Im Blickpunkt
Dem Gipfel so nah – Stanisław Moniuszko
In Polen kennt ihn jeder, im Ausland noch viel zu wenige: Stanisław Moniuszko war mehr als ein Nationalkomponist. Seine internationale Fangemeinde wächst.
Text: Stephan Burianek
In: Opernglas, 2/2020 (Auszug), Opernglas Verlag, S. 46-47 [Magazin]
Talent ist eine Sache, einflussreiche Fürsprecher eine andere. Wer als Künstler erfolgreich sein möchte, der braucht in gewisser Weise beides. Der Komponist Stanisław Moniuszko (1819-1872) hatte vom ersten mehr als vom zweiten und schaffte es selbst bei schwieriger Auftragslage durch disziplinierte Arbeit, seine Familie durchzubringen – bei zehn Kindern eine beachtliche Leistung. Heute teilt Moniuszko das Schicksal vieler seiner Berufskollegen: Er ist international so gut wie unbekannt.
Nicht so in Polen, dort gilt Moniuszko als Nationalkomponist schlechthin. Im ganzen Land tragen Straßen und Plätze seinen Namen, in Warschau sogar der Hauptbahnhof. Sein bekanntestes Denkmal steht vor dem Teatr Wielki (Großes Theater) der Hauptstadt: Überlebensgroß und mit ernstem Blick hält er mit seiner linken Hand eine Drehleiher fest im Griff, die wohl seine tiefe Verbundenheit zur polnischen Volksmusik symbolisieren soll. Wie auch viele andere Komponisten des 19. Jahrhunderts schöpfte Moniuszko aus dem bäuerlichen Musikfundus seiner Region. Wobei „seine Region“ eine weite war: Als einziger Spross einer kunstsinnigen polnischen Landadelsfamilie auf dem elterlichen Gut nahe Minsk geboren, verbrachte er nach der Eheschließung mit seiner großbürgerlichen Frau Aleksandra viele Jahre in Wilna (Vilnius), bevor er in Warschau letztlich mit dem späten Erfolg seiner bis heute bekanntesten Oper »Halka« den Durchbruch als Komponist feierte. Folglich wird Moniuszko seit jeher auch in Weißrussland und Litauen für nationale Zwecke bemüht.
Die traditionelle Vereinnahmung Moniuszkos durch Machthaber unterschiedlichster politischer Richtungen ist wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass sich sein Ruhm nach wie vor auf das Gebiet von drei osteuropäischen Ländern beschränkt, denn in Wirklichkeit war er ein paneuropäischer Komponist, der seinen künstlerischen Blick auf die Opernzentren seiner Zeit richtete. Er studierte Komposition in Berlin, verehrte den Franzosen Auber und hoffte, letztlich erfolglos, mit einer italienischen Übersetzung seiner Oper »Halka« auch in Italien Fuß fassen zu können.
Dieser Glaube an die eigene Konkurrenzfähigkeit im europäischen Kontext erscheint durchaus nachvollziehbar. Nicht nur die musikalische Qualität der mehr als dreihundert Lieder, die ihm die Bezeichnung als „polnischer Schubert“ einbrachten, ist unbestritten. Auch in den Kantaten und in seinen Opern paart sich ein genuiner Sinn für Harmonie mit unbändigem Melodienreichtum. Eine unkomplizierte Internetrecherche befeuert die Neugier, denn auf Youtube ist einiges zu finden: Die Kantate »Milda« (1848) zieht gekonnt alle Register der Romantik, das Vorspiel des Operneinakters »Flis« („Der Flößer“, 1858) reißt nach zart wogendem Beginn mit einem flotten Tanzrhythmus und tondichterischem Gewitterleuchten mit, und das Hauptthema der schwungvollen Konzertouvertüre »Bajka« (1848) ist ohnehin ein hartnäckiger Ohrwurm.
Rüdiger Ritter, der seine langjährigen Moniuszko-Studien in der lesenswerten Biografie „Der Tröster der Nation. Stanisław Moniuszko und seine Musik“ zusammengefasst hat, bezeichnete den Werdegang des Komponisten zum polnischen Kulturgut bei seiner Buchpräsentation im vergangenen Dezember im Theater an der Wien als puren Zufall. Genauso gut, so Ritters These, hätte Moniuszko bei seinen Pariser Salonbesuchen einfach Glück haben können. Oder bei seinen mehrfachen Versuchen, in St. Petersburg mit einflussreichen Leuten in Kontakt zu kommen – dann wäre er uns heute vielleicht als russischer Komponist bekannt. Denn jenes Kongresspolen, in dem Moniuszko aufwuchs und wirkte, war damals de facto ein Teil des russischen Zarenreiches. Kein Geringerer als der russische Komponist und Musikkritiker César Cui, der später als Teil des berühmten „Mächtigen Häufleins“ in Sankt Petersburg die Schaffung eines russischen Nationalstils propagierte, war in jungen Jahren in Wilna ein Musikschüler von Moniuszko gewesen.
Vielleicht erschien Moniuszkos Lebenswandel aber schlichtweg als zu bieder, um in den Salons der Mächtigen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als treuer Familienvater mit einer disziplinierten Arbeitsmoral entsprach er kaum dem tradierten Bild eines unkonventionellen Künstlergenies. Selbst der damalige Direktor der Warschauer Nationaloper behandelte ihn als „adligen Dilettanten und nicht als ernsthaften Komponisten“, wie Rüdiger Ritter schreibt. Trotzdem sollte im Jahr 1847 seine »Halka« an diesem Haus uraufgeführt werden. Sollte, denn schon bald wurden die Proben eingestellt. Der Grund: Einflussreiche Kreise der polnischen Intelligenz hatten Bedenken gegen das gesellschaftskritische Libretto, in dem das selbstgefällige Gebaren des Adels gegenüber dem „einfachen“ Volk an den Pranger gestellt wird – das durch die Reaktionen bestätigt wurde. Es sei „unlogisch“, die des Lesens und Schreibens nicht mächtige Landbevölkerung auf die Bühne zu stellen, hieß es unter anderem. Zu frisch war außerdem die Erinnerung an den Bauernaufstand im Jahr zuvor in Galizien, der sich letztlich nicht gegen die österreichische Herrschaft, sondern gegen den dort ansässigen polnischen Adel gerichtet hatte. »Halka« wurde schließlich 1848 konzertant in Moniuszkos eigenem Salon in Wilna und sechs Jahre später auch szenisch im Theater des dortigen Rathauses uraufgeführt. Auch interessant: Das Werk zählt zu den ersten durchgängig komponierten Opern – und ist womöglich sogar die allererste – ohne gesprochene Passagen oder Rezitative.
Elf Jahre nach dem Warschauer Fiasko kam aus der polnischen Hauptstadt dann doch noch grünes Licht für eine »Halka«-Aufführung. Die Zeiten hatten sich geändert: Die russischen Machthaber unterstützten neuerdings Werke mit polnischem Kolorit, da passte Moniuskos Oper plötzlich ins Konzept. Letztlich wurde die Warschauer Premiere am Neujahrstag 1858 doch noch eine Uraufführung, denn Moniuszko nahm zahlreiche Änderungen vor – die Handlung wurde von zwei auf vier Akte erweitert, Tanzeinlagen hinzugefügt und die Adelskritik abgeschwächt (von der Urfassung ist nur mehr der Klavierauszug erhalten). Das Werk feierte nun Triumphe, die Vorstellungen waren über Monate hinweg ausverkauft. Ein halbes Jahr nach der Premiere wurde Moniuszko zum Hauptdirigenten der Nationaloper im Teatr Wielki ernannt und mutierte dort faktisch zum Hauskomponisten und künstlerischen Leiter. Ähnlich wie über ein halbes Jahrhundert danach der mährische Komponist Leoš Janáček, wurde auch Moniuszko erst im fortgeschrittenen Alter durch den späten Erfolg einer frühen Oper zum produktiven Opernkomponisten.
Ob Genie oder einfach „nur“ begnadeter Handwerker – Moniuszkos Œuvre findet in den letzten Jahren zunehmend das Interesse von internationalen Musikergrößen. Das ist sicherlich auch auf das Herzblut von Stanisław Leszczyński, dem Vizedirektor des Staatlichen Frédéric-Chopin-Instituts in Warschau, zurückzuführen. Unter seiner Ägide produziert die finanziell gut dotierte Forschungseinrichtung neben dem alljährlichen „Chopin in Europa“-Festival und dem alle fünf Jahre stattfindenden Internationalen Chopin-Klavierwettbewerb eine beachtliche Menge an hochwertigen Musikalben, die neben Chopin auch dessen polnische Zeitgenossen beleuchten. Der französische Pianist Cyprien Katsaris spielte kürzlich Moniuszkos zahlenmäßig überschaubare Klavierwerke ein und garnierte sie mit den bekanntesten Melodien aus dessen Opern. Und Fabio Biondi, Spezialist der historischen Aufführungspraxis, führte mit seinem Ensemble Europa Galante im vergangenen Jahr in Warschau die italienische »Halka«-Version konzertant auf. Es war zugleich das Eröffnungskonzert der ganzjährigen Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Komponisten. Biondis zwischenzeitlich als CD-Buch erschienene Einspielung legt mit puristischem Klang und trotz der slawischen Tänze eine verblüffende Nähe dieses Werks zu zeitgenössischen italienischen Opern frei.
Der aktuell wohl einflussreichste Moniuszko-Werber heißt aber Piotr Beczała. „Ich komme nur, wenn ich in der »Halka« singen darf“, soll der Tenor dem Intendanten des Theaters an der Wien, Roland Geyer, gesagt haben. Im vergangenen Dezember war der Deal perfekt: Mit ergreifender Intensität sang Beczała den gutmütigen Jontek, der das Bauernmädchen Halka (Corinne Winters) vergeblich vor dem Untergang bewahren möchte. Mariusz Treliński rückte in seiner Inszenierung, die diesen Februar ins Repertoire der Warschauer Nationaloper wechselt, den gesellschaftskritischen Gehalt auf Kosten der Folklore in den Fokus, was im vergleichsweise traditionellen Polen einmal mehr für Diskussionen sorgen dürfte.
Ob diese vom Wiener Publikum gefeierte Produktion für Stanisław Moniuszko den von vielen Polen lange ersehnten internationalen Durchbruch bedeuten wird, bleibt abzuwarten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gestiegen.
- Quelle:
- Opernglas
- Opernglas Verlag
- 2/2020 (Auszug)
- S. 46-47
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