Petr Popelka

Kein Berufsgrabenverwalter

Warum der tschechische Dirigent als neuer GMD der Bayerischen Staatsoper eine gute Wahl zu werden verspricht

Willi Patzelt • 12. Juni 2026


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Eine Überraschung, die keine mehr war: Petr Popelka wird Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper © Geoffroy Schied

Mittwochnachmittag, Nationaltheater, Pressekonferenz. Als Nachfolger von Vladimir Jurowski wird Petr Popelka als neuer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper vorgestellt. Groß überrascht war an dem Punkt eigentlich niemand mehr – der Münchner Merkur hatte den Namen schon vorher geleakt, Deutschlandfunk Kultur ebenfalls. Der bayerische Kunstminister Markus Blume (CSU) sprach trotzdem noch vom „Transfermarkt“ und durchaus gutsherrenartig über die Gerüchteküche der letzten Tage. Erst jetzt würden wirklich Fakten geschaffen. Das passte irgendwie. Bei solchen Personalien geht es nie nur um Musik. Es geht um Erwartungen und Eitelkeiten. Nun also Popelka. Kein Name aus der ersten Reihe der großen Opernhausphantasien. Aber gerade das macht die Wahl interessant.

Den naheliegenden Einwand muss man nicht verstecken: An der Bayerischen Staatsoper hat Popelka bislang fast keine Oper dirigiert – in der vergangenen Spielzeit eine Repertoirevorstellung von Janáčeks «Káťa Kabanová», das war’s. Und auch sonst ist sein Opernrepertoire überschaubar. Er hat sich nicht den klassischen Weg gebahnt, also jahrelang durch Häuser mittlerer Größe, durch Mozart und Verdi und Puccini und Wagner und Strauss. Bei Wagner hat er als Operndirigent einmal mit «Tristan und Isolde» Berührung gehabt, Strauss im Musiktheater steht am Pult als eigenes Erfahrungskapitel noch aus. Das ist kein kleines Detail. Das ist das eigentliche Risiko dieser Entscheidung.

Nur ist Risiko eben nicht dasselbe wie Irrtum. Man kann aus diesen Fakten den einfachen Schluss ziehen: München überfordert einen Mann ohne große Opernhausbiografie. Oder man guckt genauer hin. Die Bayerische Staatsoper hat offenbar keinen Berufsgrabenverwalter gesucht, der den laufenden Betrieb möglichst reibungslos weiterführt. Sondern einen Musiker, der den Graben von innen kennt – und zwar wirklich. Popelka war neun Jahre lang stellvertretender Solo-Kontrabassist der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Wer dort sitzt, erlebt Oper nicht nur als repräsentative Geste, der erlebt sie als Arbeit: Abend für Abend, unter Sängern, unter Dirigenten, in einem Haus, in dem Wagner und Strauss schlicht Alltag sind.

Das ersetzt natürlich keine Opernchef-Erfahrung. Aber es gibt seiner Biographie eine eigene Schwerkraft. Er kennt Musiker nicht als Gegenüber, sondern als Kollegen. Er weiß, was ein Orchester im Dienst müde macht und was es wach hält. Was Probenarbeit tatsächlich leisten kann, wenn sie nicht nur Abläufe sortiert. Ein Kontrabassist sitzt dort, wo man stützen muss. Vielleicht hört man von da hinten manches nüchterner. Vielleicht auch genauer.

Und auch die Bayerische Landeshauptstadt ist ihm nicht fremd. Er kennt München aus seiner Zeit als Akademist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und seine bisherigen Stationen zeigen, dass er Institutionen nicht nur im Gastdirigentenmodus kennenlernt: Norwegisches Rundfunkorchester Oslo 2020 bis 2023, Prager Rundfunkorchester 2022 bis 2026, seit 2024 die Wiener Symphoniker. Dort ist er ausgesprochen beliebt, heißt es. In München scheint es ähnlich zu sein. Und das ist vielleicht das wichtigste Argument dieser ganzen Personalie: Das Bayerische Staatsorchester hat ihn wirklich gewollt.

Ganz unbekannt ist sein Dirigieren auch dem Münchner Publikum nicht. Erst im letzten November war Popelka mit den Wiener Symphonikern in der Isarphilharmonie mit Beethovens Siebter zu erleben. Popelka setzte auf einen großen, weit gespannten Klang: tiefe, elastische Bässe und Celli, darüber hell leuchtende Streicher, das Blech markant, ohne nur laut zu werden – ein Klangbild, das der Münchner auch im Nationaltheater schätzt.

Vertragsunterzeichnungserinnerung: Staatsintendant Serge Dorny, Petr Popelka und der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Markus Blume © Geoffroy Schied

Dort hat sich musikalisch ohnehin in den letzten Jahren ein gewisser, zugegeben nicht immer nur uneleganter musikalischer Leerlauf etabliert. Vladimir Jurowski ist ein kluger, hochgebildeter, ernsthafter Musiker. Und manches unter ihm hatte wirkliches Gewicht: Schostakowitsch, Prokofjew, Weinberg, die großen russischen und osteuropäischen Schattenwelten. Aber eine wirklich geliebte, zwingende, das Haus im Innersten prägende GMD-Ära ist daraus nicht geworden. Zu oft wirkte die Verbindung zwischen Pult, Graben und Haus eher respektabel als brennend.

Das heißt nicht, dass Jurowski jetzt nur noch ausläuft. Beispielsweise mit Schönbergs «Moses und Aron» und Wagners «Meistersingern» stehen noch Aufgaben an, an denen sich sein Münchner Profil ein letztes Mal schärfen könnte. Aber das Gefühl bleibt: Nach Petrenkos elektrischer Zeit hier kam kein gleich starkes inneres Bündnis zwischen Stadt, Haus, Orchester und GMD mehr zustande. Gegen diese Kühle könnte Popelka helfen. Nicht weil er mit Revolution droht. Sondern weil er offenbar nicht in erster Linie aus der Pose des Maestros heraus denkt. Was auffällt: Er spricht immer vom Orchester her. Vom gemeinsamen Hören, vom gemeinsamen Atmen, vom gegenseitigen Verstehen. In einem Interview hat er sogar vorgeschlagen, Dirigenten sollten manchmal im Orchester spielen und Musiker gelegentlich dirigieren. Ob dieses Dirigentenbild nicht möglicherweise überzeugender klingt, als es tatsächlich wirken kann, bleibt dennoch eine offene Frage.

Auch aus diesem Grund wurde die neue Personalie nicht nur positiv aufgenommen. In der Tageszeitung Die Welt ist von der Absage der Bayerischen Staatsoper an Exzellenz zu lesen. Manuel Brug geht dort sogar so weit, der Münchner Lokalpresse vorzuwerfen, sie lüge sich Popelka schön, weil sie sich ihrer eigenen Exzellenz vergewissern müsse. Die Zeit großer Namen am Haus sei nun vorbei. Wobei man fragen könnte, ob das nach diesen Maßstäben nicht schon für die Jurowski-Zeit gelten würde. Allgemein führt der Vergleich mit großen Namen der Vergangenheit schnell in die Irre, als wären diese fertig vom Himmel gekommen. Kirill Petrenko war bei seinem Münchner Amtsantritt gewiss kein Unbekannter. Jener Weltstar, der er heute ist, wurde er aber wesentlich auch hier. Große Opernhäuser sind nicht nur Orte, an denen Ruhm verwaltet wird. Im besten Fall sind sie Orte, an denen er entsteht.

Popelkas Repertoireprofil ist außerdem spannender, als seine kurze Opernliste vermuten lässt. Seine Stärken liegen wohl nicht im Leichten, Schäumenden, Parfümierten. Interessanter sind die Partituren, in denen das Orchester selbst zur dramatischen Macht wird: Janáček, Dvořák, Smetana, Schostakowitsch, Wagner, Strauss, vielleicht Bernd Alois Zimmermann und andere Musik des 20. Jahrhunderts. Bei den Opernfestspielen wird er nun Dvořáks «Rusalka» dirigieren. Nach Amtsantritt soll dann eine Strauss-Oper folgen, dazu Repertoirepflege, etwa «Tosca». Gerade diese Mischung wird wichtig sein – nicht nur Profilstücke, sondern Alltag. Auch das wird man beobachten müssen: München braucht keinen Teilzeit-Mythos, sondern echte Präsenz.

Dazu kommt die anstehende Generalsanierung des Nationaltheaters. Irgendwann wird die Staatsoper für gar nicht wenige Jahre aus ihrer gewohnten Form herausmüssen. Andere Orte, andere Abläufe, vielleicht anderes Publikum. Das ist keine technische Nebensache. Kunstminister Blume verwies auf das Gärtnerplatztheater, das seine Ausweichzeit am Ende offenbar sogar genutzt hat. Für die Staatsoper wird die Aufgabe größer. Gerade dann braucht es jemanden, der einen Klang zusammenhält, auch wenn die Räume sich ändern.

Ob daraus wirklich eine große Münchner Zeit wird, weiß heute niemand. Popelka muss beweisen, dass seine Energie auf der langen Strecke eines Opernhauses trägt. Er will sich München jedenfalls als Hauptaufgabe widmen – in Wien wird er 2029 als Chefdirigent der Symphoniker aufhören, freilich in einer noch zu findenden und zu benennenden Funktion weiter regelmäßig dirigieren. Nach München kommt er jedenfalls nicht als Star. Vielleicht wird man später einmal sagen: Gerade das war ein Glück.