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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 16 | Frühling 2020
  • S. 46-47

Schöpfung ohne Sündenfall?

Theologische Aussagen des Haydn-Oratoriums

Text: Elisabeth Birnbaum

[Radio Klassik Stephansdom]

Das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn (UA: 1798) wurde in Kirchenkreisen nicht überall geschätzt. Warum? Das Oratorium schildert doch die biblische Erzählung von der Erschaffung der Welt und folgt dabei – zumindest in den Rezitativen – in seinen ersten beiden Teilen dem Bibeltext wörtlich?

Das Licht der Vernunft

Das Oratorium beginnt wie die Bibel mit Genesis 1 und zitiert wörtlich bis: „Und es ward Licht.“ Dieses Licht dient vor allem der Zeiteinteilung, genauer gesagt der Unterscheidung von Nacht und Tag.

In Haydns Oratorium dagegen wird der Satz zur Schlüsselstelle des ganzen Werks. Als Folge der Lichtwerdung fügt das Libretto den in Offenbarung 12 geschilderten Engelssturz ein. Die „Höllengeister“ fliehen vor dem Licht „in der Abgrunds Tiefen hinab“ und „Ordnung keimt empor“. Licht ist hier der Inbegriff von „Ordnung“: Es ist das Licht der Aufklärung, das Licht der Vernunft. Und im Gegensatz zur biblischen Vorstellung, wonach das „Lebenshaus“ Welt auch danach noch vom Chaos umgeben und gefährdet ist, vollzieht sich der „Sturz der Unvernunft“ schon am Beginn des Oratoriums und für immer. 

Die Krone der Schöpfung

Der Höhepunkt des zweiten Teils ist die Erschaffung des Menschen als „Bild Gottes“. Der Mann ist „mit Würd‘ und Hoheit angetan“. Die Frau schmiegt sich liebevoll an den selbstbeherrschten, geist- und vernunftbegabten „König der Natur“. 

So euphorisch schildert die Bibel den Mann nicht. Hier ist der Mensch (Frau und Mann!) Bild Gottes, aber vor allem in seiner Funktion gegenüber dem Rest der Schöpfung, nicht etwa in seinen Eigenschaften oder Fähigkeiten. 

Gotteserkenntnis in der Natur und Schöpfung ohne Sündenfall

Im dritten Teil des Oratoriums erkennt und lobt das erste Menschenpaar (das Libretto wechselt hier zu Gen 2) Gott in der Natur – allein durch seine Vernunft und ohne jegliche Offenbarung.

Und – der wohl gewichtigste Grund der kirchlichen Ablehnung: In der Schöpfung endet die Handlung hier. Alles ist vollendet, alles ist und bleibt gut. Nur kurz vor dem Schlusschor findet sich eine fast versteckte, kleine Mahnung Uriels, nicht „mehr zu wünschen als ihr habt und mehr zu wissen als ihr sollt!“, die aber im darauffolgenden abschließenden Dankeschor untergeht.

In der Bibel dagegen ist die Erzählung von Adam und Eva im Paradies (Gen 2) nur der Vorspann für den „Sündenfall“ und die Frage, wie das Böse in die Welt kommt. Die Bibel erklärt uns, warum Ideal und Realität auseinanderklaffen, das Oratorium schildert das Ideal als bleibende Realität.

Vom Wert der Schöpfung

Und dennoch ist Haydns Oratorium heute aktueller denn je, auch theologisch:

Denn in Haydns Oratorium werden Tiere und Natur begeistert und staunend geschildert. Und gerade in Zeiten der Gefährdung der Natur kann ein solches Staunen über die Schönheit der Welt dazu führen, sich als „Bild Gottes“ verantwortlicher für die Schöpfung zu fühlen und sie dankbar zu bewahren. Haydns Musik kann dazu ihren Beitrag leisten.


Radiotipp

Musica Sacra
3. Mai 2020, 19.00 Uhr
Joseph Haydn: Die Schöpfung

Concentus Musicus Wien Arnold Schoenberg Chor Nikolaus Harnoncourt Dorothea Röschmann (Gabriel, Eva) Michael Schade (Uriel) Christian Gerhaher (Raphael, Adam)

Live-Aufnahme, März 2003, Wiener Musikverein  

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  • S. 46-47

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