- Magazin Klassik
- Radio Klassik Stephansdom
- # 42 | Herbst 2026
- S. 54-56
Exilarte
Musik gegen das Vergessen
Gerold Gruber blickt zum Doppeljubiläum von Exilarte auf zwei erfolgreiche Jahrzehnte zurück
Text: Christoph Wellner
In: Magazin Klassik, # 42 | Herbst 2026, Radio Klassik Stephansdom, S. 54-56 [Hörermagazin]
2026 feiert Exilarte ein doppeltes Jubiläum: Vor 20 Jahren gründete Prof. Gerold Gruber den Verein exil.arte, vor zehn Jahren wurde daraus das Exilarte Zentrum an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Was als Initiative zur Wiederentdeckung vertriebener und verdrängter Musikerinnen und Musiker begann, hat sich zu einer international anerkannten Forschungs-, Archiv- und Vermittlungsinstitution entwickelt. Das Jubiläumsjahr zeigt eindrucksvoll, wie weit dieser Weg geführt hat – und wie viel noch zu entdecken bleibt. „Den Verein habe ich 2006 gegründet und 2016 wurden wir dann durch die neue ernannte Rektorin Ulrike Sych in ein Forschungszentrum umgewandelt“, erinnert sich Gruber im Gespräch. Die Entwicklung sei keineswegs selbstverständlich gewesen. In den ersten Jahren war Exilarte auf die Unterstützung anderer Institutionen angewiesen. „Wir haben gespürt, es muss eine Erweiterung, eine Ergänzung geben“, sagt Gruber. „Diese Ergänzung war natürlich, dass wir ein Archiv bekommen.“ Der entscheidende Schritt erfolgte 2016, als die Universitätsbibliothek in neue Räumlichkeiten übersiedelte und Exilarte die bisherigen Flächen übernehmen konnte. „Ich sage immer: A dream came true!“, beschreibt Gruber den Moment. Plötzlich standen Büroflächen, Archivräume und Ausstellungsflächen zur Verfügung – die Voraussetzungen für ein Forschungszentrum, das heute zu den wichtigsten Einrichtungen seiner Art zählt. Dabei waren die Erwartungen zu Beginn vergleichsweise bescheiden. „Michael Haas und ich haben vor zehn Jahren gesagt: Wenn wir zwei Nachlässe pro Jahr bekommen, ist das ein Erfolg.“ Die Realität übertraf alle Prognosen. Heute betreut Exilarte bereits 43 Nachlässe. „Jetzt haben wir vier bis fünf Nachlässe pro Jahr“, berichtet Gruber. Erst kürzlich kam der Nachlass von Ernst Toch und zuvor jener von Erich Zeisl hinzu. Gerade diese Sammlungstätigkeit sorgt immer wieder für Überraschungen. „Eigentlich gibt es bei jedem Nachlass überraschende Momente“, sagt Gruber. Immer wieder stoße man auf Lebensgeschichten, die selbst Kenner der Materie verblüffen. „Es ist unglaublich, was in diesen Nachlässen drinnen steckt. Es ist für uns eine große Herausforderung, aber auch eine Verpflichtung und Verantwortung, dass wir das auch in die Öffentlichkeit bringen.“
Jubiläumsjahr
Genau diese Öffentlichkeit steht im Jubiläumsjahr 2026 besonders im Mittelpunkt. Exilarte nutzt das Doppeljubiläum nicht nur zum Rückblick, sondern vor allem dazu, die Vielfalt seiner Sammlungen hörbar zu machen. „Wir haben versucht, auch zu zeigen, wie vielfältig unsere Sammlungen sind“, erklärt Gruber. Dafür wurde ein Konzertprogramm zusammengestellt, das unterschiedlichste Komponisten, Stilrichtungen und Schicksale zusammen führt. Der erste große Höhepunkt des Herbstes findet am 23. September 2026 statt. Dann gestalten die Wiener Symphoniker gemeinsam mit der Pianistin Mitra Kotte ein Jubiläumskonzert. Für Gruber zählt dieser Abend zu den zentralen Veranstaltungen des Jahres. Er steht exemplarisch für das Anliegen von Exilarte, lange vergessene Werke wieder auf die großen Konzertpodien zurückzu bringen. Am Programm stehen drei Werke von Wilhelm Grosz, darunter die Uraufführung seiner „Spanish Rhapsody“ für Klavier und Orchester sowie die 2. Symphonie von Hans Winterberg. Die Wiederentdeckung Winterbergs gehört zu den großen Erfolgsgeschichten von Exilarte. Der Komponist, dessen Leben von Verfolgung, Entrechtung und jahrzehntelanger Vergessenheit geprägt war, hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der faszinierendsten Figuren des wiederentdeckten Repertoires entwickelt [siehe dazu auch den Artikel „Hans Winterberg – Komponist“. Von Michael Haas. Erschienen in magazin KLASSIK No.25, Sommer 2022, Seite 38-41, online verfügbar]. Winterberg ist auch Bestandteil des Konzerts am 3. Dezember 2026: In einer Kooperation zwischen mdw und MUK wird sein Ballett „Mandragora“ erstmals aufgeführt. Winterberg habe immer wieder versucht, seine Bühnenwerke zur Aufführung zu bringen, doch dieser Wunsch habe sich zu seinen Lebzeiten nicht erfüllt: „Insofern ist es eine Uraufführung“, kommentiert Gerold Gruber. Dirigiert wird dieses Konzert von Andreas Stöhr.
Den Abschluss und zugleich wohl emotionalen Höhepunkt des Jubiläumsjahres bildet das Konzert am 13. Dezember 2026 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Gemeinsam mit dem Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde präsentiert Exilarte die österreichische Erstaufführung von Richard Fuchs’ Oratorium „Vom jüdischen Schicksal“. Für Gruber ist dieses Werk weit mehr als eine musikalische Rarität. Die Geschichte dahinter sei außergewöhnlich. Richard Fuchs war zunächst ein renommierter Architekt in Karlsruhe. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 verlor er seine berufliche Existenz. Gleichzeitig komponierte er (ganz im Stil von Richard Wagner und Richard Strauss!) weiter und gewann mit „Vom jüdischen Schicksal“ sogar einen Wettbewerb des Jüdischen Kulturbundes. „Das Interessante oder Provokante an diesem Stück ist, dass es ganz scharfe jüdische Texte sind – und die Musik aber vollkommen deutsch klingt“, sagt Gruber. „Dieser Gegensatz ist so stark, dass selbst die Leitung des Jüdischen Kulturbundes das nicht aufs Programm bringen wollte.“ Nach seiner Flucht nach Neuseeland blieb Fuchs auch dort ein Außenseiter. Als deutscher Flüchtling galt er als „enemy alien“, seine Musik fand kaum Gehör – mit Ausnahme eines von ihm komponierten Weihnachtsliedes, das Generationen von Neuseeländern geprägt hat: „A New Zealand Christmas“ wurde u. a. auch bei einem Besuch von Queen Elizabeth II. im Jahr 1953 gesungen. Erst Jahrzehnte später beginnt die Wiederentdeckung seines Schaffens. Die Aufführung im Musikverein wird erst die dritte überhaupt sein – und die erste in Österreich.
Trotz aller Jubiläumsfeiern versteht Gerold Gruber das Jahr 2026 nicht als Abschluss, sondern als Zwischenstation. Noch immer tauchen neue Nachlässe auf, noch immer werden unbekannte Werke entdeckt. „Es sind dauernd noch Überraschungen oder Entdeckungen zu machen – das macht unsere Arbeit so spannend!“, sagt er. Auf die Frage nach der Zukunft antwortet er mit einem Schmunzeln: „Ganz locker kann ich sagen: Die nächsten 20 Jahre habe ich sicher zu tun.“
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