnung, aber ’ne Meinung!

UM: Wie sähe ein Telemann-Festival Ihrer Wahl aus?

RG: Einmal die ganze „Musique de Table“– Vorsicht: Telemann hat das Werk NIE und NIMMER Tafelmusik genannt – dann „Ino“ und instrumentale Spätwerke um 1765 – dann ein Programm mit Telemanns Äquivalenten zu den „Brandenburgischen Konzerten“ von Bach, also Stücke in gleicher oder sehr ähnlicher Besetzung – und dann „Donnerode“ und „Tageszeiten“. Fertig!!! Nicht mehr bitte.

UM: Führt irgendein Telemann-Weg auch nach Wien?

RG: Soweit man weiß und aufgrund der Quellen-Überlieferung bestätigt wird, hatten die Wiener im frühen und mittleren 18. Jahrhundert eine tiefsitzende Abneigung gegen die protestantischnorddeutsche Musik. Warum auch hätten sie sich zu dieser Musik hingezogen fühlen sollen: mit Fux, Caldara, Conti und all den komponierenden Mitgliedern der Hofkapelle waren sie Selbstversorger. Erst durch den Baron van Swieten wurden die musikliebenden Kreise Wiens nach 1780 auf protestantische Kunst aufmerksam gemacht … Telemann hingegen rezipierte Wiener Musik, übrigens auch solche von Biber. Und als Kapellmeister der Reichsstädte Frankfurt und Hamburg komponierte er Musik zu den dort abgehaltenen politischen Feiern des Reichs, sodass „Habsburg“ kein Fremdwort für ihn war. Leider ist seine Trauermusik für Karl VI. wie auch die für Franz Stephan verloren gegangen. Erhalten sind aber sämtliche weltliche und geistliche Fest-Musiken zur Geburt eines Habsburger Prinzen aus dem Jahre 1716.

UM: Archiv Produktion legte 2014 Ihre legendären Telemann-Aufnahmen wieder auf. Wie beurteilen Sie die aktuellen Telemann-Aktivitäten im Studio oder im Konzertbetrieb?

RG: Tja: die Boys & Girls werden es mit Telemann immer schwer haben. Die Messlatte liegt halt sehr hoch – und die bleibt auch da in dieser Höhe liegen! Mein Kollege Alfredo Bernardini macht hervorragende Arbeit, sehr substanzielles Repertoire fabelhaft gespielt … ansonsten fehlen mir die Worte ... oder andersherum: Telemann braucht kongeniale Interpreten, es können gerne auch Flaschen sein, aber dann bitte solche mit Champagner drin.

UM: Was hätten Sie Ihn gerne gefragt?

RG: Ob sein erster Schwiegervater Daniel Eberlin wirklich ein „turbulentes subjectum“ gewesen sei.


Tipp
Rubato
23.06., 11.00 Uhr

Reinhard Goebel und „sein Telemann“

 

 

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  • S. 2-4

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