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  • Radio Klassik Stephansdom
  • # 12 | Frühling 2019
  • S. 14-16

Warum die westliche klassische Musik in Japan so beliebt ist

Eine anthropologische Analyse

Text: Joji Hattori

[Radio Klassik Stephansdom]

Die Wiener Philharmoniker fahren seit Jahrzehnten fast jedes Jahr nach Japan, weil der japanische Markt für klassische Musik so bedeutend ist, und weil so viele Japaner bereit sind, über 400 Euro für eine Konzertkarte zu zahlen. Auch beim Neujahrskonzert, dem teuersten klassischen Musikevent der Welt, findet man jedes Jahr viele Japaner im Publikum, die extra nach Wien anreisen, nur um dieses Ereignis nicht zu verpassen. Woher kommt dieses Phänomen, warum sind Japaner so besonders interessiert an einer für sie fremden Musik?

Bevor ich diese Frage beantworte, könnte man auch ein wenig darüber philosophieren, ob die Kunst von Bach, Mozart oder Beethoven überhaupt deutsch-österreichisch, europäisch-westlich sei, und somit den Japanern fremd, oder ob sie so großartig und bedeutend für die gesamte Menschheit ist, dass der geopolitische Anspruch darauf erlischt. Dann wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass sich auch Japaner intensiv damit beschäftigen, und die richtige Fragestellung wäre eher, warum es noch Länder auf dieser Welt gibt, die sich nicht für Mozart interessieren.

Denn im Bereich der Philosophie fragt ja auch niemand, warum so viele Nicht-Griechen sich mit klassischer griechischer Philosophie beschäftigen. Und man kann durchaus behaupten, dass es weltweit keine einzige Philosophie-Fakultät gibt, die sich nicht umfassend mit Sokrates oder Plato auseinandersetzt.

Denn im Bereich der Philosophie fragt ja auch niemand, warum so viele Nicht-Griechen sich mit klassischer griechischer Philosophie beschäftigen. Und man kann durchaus behaupten, dass es weltweit keine einzige Philosophie-Fakultät gibt, die sich nicht umfassend mit Sokrates oder Plato auseinandersetzt.

Im Großen und Ganzen glaube ich, dass die Popularität der westlichen klassischen Musik in Japan von zwei Aspekten abhängt. Zum einen ist da die geschichtliche Perspektive, und die ist eigentlich gar nicht so positiv:

Bis 1853 hatten die Japaner über 300 Jahre lang ihre Grenzen geschlossen – sie hatten sich geweigert, sich mit anderen Völkern auszutauschen, Japan sollte ein Universum für sich sein und bleiben.

Dann kam plötzlich die „Meiji-Restauration“, die Politik der japanischen Regierung des 19. Jahrhunderts. Die Grenzen wurden geöffnet und die Japaner haben sich den weltweit herrschenden Kolonialismus genauer angeschaut: Die Sieger darin waren natürlich die Kolonialherren, die Weißen, und die Verlierer fast alle anderen, die kolonialisierten Asiaten und Afrikaner.

Dass die absolute Priorität der Japaner im Aufrüsten lag, um nicht auch kolonialisiert zu werden, ist allzu verständlich. Aber anstatt sich mit anderen Asiaten zu verbünden, um die weißen Kolonialherren aus Asien zu vertreiben, haben die Japaner den Weg gewählt, die einzigen nicht-weißen Kolonialherren zu werden. Sie eroberten erfolgreich die koreanische Halbinsel und Teile von China und standen plötzlich in der ungewöhnlichen Situation, über verwandte Nachbarländer als Kolonialherren zu herrschen.

Denn die Besetzung Koreas durch Japan wäre in Europa vergleichbar mit einer Kolonialherrschaft Englands über Teile von Deutschland! So wie das englische Königshaus viel deutsches Blut hat, war das japanische Kaiserhaus direkt verwandt mit dem koreanischen Königshaus.

Für diese Unterdrückung der Verwandtschaft hat die japanische Regierung nach einer kulturellen Rechtfertigung gesucht, also nach etwas, wodurch sich die Japaner von den anderen Asiaten abheben konnten. Und die perfekte Lösung schien die Verwestlichung Japans.

Die Japaner haben die eigenen Wissenschaftler nach Europa geschickt und dann wirklich alles Erdenkliche – von der Verfassung bis zu Militärtechniken, von der Architektur bis zur Küche – importiert. Und nun kommt das Extremste an dieser Geschichte: Allen japanischen Bürgern wurde die europäische Kultur von oben herab verordnet! Die High Society ging dabei mit allen möglichen Beispielen voran. Plötzlich gab es französisches Essen am japanischen Hof, der japanische Kaiser trug Frack statt Kimono und die japanischen Hofmusiker mussten, ob sie wollten oder nicht, westliche Instrumente lernen, um bei Staatsempfängen westliche Musik aufführen zu können. An allen japanischen Schulen wurde auf Befehl der Regierung Bach und Beethoven unterrichtet – das ist eigentlich ein etwas trauriger Umstand, dass die Japaner so in die westliche Musik eingeführt wurden.

Genau dies führte aber zu einer bereits 160-jährigen Geschichte der klassischen Musik im gesamten Japan und erklärt die große Anzahl von japanischen Musikern und Musikbegeisterten heute. 

Gleichzeitig gibt es meiner Meinung nach auch einen zweiten, viel positiveren Grund, warum viele Japaner heutzutage die westliche Musik wirklich intensiv lieben: Die japanische Gesellschaft ist sehr gemeinschaftsbezogen, jeder Mensch soll sich nur als ein Zahnrad der Gesellschaft empfinden, und man darf sich nie zu sehr individualisieren.

Das fängt schon in der frühen Erziehung an, wenn es zum Beispiel an Schulkantinen keine Wahlmöglichkeit gibt, oder wenn den Kindern beigebracht wird, dass ein zu individualistisches Denken letzten Endes immer höchst egoistisch ist.

Die Regel, immer gemeinschaftlich denken zu müssen, hat einen philosophischen, konfuzianistisch-moralethischen Hintergrund. Ich sage übrigens moralethisch, da Konfuzianismus, nach dem die meisten japanischen Kinder auch heute erzogen werden, keine Religion ist, sondern eine Moralphilosophie.

Und doch werden alle Menschen andersartig geboren, jedes Kind ist ein Individuum. Deshalb gibt es bei vielen Japanern einen inneren Widerspruch, mit dem sie leben müssen, und wodurch eine Sehnsucht nach etwas anderem entsteht, nach einer individualistischen Freiheit!

Diese unerfüllte Seite in einem typisch japanischen Leben kann wohl ein bisschen gefüttert werden durch das Konsumieren der westlichen Musik, beziehungsweise durch das Zuhören von individualistischen Interpretationen einzelner Musiker.

In den wenigen Minuten, in denen die Japaner im Konzert sitzen, bekommen sie ein bisschen von einer grundverschiedenen Lebensphilosophie ab. Und das würde auch erklären, warum japanische Musiker gerade in Japan niemals den gleichen Erfolg erreichen können wie westliche Musiker auf Besuch. Für mich, einen japanischen Musiker, ist diese Erscheinung äußerst ärgerlich, aber es gibt tatsächlich eine große Anzahl von Japanern, die sich jedes Jahr die teuren Karten leisten, um die Wiener Philharmoniker anzuhören, aber fast niemals eine Aufführung von einem japanischen Orchester besuchen! Wenn es aber darum geht, um ein paar Minuten von einer komplett anderen, fremden Weltordnung zu träumen, kann man es diesen Zuhörern nicht übelnehmen, dass sie keine eigenen Landsleute auf der Bühne sehen wollen.

Verordnung von oben und Sehnsucht von innen, das sind meiner Ansicht nach die zwei Hauptgründe, warum die klassische Musikwelt in Japan so groß geworden ist.

Und trotzdem möchte ich auch auf die Tatsache zurückkommen, dass verschiedene Kultursparten zu verschiedenen Zeiten in der Menschheitsgeschichte an verschiedenen Orten ihre Blüte haben. Man kann tatsächlich mit Objektivität behaupten, dass in den letzten 500 Jahren der Menschheitsgeschichte die wichtigste Entwicklung der Musik in Europa stattgefunden hat, und dass es nur selbstverständlich ist, dass diese bestimmte Art von Musik, die man als „klassische westliche Musik“ bezeichnet, weltweit sehr viel übernommen wurde.

Wobei man auch Europa nicht in einen Topf werfen kann. Wenn ich von der europäischen Musikkultur der letzten fünf Jahrhunderte spreche, trifft das nur auf gewisse europäische Staaten zu wie Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich. Beispielsweise wurde in der Zeit zwischen Bach und Brahms in Schweden, Portugal oder der Schweiz sehr wenig universale Musik geschaffen, die man exportieren hätte können. Diese Länder waren – genauso wie Japan – angewiesen auf den Import der großartigen klassischen Musik. Innerhalb von Asien hat Indien die größte Entwicklung der eigenen Musik in den letzten 500 Jahren vorzuweisen und deshalb sind wohl diejenigen, die bisher am wenigsten westliche Musik importiert haben. Als Land mit der sechstgrößten Volkswirtschaft haben sie bis dato nur ein einziges professionelles Teilzeitorchester der westlichen Symphoniemusik. Die japanische Musikgeschichte hingegen hat in den letzten fünf Jahrhunderten viel weniger zu bieten. Dadurch kann man auch den japanischen Durst nach westlicher Musik erklären.

In der Welt der bildenden Künste, oder der Kochkunst, meinem zweiten Metier, schaut das Gleichgewicht in der Welt ganz anders aus. Ich liebe Wiener Schnitzel und Kaiserschmarr’n, aber ich würde diese Gerichte nicht unbedingt als universal gültiges Weltkulturerbe bezeichnen. Da haben die französischen oder japanischen Küchentraditionen wohl die besseren Karten, und tatsächlich sind nur diese zwei Kochkünste in der UNESCO-Liste des immateriellen Weltkulturerbes zu finden.

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