Musik-Theater an der Wien
Treu bis zur Budgetstreichung
Die letzte Opernproduktion in der Kammeroper, die „vorerst“ und überhastet wegen der finanziellen Schieflage der Stadt Wien geschlossen werden muss, ist ein würdiger Abschied
Stephan Burianek • 05. Juni 2026
Wüsste man es nicht besser, dann müsste man die Wahl der beiden Einakter, mit denen die Wiener Kammeroper für unbestimmte Zeit ihre Pforten schließen wird, für ein treffend platziertes Statement, für einen dramaturgischen Coup halten. So absurd und surreal, wie einem als Kulturliebhaber die hastige Schließung von mehreren Wiener Kulturstätten in diesem Jahr erscheinen muss, so absurd ist die Handlung von Mieczyslaw Weinbergs «Lady Magnesia», so surreal jene von Bohuslav Martinůs «Zweimal Alexander».
Erst im Dezember des letzten Jahres wurde bekannt, dass ab dem 1. Januar Schuberts Sterbewohnung bzw. ab März mehrere weitere Komponistenwohnungen schließen würden. Ebenso überraschend kam für das von Stefan Herheim künstlerisch geleitete Musik-Theater an der Wien eine heftige Budgetkürzung, die eine Streichung mehrerer für die kommende Saison bereits geplanter Produktionen erforderlich machte, darunter sämtliche Produktionen in der Kammeroper. Dass diese Einsparungen und Schließungen nur von temporärer Dauer seinen sollen, wie von offizieller und politischer Seite zu beschwichtigen versucht wird, darf gleichermaßen gehofft wie bezweifelt werden.
Mit welchem kulturellen Verlust die Situation verbunden ist, wird einem in dem einstigen Hotel-Ballsaal bei der vorerst letzten Opernproduktion klar. Es gibt wenige Orte, an denen Raritätenjäger in den vergangenen Jahren glücklicher waren, selbst Kritikerkollegen aus Deutschland kamen nun für die beiden Einakter angereist. Auch irgendwie passend: In beiden Werken, beides Komödien, geht es um das Thema Treue.
In «Lady Magnesia» verdächtigt Sir George seine titelgebende Ehefrau der Untreue, scheitert aber beim Versuch, sie im Schlaf zu erdolchen, da sie just im entscheidenden Moment einen Niesanfall bekommt. Als Intendant erscheint es heute ratsam, für Werke mit Femizidbezug, und das sind nicht wenige, eine weibliche Regisseurin zu engagieren. Anna Bernreitner hat mit ihrem Team tatsächlich einen wunderbaren Lösungsweg erarbeitet. Ein Coup ist die in Pastellfarben getauchte Ausstattung auf der Minibühne der Kammeroper, insbesondere die kurios faltig geschnittenen Kostüme des Ausstattungsteams Manfred Rainer und Hannah Öllinger. Eine psychologische Durchdringung der Figuren erscheint angesichts der absurden Dialoge unmöglich, und doch steckt in ihnen mitunter mehr schonungslose Wahrhaftigkeit als in realistischen Handlungen, schließlich ist auch die Realität mitunter absurd. Zum Beispiel das toxische Paar, dass selbst nach einem Mordversuch wieder zueinander findet – und, wie Bernreitner andeutet, einander weiterhin nach dem Leben trachten wird.
Die Sängerinnen und Sänger machen das wunderbar: Jakob Phillips ist der Kammerdiener Adolphus, der tatsächlich eine Affäre mit Lady Magnesia hat und dafür von Sir George vergiftet wird – der sich dann sogleich aber um ein Gegenmittel bemüht, nachdem ihm seine Frau ankündigt, ihm ab sofort ihre gesamte Aufmerksamkeit zu schenken. Wirklich komisch auch, wie das von Josefine Göhmann und Peter Kirk überzeugend inbrünstig interpretierte Ehepaar dem armen Adolphus mit dem vermeintlichen Gegenmittel Gips zu Hilfe eilt, bis dieser, von innen ausgehärtet, als erster „Frackmärtyrer der Welt“, wie es im absurden Libretto-Text heißt, zur Statue wird (und dann trotzdem noch eine Arie singt). Eine vielversprechende Master-Studentin von Angelika Kirchschlager an der MdW-Musikuni, Wilma Kvamme, ist als Kammerzofe Phyllis über Adolphus' Tod nicht unglücklich, wahrscheinlich war Phyllis ebenfalls erzürnt über sein Pantscherl mit der Herrin. Ihre Freude währt nur kurz, denn sie wird vom Hausherr ins tödliche Gewitter geschickt.
Im Graben werkt das Wiener Kammerorchester unter Irene Delgado-Jiménez ganz formidabel, verschafft Weinbergs erst 2009 uraufgeführter Oper mit den in der Partitur vorgesehenen Zuspielungen eines Chors und eines Gewitters vom „Band“ den geforderten kleinteiligen musiktheatralischen Charakter. Nach der Pause blüht das Orchester dann auch symphonisch auf, denn Martinůs «Zweimal Alexander» (im Original: „Alexandre bis“ bzw. „Dvakrát Alexandr“) erscheint als das musikalisch reichhaltigere, weil eklektische Werk, das nach einem mozarteskem Auftakt unmerklich über das 19. Jahrhundert leichtfüßig in die Moderne kippt und trotz des überschaubaren Klangkörpers immer wieder eine spätromantische Intensität erzeugt.
Gesungen wird auch im zweiten Teil des Abends auf Deutsch, in einer Übersetzung von Kurt Honolka. Die Ausstattung reflektiert die surreale, in die Tiefe der menschlichen Psyche dringende Handlung mit Stehlampen, deren Säulen mit Frauenbrüsten dekoriert sind, und mit einem mit Augen übersäten Bilderrahmen des lebenden, hier gedoppelten Hausherrn-Portraits (Timothy Edlin und Johann Ebert). Die Akteure tragen Brillen mit Riesenaugen, ganz so, als wollten sie sich einerseits gegen Blicke in ihr Innerstes schützen und andererseits selbst hinter die menschlichen Fassaden blicken wollen. Hier dichtet Bernreitner dem misstrauischen Ehemann Alexander (Jacob Phillips) kurzzeitig ebenfalls Femizid-Gelüste an, er handelt aber raffinierter und stellt – «Così fan tute» lässt grüßen – seine Ehefrau Armande (Josefine Göhmann) stattdessen auf die Probe: Er verlässt das Haus um seinen vermeintlichen Cousin vom Bahnhof abzuholen, kehrt dann aber – den Bart abrasiert – selbst als sein Cousin zurück. Erst durch dieses Spiel gesteht sich die bis dato treue Armande ihre Gelüste ein und lässt sich sogar auf Ihren Verehrer Oskar (Peter Kirk) ein. Die Kammerzofe Philomène (Wilma Kvamme) reagiert als vermeintliche moralische Instanzen entsetzt, das Portrait – halb Teufel, halb Moralist – ist sich bei Bernreitner im Urteil nicht einig.
Das Spiel zwischen Schein und Wirklichkeit gewinnt letztere, auch im realen Leben. Wer an diesem würdigen Abschied teilnehmen möchte, hat noch bis zum 19. Juni in sechs Vorstellungen die dringliche Möglichkeit.
«Lady Magnesia» (Леди Магнезия, Ledi Magnesia) – Mieczyslaw Weinberg
«Zweimal Alexander» (Alexandre bis / Dvakrát Alexandr) – Bohuslav Martinů
Musik-Theater an der Wien · Kammeroper
Kritik der Premiere am 2. Juni
Termine: 7./9./11./14./16./19. Juni
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