Staatstheater Nürnberg

Figaro – völlig von der Tolle

Christian Brey inszeniert eine eigene Fassung von Rossinis «Barbiere di Siviglia». Sein jugendliches Publikum entführt er dabei direkt von der Schulbank in die „Wilden Fünfziger“. Ein turbulenter Spaß mit durchaus ernsten und zeitgemäßen Untertönen

Stephan Schwarz-Peters • 09. Juni 2026

Trubel im 1950er-Jahre-Frisörsalon: Uwe Schenker-Primus (Bert O. Müller), Seokjun Kim (Basi), Clarissa Maria Undritz (Berta), Sara Šetar (Rosi), Demian Matushevskyi (Figaro), Sergei Nikolaev (Almaviva) © Pedro Malinowski

Ob Kinder von heute wohl irgendeine Ahnung haben, wie es in den 1950er-Jahren so aussah und zuging? Im Nürnberger Staatstheater können sie derzeit einiges dazulernen, denn in Christian Breys und Wiebke Hetmaneks charmanter Kurz- und Kleinfassung führt Rossinis Turbokomödie «Der Barbier von Sevilla» mitten hinein in jene Glanzzeit des Friseurgewerbes. So gehört denn auch die Schmalztolle – neben dem Petticoat, der Lederjacke und dem Motorroller – zu den auffälligsten Bühnenelementen, die uns mitten hinein führt in die Peter-Alexander-Jahre des Wirtschaftswunders und der Schlagerrevue – die allerdings auch Jahre des Ressentiments waren, in denen junge Mädchen noch wussten, wann sie ins Bett zu gehen hatten und schon die Worte „Halbstarker“ und „Gastarbeiter“ dazu neigten, einen Generalverdacht auszulösen. Halbstarker und Gastarbeiter in einer Person (aber kein Graf) ist auch Almaviva, der sich ausgerechnet in die Friseur-Tochter Rosi verliebt. Deren Vater Bert O. Müller lockt zwar mit Knüller-Preisen, doch seine Tochter gibt er nicht so billig her und sieht sie lieber im Internat als in den Händen eines zugereisten Gigolos. 

Gut, dass es Figaro gibt, laut Programmzettel „Azubi“, historisch korrekt „Lehrling“ in Müllers Salon, der hier auf ähnliche Verkleidungs- und Entführungsaktionen zurückgreift wie der Sevillano im Original; nur, dass er Almaviva, den Manuel Günther mit dem Charme jugendlicher Verliebtheit und – wichtig für eine Aufführung vor Schülern, die im Zweifelsfall noch nie mit der Kunstform zu tun hatten – guter Textverständlichkeit singt, nicht als betrunkenen Soldaten und Musiklehrer, sondern einmal als Pizzaboten und einmal als Handwerker ins Rennen schickt. Die xenophobe Variante des Fifties-Sounds wiederum verbreitet der andere Handwerker im Spiel: die aus dem verheuchelten Originalcharakter des Don Basilio gewonnene Figur des Basi, dessen große „Gerüchte“-Arie Seokjun Kim bei der Trockenhauben-Wartung in ausländerfeindlicher Umdichtung und mit teuflischer Anstachelungslust zum Besten gibt. Heutzutage würde er vermutlich beim Abschied eine AfD-Wahlkampfbroschüre dalassen. Damals hätte er sich vermutlich nur ein paar markiger Sprüche aus noch nicht allzu ferngerückten Tagen bedient.

Lehrling in Müllers Salon: Demian Matushevskyi als Figaro (Mitte, stehend) © Pedro Malinowski

Die Macher dieses vergnüglichen «Falls für Figaro» haben selbstverständlich die musikalischen Highlights der Oper beibehalten und, bei allen Kürzungen, insbesondere auch die Finali miteinbezogen. Gemeinsam mit dem Jugendopernchor kann das aus verdienstvollen Staatstheater-Mitarbeitern zusammengesetzte Ensemble so auch dem staunenden Publikum einen Eindruck vermitteln, wie turbulent und durcheinander es in einer Oper bisweilen zugehen kann. Vor allem die „Plapperszenen“ scheinen den Schülerinnen und Schülern einen mächtigen Eindruck zu machen. Doch schon das Bühnenbild und die Kostüme – beides von Elise Limberg – sind eine Wucht, die durch passgenau eingesetzte Soundeffekte noch gesteigert wird.

Als Topping über all dem schwebt am Ende gar ein Helikopter ins Bild, dem als Dea ex machina die wie immer stimmgewaltige Almerija Delic als Rosis Mutter entsteigt. Als von Land und Leuten begeisterte, frisch nach Haus gekommene Italienurlauberin repariert sie den Liebesschaden, den ihr Friseur-Gatte Bert – Uwe Schenker-Primus mit stimmlicher Autorität und darstellerischer Komik – um ein Haar angerichtet hätte. Auch der Nachwuchsfriseur Figaro alias Demian Matushevskyi kann sich unter der Tolle in seiner Rolle hören lassen, auch wenn man sich in der „Faktotum“-Arie (mit der ja in gewisser Weise, und nicht nur im Original, das Stück steht und fällt) etwas mehr Textverständlichkeit gewünscht hätte. Das gilt insgesamt auch für Sara Šetar, die als Rosi ansonsten kaum den Eindruck macht, als ließe sie sich die Butter vom Brot nehmen.

Berta mit ihrer Freundin Rosi: Clarissa Maria Undritz und Sara Šetar © Pedro Malinowski

Schön auch, dass weder die Rolle noch die Arie der Berta der Bearbeitungsschere zum Opfer gefallen ist. Opernstudio-Mitglied Clarissa Maria Undritz nutzt beides, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. In moderat reduzierter Orchesterbesetzung lässt die Staatsphilharmonie schon bei der spritzigen Ouvertüre nichts an originaler Klangfülle vermissen. Unter Christopher Schumann spielt der Klangkörper aufmerksam und präzise. Wer so beschwingt in den Tag kommt, dem werden sicher keine fettigen – pardon: grauen – Haare wachsen.


«Fall für Figaro» – Gioachino Rossini
Staatstheater Nürnberg · Opernhaus

Nach «Der Barbier von Sevilla», Text von Christian Brey und Wiebke Hetmanek, musikalische Fassung und Arrangement von Kai Tietje

Kritik der Vorstellung am 8. Juni
Termine: 9./21./22. Juni

 

Zum Thema

OPE[R]NTHEK / STAATSTHEATER NÜRNBERG 
Figaro, Figaro, Figaro!
- von: Wiebke Hetmanek, in: Ein Fall für Figaro, Musikalische Komödie nach Gioacchino Rossini, Staatstheater Nürnberg, Saison 2025/26 [Programmheft]