HISTORISCHES > PERSONEN

  • Foyer5
  • Landestheater Linz
  • # 22 | Jänner - März 2022
  • S. 16-19

Räuberpistolen, oder: Universalmenschen

Text: Anna Maria Jurisch

[Landestheater Linz]

Ein Mann, der seine 67 Lebensjahre als Sohn eines Uhrmachers in Paris beginnt; denselben Beruf erlernt, trotz immensen Desinteresses bei der Ausübung des Handwerks brilliert und dabei eine geniale Erfindung macht; der den sozialen Aufstieg jagt, ihn vollzieht und wieder verliert; der es liebt, sich öffentlich zu streiten, mehrmals verhaftet wird, in spektakulären Prozessen immer wieder zu Gefängnisstrafen verurteilt wird. Ein Mann, der aber auch Jagdrichter wird, später Waffenschmuggler, Spion, Außenpolitiker (Schwerpunkt: Nordamerikapolitik); dessen Persönlichkeit (und eines von vielen spektakulären Kapiteln seines Lebens) in Goethes Trauerspiel Clavigo verewigt wurde und der aus diesen Dingen eine Karriere als gefeierter Dramatiker aufbaute. Eine Figur wie aus einem Groschenroman und dabei einer der bedeutendsten Literaten Frankreichs.

Oder: Ein Mann, der im Ghetto von Venedig geboren wird, später unter anderem in Wien, Dresden und London lebt, der sich zum Priester weihen lässt, am kaiserlichen Hof der Habsburger arbeitet, zahllose literarische Texte schreibt, Opernlibretti wie am Fließband produziert, Hebräisch unterrichtet, sich beim Glücksspiel hoch verschuldet, eine Bar in New Jersey betreibt, eine Professur für Italienische Literatur am Columbia College in New York bekleidet, eine Greislerei in Pennsylvania eröffnet, der vom Judentum zum Katholizismus zum Anglikanismus konvertiert, als Buchhändler und Opernimpresario wirkt und schließlich nach 89 Jahren prallsten Lebens mit einer spektakulären Trauerfeier in der New Yorker St. Patrick’s Old Cathedral seinen letzten Abschied nimmt. Auch er ist kein Held aus einem Mantel-und-Degen-Film, sondern eine zentrale Figur europäischer Operngeschichte.

Beide Lebensgeschichten klingen wie Hirngespinste nach Art der Abenteuerromantik à la Karl May. Allerdings sind beide Erzählungen keine Fiktionen, sondern die, sehr kurz gefassten und damit umso dramatischer klingenden, Biografien zweier Männer, die unmittelbar mit Wolfgang Amadé Mozarts Oper Le nozze di Figaro in Zusammenhang stehen. Bei dem Pariser Uhrmachersohn handelt es sich um Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, den Verfasser von unter anderem La Folle journée ou Le Mariage de Figaro (Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro). Sein etwas jüngerer Zeitgenosse, dessen Weg durch die Welt in Venedig begann und in New York City endete, war Lorenzo Da Ponte, Librettist von Mozarts Beaumarchais-Oper Le nozze di Figaro (Die Hochzeit des Figaro). Beide Autoren sind also unmittelbar relevant für das Narrativ um Figaro, Susanna, den Grafen und die Gräfin Almaviva, und auf nahezu gespenstische Art korrespondieren ihre ausschweifenden, außerordentlichen Lebenswege miteinander. Was wie eine Räuberpistole klingt, ist bei beiden aber vor allem eine individuelle Aneignung, ein Ausbrechen aus vorgezeichneten Möglichkeiten und das Streben nach einem kaum zu definierenden Höheren, das nicht nur gesellschaftlicher Aufstieg gewesen zu sein scheint, sondern auch die Befreiung des Individuums aus intellektueller und persönlicher Enge in einer streng hierarchischen Gesellschaft.

Es sind die atemlosen Biografien, die der Zeit zu entsprechen scheinen, in denen sie gelebt wurden, das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert sind voll mit solchen rasant gelebten Existenzen – von Beaumarchais und Da Ponte über Giacomo Casanova bis hin zu Jean-Jacques Rousseau (und mit anders gelagerter, weniger breit gefächerter Intensität auch Wolfgang Amadé Mozart selbst). Dabei sind es vor allem Parallelen, die verblüffen und die ein Porträt einer fieberhaften Zeit entwerfen. Natürlich könnte man Da Ponte, der einen Hang zum Glücksspiel hatte und auch deswegen immer wieder die Stationen seines Lebens abrupt verließ, um Gläubigern zu entkommen, als Hasardeur abtun. Oder Beaumarchais lediglich in der Kategorie des egozentrischen Emporkömmlings denken, der sich selbst unglaublich gern in Szene setzte. Aber das Unstete dieser Existenzen ist bezeichnend für eine (europäische) Realität, für ein heraufziehendes Chaos, für einen gesellschaftlichen Bruch, der letztlich unter anderem in der Französischen Revolution gipfelte. Auf gewisse Weise sind die ausufernden, vielseitigen Leben dieser Männer ein Aufbegehren gegen strenge sozioökonomische Grenzen europäischer Lebenswege im Zeitalter der ausgehenden Aufklärung. Der Wille zum sozialen Aufstieg war bei beiden groß – Beaumarchais interessierte sich offenkundig nicht für das Leben eines talentierten, aber kleinbürgerlichen Uhrmachers, und offenbar waren es sein Charisma und sein Intellekt, sowie eine ausgesprochene Portion von Selbstsicherheit, die ihm die Türen in die höchsten Kreise der Gesellschaft öffneten. Da Ponte, der als Emmanuele Conegliano geborene Sohn eines jüdischen Lederhändlers, hat ebenso jede erdenkliche Chance ergriffen, aus dem engen Korsett dessen, was ihm als Jude im Italien des 18. Jahrhunderts möglich oder eben unmöglich war, auszubrechen. Beaumarchais und Da Ponte gingen aufs Ganze, spielten mit vollem Risiko und unter Einsatz ihrer Leben – die zahlreichen Facetten dieser Persönlichkeiten begehrten auf und manövrierten dabei nicht immer vorbei an den Klippen sozialen Abstiegs, Gesetzes- oder Konventionsbruchs. Der Lohn dafür ist eine Art berüchtigter Unsterblichkeit im kollektiven Kulturgedächtnis, errungen durch immensen Mut und den Willen, die Fragilität der Welt vor der Französischen Revolution, das unterschwellig brodelnde Chaos des sozialen Kontraktes auszunutzen. Dabei fällt es leicht, sowohl Beaumarchais in seinen eigenen Werken als auch Da Ponte und seine Zeitgenossen (Casanova war ein enger persönlicher Freund) in den Opernlibretti, gerade jenen für Mozart, wieder zu finden. Das Aufbegehren gegen ein vorgefertigtes Schicksal, durchaus verbunden mit einem Hang zum Extrem und zum Melodramatischen, ist eine Form von Vorbild für das, was Mozarts Opernfiguren so lebendig macht, was ihre Schicksale bei aller Übertreibung berührend und prickelnd macht. Das Auflehnen gegen die Norm ist zumindest im Nachgang, aus dem Blick des 21. Jahrhunderts, nicht nur Selbstzweck, sondern eine fesselnde Selbstbestimmung. Ein Taschenspielertrick, der unerhört und ein wenig dreist, aber mitreißend, menschlich und berührend ist.



LE NOZZE DI FIGARO (DIE HOCHZEIT DES FIGARO)

OPERA BUFFA VON WOLFGANG AMADÉ MOZART
TEXT VON LORENZO DA PONTE

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere 15. Jänner 2022
Großer Saal Musiktheater

Musikalische Leitung Markus Poschner Inszenierung François De Carpentries Bühne und Kostüme Karine Van Hercke Video Aurélie Remy Dramaturgie Anna Maria Jurisch Chorleitung Elena Pierini Nachdirigat Ingmar Beck

Mit Martin Achrainer (Graf Almaviva), Erica Eloff/Brigitte Geller (Gräfin Almaviva), Fenja Lukas (Susanna), Adam Kim (Figaro), Anna Alàs i Jové (Cherubino) u.v.a.

Chor des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz

Die Geschichte könnte ganz einfach sein: Figaro liebt Susanna, Susanna liebt Figaro und die beiden wollen heiraten. Wenn da nicht der Graf Almaviva wäre, seines Zeichens absolutistischer Herrscher und ausgemachter Schürzenjäger, der es auch auf Susanna abgesehen hat und darüber seine ihn innig liebende Ehefrau vergisst. Innerhalb eines einzigen Tages spielt sich die mitreißende, komische, berührende Geschichte von Le nozze di Figaro ab und erzählt zu spektakulärer Musik in einem der Kernstücke europäischer Oper von Liebe, Leidenschaft und Intrigen.

Weitere Vorstellungen
22., 27. Jänner, 4., 12., 18. Februar, 25. März 2022
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  • Quelle: Foyer5
  • Landestheater Linz
  • # 22 | Jänner - März 2022
  • S. 16-19

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