Bayreuther Festspiele
Bayreuths Bekenntnisdrama
Wie schlampige Organisation, Michel Friedman und ein empörungsbereites Feuilleton aus einer Bayreuther Verwaltungsposse ein nationales Bekenntnisdrama machten. Ein Kommentar
Willi Patzelt • 22. Juni 2026
Skandale gehören zu Bayreuth wie Bratwurst, Bier und die schwüle Festspielhausluft. Jener im diesjährigen Jubiläumsjahr ist besonders deutsch geraten: Antisemitismus, Erinnerungspolitik, öffentliche Entschuldigungsforderungen, Haltung zeigende Kommentatoren, moralischer Hochdruck – und darunter vermutlich vor allem ein Organisationsversagen von beträchtlicher Lächerlichkeit, die wiederum jener des ganzen Popanzes in nichts nachsteht.
Wenn man diese Affäre von ihren großen Phrasen befreit, dann sieht sie weniger aus wie ein kulturpolitischer Abgrund, sondern eher wie ein liegengelassener Vorgang, der plötzlich in Brand geriet. Zum 150. Jubiläum war eine Gedenkveranstaltung geplant: „Verstummte Stimmen“, ermordete jüdische Musiker, Wagner und Antisemitismus, Bayreuth und Nationalsozialismus, Michel Friedman als Redner. Auf dem Grünen Hügel, wo man seit Jahrzehnten lernt, über Aufarbeitung zu sprechen, war das keine abwegige Idee. Man hätte sie dann nur durchführen müssen.
Gesamtkürzung am Gesamtkunstwerk
Genau daran scheint man allerdings gescheitert zu sein. Ein Vorverkauf fand nie statt, die Reservierung des Friedrichsforums als Veranstaltungsort soll nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung schon im März wieder aufgehoben worden sein. Christian Thielemann, der angeblich hätte dirigieren sollen, erklärte später, nie definitiv zugesagt zu haben; ihm sei das nach Beethovens Neunter und vor dem «Ring» nachvollziehbar zu stressig gewesen. Gegenüber Friedman wiederum wurden seitens der Festspielleitung als Begründung für die Absage Sicherheitsbedenken ausgeflaggt.
Ursprünglich war für 2026 ein richtig großes Bayreuth-Panorama geplant: alle zehn in Bayreuth kanonisierten Wagner-Musikdramen, dazu «Rienzi». Ein Jubiläum, das wenigstens programmatisch nach Jubiläum ausgesehen hätte. Daraus wurde deutlich weniger. Auch die Stadt Bayreuth bekam ihre Festmeile nicht gestemmt. Das Geld fehlte, die Planung platzte, die schöne Idee zerbröselte. Bayreuth wollte Gesamtkunstwerk und lieferte Gesamtkürzung. Und auch die Absage wegen Sicherheitsbedenken klingt vor diesem Hintergrund weniger nach Staatsräson, sondern riecht nach Aktenordnern, die zu lange niemand geöffnet hatte.
„Verstummte Stimmen“ steht insofern nicht allein. Diese Veranstaltung wirkt wie ein weiteres Teilchen einer größeren Bayreuther Zerfallsordnung: groß ankündigen, halb verfolgen, spät erklären, dann überrascht sein, wenn es jemand merkt. Das ist peinlich und womöglich ein Fall für Aufsichtsgremien. Das ist wirklich alles, nur kein Beweis für Geschichtsvergessenheit.
Friedmans nationales Bekenntnisdrama
Doch dann kam Friedman. Und zwar genau so, wie man ihn seit Jahren kennt: als Mann, der aus jeder öffentlichen Kränkung in kürzester Zeit eine Grundsatzfrage bauen kann. Sein Terrain ist die moralische Hochspannung. Aus einem Vorgang wird bei ihm ein Symptom, aus einer Absage ein Demokratiebefund, aus persönlicher Betroffenheit eine Zumutung an die Republik. Dass Friedman sich mit Wagner beschäftigt und der Rezeptions-Diskussion Weiterführendes hinzuzufügen hätte, versteckte der Rechtsanwalt aus Frankfurt bislang. Dort war er, so liest man, unter Prostituierten weiland als Paolo Pinkel mit weißen Beutelchen bekannt.
Friedman wäre aber nicht Friedman, wenn er bei der gekränkten „Absage“ stehenbliebe. Die Veranstaltung war offenbar längst versandet: vielleicht aus Geldnot, vielleicht wegen Thielemann, vielleicht einfach, weil in Bayreuth derzeit zu viele große Ideen durch zu enge Verwaltungsflure geschoben werden. Für sich genommen wäre das eine peinliche Provinzposse gewesen, unangenehm genug, aber nicht weltgeschichtlich. Erst Friedman gab ihr die Fallhöhe, die sie brauchte: Aus dem liegengebliebenen Vorgang wurde ein deutsches Bekenntnisdrama. Und dafür fand sich, erwartbar, sofort die passende Bühne.
Die Süddeutsche gab ihm dafür die Bühne. Auffällig ist, wer dort auftrat, beziehungsweise, wer nicht auftrat. Weder die Klassik-Redakteure Brembeck oder Tholl noch irgendwer sonst aus dem erlesenen Kritiker-Kreis schrieb bislang auch nur eine einzige Zeile dazu. Vielmehr führten Ressort-Chef Alexander Gorkow und dessen Vize Moritz Baumstieger das große Friedman-Interview; Nils Minkmar lieferte tags darauf unter dem Titel „Deutsche Frechheit“ den historischen Großaufzug mit Hitler, Winifred und deutscher Seele. Das kann man machen. Man darf aber festhalten: Hier interessierte Bayreuth kaum noch als Festspielort. Bayreuth wurde zur moralpolitischen Projektionsfläche. Die Kunst blieb irgendwo im Bühnenboden hängen. Es ging um das große deutsche Symboltheater: Wagner, Hitler, Schuld, Friedman, Empörung – fertig ist die Titelseite.
Selbsteinladung über Bande
Friedman lieferte die passenden Sätze. Die Absage aus Sicherheitsgründen sei „der Tod durch Selbstmord“ der Demokratie. Höher kann man schiefe Bilder kaum hängen. Danach lief die Maschine: Empörung, Kommentare mit viel Haltung, ein Kunstminister mit öffentlicher Erwartung an Katharina Wagner, sich zu entschuldigen. Aus einer schlecht vorbereiteten Veranstaltung wurde eine moralische Machtprobe. Am Ende stand nicht mehr die Frage, warum Bayreuth sein eigenes Jubiläum nicht organisiert bekommt. Am Ende stand die Frage, ob Friedman Genugtuung erfährt.
Und jene Genugtuung hat er erfahren. Über Bande von Zeitung, Politik und öffentlicher Moral lud sich der ursprünglich Ausgeladene nun selbst wieder ein. Schließlich gewinnt in Deutschland niemand schneller Autorität als der öffentlich Gekränkte mit dem richtigen Resonanzraum. Katharina Wagner vollzog die erwartete Demutsgeste: „Wirklich sehr leid“ tue ihr der Vorgang. Zugleich betonte sie: „Eine reine Jubelfeier wäre für mich unerträglich!“
Diese wäre es auch so schon nicht geworden. Dafür hatte Bayreuth längst selbst gesorgt: mit gestrichenen Programmpunkten, gekappter Festmeile, nie angelaufenem Vorverkauf, aufgehobenen Reservierungen und einem Dirigenten, der offenbar mehr von seiner Nicht-Zusage wusste als die Festspiele von ihrer Planung. Wer so ins Jubiläum geht, braucht keine Feinde mehr.
Ein verheerendes Signal – und zwar von allen
Gerade deshalb bleibt die Sicherheitsbegründung fatal. Nicht, weil es keine Sicherheitsprobleme gäbe. Im Gegenteil. Jüdisches Leben ist in Deutschland längst wieder bedroht. Synagogen brauchen Polizeischutz, jüdische Schulen Sicherheitskonzepte, israelische Restaurants Wachdienste. Wer heute mit Kippa durch Berlin läuft, setzt nicht bloß ein religiöses Zeichen, sondern kalkuliert ein Risiko ein. Das ist keine feuilletonistische Übertreibung, sondern Alltag.
Umso verheerender wirkt es, wenn ausgerechnet eine Veranstaltung über Antisemitismus mit dem Hinweis auf Sicherheitsbedenken verschwindet. Dann sieht es aus, als kapituliere eine Kulturinstitution vor jener Bedrohung, die sie eigentlich sichtbar machen wollte. Wer Antisemitismus öffentlich thematisieren will, darf nicht schon an seiner Absicherung scheitern. Sonst bleibt von der Erinnerung nur die Pressemitteilung übrig.
Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jede Kritik an Friedman, an der Süddeutschen oder an der Empörungsmechanik antisemitische Gefahren nicht ernstnähme. Im Gegenteil. Wer den Kampf gegen Antisemitismus ernst nimmt, sollte ihn nicht als Mehrzweckverstärker für eine misslungene Kulturposse verbrauchen. Man schützt jüdisches Leben nicht dadurch, dass man jedes Organisationsversagen sofort zur nationalen Bußliturgie hochzieht. Man schützt es durch Klarheit, Sicherheit, Ernsthaftigkeit – und durch Institutionen, die ihre eigenen Vorhaben im Griff haben.
Genau daran fehlt es hier. Bayreuth wirkt nicht böse, sondern führungsschwach. Nicht gefährlich, sondern fahrig. Nicht geschichtsvergessen, sondern organisatorisch unterbelichtet. Das klingt weniger spektakulär als der große deutsche Moralchor, macht sich schlechter auf Titelseiten und gibt keine so schöne Posse ab. Aber es dürfte näher an der Wahrheit liegen.
Nicht geschichtsvergessen, lediglich peinlich schlampig
Viel bequemer ist die große Erregung. Da weiß jeder sofort, wo er zu stehen hat. Da kann die Politik Sätze sagen, die nichts kosten. Da kann das Feuilleton die ganz große Orgel bedienen. Da kann Friedman als Solist auftreten, der sich die große Arie nicht nehmen lässt. Und Bayreuth darf am Ende sogar noch so tun, als habe man durch eine Entschuldigung eine moralische Krise bewältigt, die man durch bessere Planung gar nicht erst hätte auslösen müssen.
So entsteht die schlechteste Bayreuther Inszenierung dieses Sommers schon vor der Premiere. Mit Politik als Soufflage, Feuilleton als Chor und Friedman im Zentrum eines Dramas, das ohne ihn vielleicht nur eine peinliche Verwaltungsnotiz geblieben wäre. Diese Affäre beweist nicht, was viele in ihr sehen wollten: nicht die besondere Bosheit Bayreuths, nicht den großen deutschen Sündenfall, nicht die dramatische Wiederkehr verdrängter Geschichte. Sie beweist etwas Kleineres, Peinlicheres und darum womöglich Treffenderes: wie leicht sich in diesem Land aus Schlampigkeit Staatstheater machen lässt. Und wie viele sofort bereitstehen, sobald irgendwo ein Scheinwerfer angeht.