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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 5 | Sommer 2017
  • S. 30-31

Dialoge mit Mozart

Interview: Christoph Wellner

[Radio Klassik Stephansdom]

Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Da-Ponte-Opern von Wolfgang Amadé Mozart auseinandergesetzt. Während man nach solcher Beschäftigung gemeinhin mit der Veröffentlichung auf CD oder DVD rechnet, hat Wellber darüber ein Buch geschrieben. Christoph Wellner hat ihn in Wien getroffen.
 

CW: Ihr Buch beginnt mit einem fiktiven Dialog zwischen Mozart und Da Ponte in einem Wiener Kaffeehaus ...

OMW: Der Dialog ist der Schlüssel. Ich meine nicht diesen fiktiven, sondern den Dialog, der aus diesen drei wunderbaren Opern kommt. Mozart und Da Ponte haben miteinander geredet. Jetzt sprechen ihre Opern zu uns. Die Hälfte dieser Opern sind Rezitative – also Gespräche. Das ist für mich der Schlüssel. Und das gibt unheimlich viel Platz für Improvisation.

CW: Improvisation in der Oper? Das müssen Sie erklären ...

OMW: Es ist eine offene und spontane Situation, die mich im Orchestergraben umgibt. Wichtig ist aber eine intensive gemeinsame Arbeit. Sie ermöglicht eine kontinuierliche, natürliche Kommunikation. Daher muss ich in den Aufführungen oft nicht mehr wirklich dirigieren. Die Musiker wissen, was sie zu tun haben, verfolgen das Geschehen auf der Bühne und reagieren darauf!

CW: Wie spontan improvisieren Sie als Continuo-Begleiter?

OMW: Vor jeder und nach jeder Nummer gibt es eine Improvisation von mir – jeden Abend etwas anderes. Das sind oft wenige Töne, manchmal mehrere Takte. Als vergangenes Jahr Leonard Cohen verstarb, habe ich bei einer „Così“-Aufführung in jedem Stück einen Anklang an ihn als Tribut eingebaut.

CW: Im Titel Ihres Buches stecken drei Schlüsselwörter für die drei Opern von Mozart und Da Ponte: die Angst, das Risiko und die Liebe. Kann man diese drei Meisterwerke wirklich so einfach beschreiben?

OMW: Das sind nicht nur diese drei Opern, das ist doch unser ganzes Leben, oder? Wir haben Angst, müssen ein Risiko eingehen und finden dann hoffentlich die Liebe! Ich sehe die Begriffe als Titel der Opern. In unterschiedlicher Ordnung und Gewichtung sind sie in allen Opern vertreten. Lassen Sie mich das veranschaulichen: Im „Don Giovanni“ beginnen wir mit Liebe, haben dann Angst und müssen am Ende ein Risiko eingehen. In der „Così“ steht das Risiko am Anfang, dann folgt die Angst und am Ende die Liebe. In der „Hochzeit des Figaro“ ist anfänglich die Angst, später Risiko und am Ende steht wieder die Liebe.

CW: Warum ist Ihnen diese Kombination so wichtig?

OMW: Das ist doch auch meine Situation im Orchestergraben! Jede Aufführung ist mit einer gewissen Angst verbunden, weil wir jedes Mal viel Risiko mit der von uns geliebten Musik eingehen ...


Omer Meir Wellber/ Inge Kloepfer
Die Angst, das Risiko und die Liebe – Momente mit Mozart

ecowin-Verlag
ISBN: 978-3-7110-0131-3
136 Seiten gebunden | 14,00 EUR

  • Quelle: Magazin Klassik
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  • S. 30-31

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