Pride auf der Bühne

Der beste Frosch seit langem

Die Wiener Volksoper bringt die Johann-Strauss-Operette im „Pride-Month“ in einer „schwulen“ Version auf die Bühne. Und das ist glänzend gelungen

Edwin Baumgartner • 24. Juni 2026

Weil sie es dürfen: In «Die Fledermaus – Pride Edition» wird gefeiert, wie die Feste fallen © Barbara Pálffy

„Ja, dürfen's denn des?“ – Die Frage Kaiser Ferdinands in Angesicht der 1848er-Revolution passt ausgezeichnet zur „Pride-Edition“ der «Fledermaus» in der Wiener Volksoper. Die Ikone des Wienertums (die, nebenbei bemerkt, in Baden bei Wien spielt) umgeschrieben auf „schwul“ mit Tom Neuwirth als Frosch. Des geht do net. Skandal geschrien! Da wird ja der Leberkäs' in der Semmel kalt, wenn die Warmen die «Fledermaus» übernehmen. Reicht denn die Parade über die Ringstraße nicht? Die Welt verschwult.

Darf ich persönlich etwas anmerken? Ich kann „Regietheater“ nicht ausstehen. Noch weniger kann ich es ausstehen, wenn man Stücken etwas überstülpt, was nicht drin ist. Dennoch stehe ich hinter dieser «Fledermaus»! Und ich bin nicht „Zielpublikum“, außer insofern, dass ich, seit mir die «Fledermaus» zum ersten Mal um Aug‘ und Ohr geflattert ist, den Inhalt dieser Operettenikone, gelinde gesagt, verblödet finde und seither so gerne eine plausible Version erlebt hätte. Die liegt nun vor: Die Pride-Version ist um Klassen besser, sie ist schlüssiger, ohne dem Original Gewalt anzutun. Das allein zählt.

Was haben Jürgen Bauer und Moritz Franz Beichl für die Pride-Version geändert? Der maßstabsetzende österreichische Regisseur Walter Felsenstein erarbeitete ab der zweiten Hälfte der 1940er Jahre einen bis dahin neuen Zugang zur Opernregie: Er begründete scheinbar unlogische Handlungen, indem er sich für die Personen sozusagen verborgene Biografien ausdachte: Sie sollten psychologisch stützen, was bis dahin nur ein roter Faden für Arien und Ensembles war. Bauer und Beichl machen im Prinzip nichts Anderes, als die Vorgänge zu motivieren: Eisenstein hat Rosalinde mehr oder minder als Alibifrau geheiratet; Falke ist verliebt in Eisenstein, die beiden könnten sogar ein Paar gewesen sein, bis sich Eisenstein für Rosalinde entschieden und Falke gedemütigt hat – eine Aktion, um das Band gewaltsam zu zerreißen? Bitte selbst weiterdenken, was da geschehen sein könnte.

Thomas Oliemans (Dr. Falke), Timothy Fallon (Alfred), Ryta Tale (Ida), Tom Neuwirth (Frosch), Gabor Oberegger (Ivan) © Barbara Pálffy

Nichts davon krempelt die Handlung um. Doch es fügt ihr ungeahnte neue Aspekte hinzu, die im Kopf der Zuschauerin und des Zuschauers ungeahnte Assoziationen auslösen: So bleibt das Fest bei Orlofsky trotz aller Freizügigkeit geschmackvoll genug, dass Luziwuzi seine standesgemäße Freude haben könnte – und doch ist es auch ein Ball, auf dem Oberst Redl seinen letzten Tanz auf dem Vulkan absolvieren könnte.  

Gerade deshalb ist es unbedingt wichtig, diese Version szenisch nicht zu modernisieren: Sie erzählt von der bigotten Doppelmoral der Kaiserzeit. Wie aktuell das geblieben ist, erschließt sich in einer Szene: Eisenstein schildert der Orlofsky-Gesellschaft pseudo-witzig, wie er seinen damaligen Gefährten Falke gedemütigt hat – und keiner lacht. Orlofsky lässt Champagner kredenzen, „um diese Ungeheuerlichkeit hinunterzuspülen“. Die Operette verliert ihre Unschuld, sie wird zum Aufklärungstheater, der Hieb in die Magengrube des Publikums sitzt. Wer jetzt über die eigenen gesellschaftlichen Koordinaten nicht nachdenkt, wird es nie mehr machen.

Ganz konsequent setzt sich das in der Darstellung des Frosch durch Tom Neuwirth fort. Neuwirth ist der mit Abstand beste Frosch seit langem, denn er ist völlig unaufdringlich: Da gibt es weder das zumeist ohnedies kaum halblustige Solokabarett, noch ist dieser Frosch ein kompletter Trottel, und er ist auch nicht stockbesoffen. Dieser Frosch folgt lediglich einer Einstellung, die sehr wienerisch war, ehe die rechten Verhetzer laut geworden sind, und diese Einstellung ist ein breites „Wuascht.“ Nämlich eine Gleichgültigkeit gegenüber Religion, Nation und sexueller Orientierung, was zählt, ist der Mensch: Leben und leben lassen, jede und jeden nach ihrer oder seiner Façon. 

Diese Pride-Edition der «Fledermaus» ist nicht simpel „schwul“, sie feiert in Form eines perfekten, intelligenten und sensiblen Unterhaltungstheaters das Miteinander, das für Wien stehen sollte. Und der Kaiser Ferdinand war ein höchst intelligenter Herrscher – die Frage, ob sie das dürfen, kann durchaus ironisch gegenüber dem restriktiven Freiherren von Metternich gemeint gewesen sein. Diese fulminante «Fledermaus»-Version hätte ihm möglicherweise ausgezeichnet gefallen.