Wiener Festwochen

Von Unter- und Übermenschen

Die ukrainischen Theatermacher Illia Razumeiko und Roman Grygoriv öffnen mit ihrem Kollektiv Opera Aperta in «Modraniht. Songs of Winter War» weite Interpretationsräume und liefern starke Eindrücke

Stephan Burianek • 02. Juni 2026


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Wer im Kollektiv Opera Aperta arbeitet, der muss alles sein: Sänger, Instrumentalist, Tänzer, Schauspieler, Schausteller © Illia Razumeiko

Wer sich als Teil einer Kulturnation versteht, den interessieren offenbar nur die Übermenschen, sagt Illia Razumeiko im Wiener Theater Akzent. In seinem klugen, durchaus witzigen Vortrag nennt der ukrainische Komponist mit Currentzis, Netrebko und Abdrazakov drei der bekanntesten Beispiele für Künstler, die für immer und ewig für das System Putin stehen werden – demselben System, das für die Ermordung hunderter ukrainischer Künstler verantwortlich ist. Doch für die Schicksale und die Arbeiten von „Untermenschen“ interessiere man sich in Wien nicht. Dabei sollte es den Wienern zu denken geben, wenn das Moskauer Bolschoi-Theater als Saisonabschluss-Premiere mit seinem gesamten Ensemble nicht nur Prokofieffs «Krieg und Frieden» aufführt, sondern dieses Werk außerdem als Legitimierung des russischen Angriffskriegs inszeniert, – womit Razumeiko auf die Funktion der Kultur als Soft-Power-Kriegswaffe anspielt, die von den Leitmedien immer noch kaum thematisiert wird.

Wer nach dieser politischen Einführung sowie nach dem Studium diverser Vorberichte bei «Modraniht. Songs of Winter War» mit einer Art zeitpolitischer Dokumentationsoper in ukrainischen Nationalfarben gerechnet hat, der wird überrascht. Das Plakative ist nicht die Sache des ukrainischen Künstlerkollektivs Opera Aperta, und ebendas schien manche Anwesende zeitweise zu überfordern. Was man denn von Künstlern, die aus einem Kriegsgebiet kommen, erwarte, wird das Publikum in einem immersiven Teil ihrer Performance gefragt. Und: „Worum geht es in dieser Oper?“ – Die Antworten zeigen, dass viele keinen blassen Schimmer haben und das Werk nicht so recht mit dem ihm vorangegangenen Vortrag in Verbindung setzen.

Tatsächlich liefern die elf Musiker und Musikerinnen einen weiten Assoziationsraum. Mit „Oper“ im klassischen Sinn hat Opera Aperta nur wenig zu tun, der Begriff wird breit und zeitgenössisch interpretiert: Musik, Gesang und zeitgenössischer Tanz verbinden sich hier mit (leider zeitverzögerten) Live-Videos und Kurzfilmen, Livemusik changiert mit voraufgezeichneten Klängen. Dass dabei keine Elektroklänge zum Einsatz kommen, sei an seiner Musik eigentlich besonders avantgardistisch, merkte Razumeiko mit einer gewissen Ironie an. Elektronisch verstärkt wird freilich dennoch, zumal die Performerinnen gelegentlich flüstern oder für sphärische Soundeffekte mit Fäden über Klaviersaiten streichen.

Unterdrücker und Unterdrückte © Valeriia Landar

Schon der starke Beginn steckt das Vorhaben ab, unterschiedliche Musikstile und Epochen einzubinden: Im Kreis formen die Performerinnen – mehr Frauen als Männer – einen Chor und singen betend das Vater Unser, wechseln dann fließend in den Gesangsstil traditioneller Volksweisen und münden schließlich – die vermeintliche Hochkultur repräsentierend – in elaboriertem Operngesang. Wenn diese Performerinnen dann in den Orchestergraben steigen und als singendes Orchester unter der Leitung des Dirigenten und Opera-Aperta-Mitbegründers Roman Grygoriv ein wogendes „Kyrie eleison“ intonieren, dann offenbart sich erstmals an diesem Abend die künstlerische Vielseitigkeit, mit der Opera Aperta auf die Welt blickt. Wer in diesem Kollektiv arbeitet, der muss alles sein: Sänger, Instrumentalist, Tänzer, Schauspieler, Schausteller.

Der Blick und das Auge bilden ein zentrales Thema in den Videos von Ivanna-Kateryna Yakovyna – sei es weinend und schminkend in Großaufnahme, sei es als Prothese für einen Kriegsversehrten, den das Programmheft als Andrii Onopriienko benennt, heute Darsteller am Veteranentheater in Kyijiw. Er ist wohl einer jener „Untermenschen“, von denen Razumeiko vor der Vorstellung gesprochen hat, und die das eigentliche Haupthema des Abends bilden. Während die Sopranistin Yuliia Alieksieieva klangschön „Ave Maria“ intoniert, legen die Performerinnen ihre Kleidung ab, splitternackt werden sie den Großteil des Abends auf der Bühne agieren. Ihre Nacktheit wirkt nicht profan oder billig, wie sonst so oft in der Performance-Kunst, sondern als poetisches Stilmittel beziehungsweise als ein „sprachlicher Ausdruck“, wie ein Zuschauer in das ihm gereichte Mikrofon meint.

Man könnte diese Nacktheit mit jener Schutzlosigkeit gleichsetzen, die „Untermenschen“ erst zu den Spielbällen der Herrschenden werden lässt. Besser kann man die Klaviatur des Lebens dieser Menschen nicht symbolisieren: Lethargisch besteigen die Performerinnen drei ramponierte Klaviere und stellen gleichsam wenig harmonische Lebensläufe nach – Zuckungen verursachen ebenso wenig Harmonik, wie die darauf folgende Erschöpfung und der kontinuierliche Wechsel in den sozialen Verbindungen. In diesem Moment überschreitet der Abend als eine Art bewegtes Tableau vivant die Schnittstelle zur bildenden Kunst. 

Den Nackten werden Kuhglocken um die Hälse gebunden – der „Untermensch“ als Nutztier, als Objekt der Ausbeutung – dann Schellen am ganzen Körper. Die „Vijanera“ ist ein Karnevalsbrauch in Nordspanien, bei dem böse Geister mit Schellen vertrieben werden. Bei Razumeiko werden diese Schellen zu Instrumenten des Aufbegehrens, immerhin hat der Mensch im Gegensatz zum Tier die Fähigkeit zur kollektiven Gegenwehr. Aus Kühen werden Aufständische, im gemeinsamen Rhythmus hüpfen die mit Schellen Behängten ins Publikum. Es sind wohl jene fünf Minuten, für die im Foyer zur freien Entnahme Ohropax bereitgelegen sind. Ein partielles Zuhalten der Gehörgänge funktioniert aber auch.

Ein utopisches Ende? Das bleibt offen © Valeriia Landar

Das alles ist freilich fordernd, aber nicht nur. Ähnlich, wie vielen Juden im zweiten Weltkrieg der Humor als Überlebensstrategie diente, wird das Unbeschreibliche auch hier mit heiteren Brüchen durchsetzt. Gemeinsam mit dem Publikum wird – in Latein – die Europahymne gesungen, und wenn der Bariton Oleksandr Chyshii in kitschiger Schlagermanier Bixios Italohit „Mamma“ singt, dann zeigt im Saal kein Mundwinkel nach unten. Der Bezug auf die Mütter dieser Welt – und insbesondere in Kriegsgebieten – bleibt freilich ein ernster. Der Werktitel „Modraniht“ ist dem Altenglischen entliehen, er bedeutet die „Nacht der Mütter“, womit die längste Nacht des Jahres am 21. Dezember gemeint ist, in der sich Menschen in Europa traditionell zu rituellen Tänzen zur Vertreibung des Bösen versammeln.

Waren in einem Video zuvor noch die rostigen Schiffe auf dem ausgetrockneten Grund des usbekischen bzw. kasachischen Aralsees zu sehen gewesen, die für Razumeiko eine von mehreren Kolonialverbrechen darstellt, für die Russland als Nachfolger der UdSSR nie Reparationszahlungen geleistet hat, so blickt man nach der Revolte auf friedlich wellendes Wasser. Neue Zeiten sind angebrochen, die Darsteller legen bunte Freizeitkleidung an und feiern das Leben unter tausenden regenbogenfarbenen Seifenblasen. Das hat etwas von der «Götterdämmerung», obwohl ausgerechnet Richard Wagners Werk im Gegensatz zu jenen von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Richard Strauss im Laufe des Abends nicht verfremdet anklingt. Doch wirklich Grund zur Hoffnung gibt die Musik nicht. Am Schluss liegt eine junge Frau regungslos am Boden. Schläft sie? Ist sie tot?

Spätestens an dieser Stelle ist klar: «Modraniht. Songs of Winter War» ist vieles in einem. Vor etwa zwei Wochen erhielt Razumeiko eine E-Mail der Wiener Magistratsabteilung 36, die für die feuerpolizeiliche Kontrolle bei Veranstaltungen zuständig ist. In welcher Form, wie viel und wie intensiv werde in dem Stück der Krieg gezeigt, wurde Razumeiko darin gefragt. In seiner Rede vor der Vorstellung antwortete er öffentlich: „Diese Oper besteht aus 40 Prozent Musik, 30 Prozent Tanz, 35 Prozent Licht, 20 Prozent Medienkunst, 10 Prozent Text und fünf Minuten direkte Kriegsdarstellung“. Für ihren hundertprozentigen Einsatz nimmt das Künstlerkollektiv keinen Applaus entgegen. Stattdessen werden die Bühnenarbeiter bejubelt, die nach dem erklärten Ende mit dem Abbau der Scheinwerfer beginnen. Einfach stark.

 

«Modraniht. Songs of Winter War» – Illia Razumeiko / Opera Aperta
Wiener Festwochen · Theater Akzent

Kritik der Premiere am 1. Juni
Termine: 2./3. Juni