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  • Magazin Klassik
  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 9 | Sommer 2018
  • S. 16

Künstlerporträt

Schnyder von Wartensee

Musikexport aus der Schweiz

Text: Monika Jaroš

[Radio Klassik Stephansdom]

Als am 26. Juli 1812 in einer Bäckerei am Badener Hauptplatz Feuer ausbricht, ahnt noch niemand, dass fast die komplette Innenstadt ein Raub der Flammen werden wird. Einer derjenigen, der alles verliert, ist der 26-jährige Franz Xaver Schnyder von Wartensee, ein Schweizer Musiker, der hier nur zu Gast ist. Sein im Vorjahr am Musikfest in Schaffhausen uraufgeführtes Chorwerk „Das Grab“ erscheint nachträglich als schlechtes Omen für seine Wien-Reise. Dabei war Schnyder im Herbst 1811 voll Euphorie aufgebrochen, um sich bei Beethoven die finalen Weihen als Komponist zu holen. Dann die Enttäuschung, der Meister lehnt ihn als Schüler ab: „Nein, antwortete er, dieses sey eine verdrießliche Arbeit; er habe nur einen der ihm sehr viel zu schaffen mache, und den er sich gerne vom Halse schaffen möchte, wenn er könnte. Wer ist denn dieser? Der Erzherzog Rudolph.“ Die Nennung des erzherzoglichen Namens wurde Schnyder zufolge mit einem Stampfen des Fußes begleitet. Unbeeindruckt vom derart geäußerten beethövenlichen Unmut, erwirkte er dennoch die Erlaubnis, seine Arbeiten zur Beurteilung vorlegen zu dürfen. In den nächsten Monaten fleißig davon Gebrauch machend, erscheint es bitter, dass keine einzige davon dem Badener Stadtbrand entgangen ist.

Zurück in der Schweiz, widmete er sich neben Poesie-, Physik- und Literaturstudien seiner jungen Ehefrau und nicht zuletzt der Musik. Kurioserweise passierte es gleich zweimal, dass die Aufführung seiner Variationen für Orchester und Klavier, Damen in Geburtswehen versetzte – der unvermittelte Einsatz türkischer Musik nach einer Pianissimo-Stelle dürfte wohl nichts für zartbesaitete Nerven gewesen sein. Über andere Werke aus Schnyders Feder ist nämliche Wirkung nicht bekannt.

Zeitgenossen wie Gottfried Keller und Paganini beeindruckte er als Pianist und Glasharmonikaspieler, sein Ruf als Musiklehrer ging weit über die Grenzen seiner Wahlheimat Frankfurt hinaus und der Nachwelt gilt er gar als bedeutendster Schweizer Komponist zwischen Klassik und Romantik. Durch seine 1847 gegründete Stiftung zur Förderung künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeiten lebt Schnyder bis heute fort. Humorvoll-bescheiden dichtete der Mann mit besonderer Vorliebe für komplizierte Taktarten und kontrapunktische Kunststücke am Ende seines Lebens:

„So lebe wohl, du hehre Himmelsgabe, Der ich so hohes Glück zu danken habe. Ich fühl mich abgenützt und alt, Doch nicht für Schönes, Gutes kalt. Echo, war ich ein Genie? (Echo:) Nie!“ 


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