Georg Olms Verlag

Von Tongeschlechtern und Geschlechtertönen

Nach 50 Jahren Genderforschung in der Musikwissenschaft zieht Eva Rieger Bilanz. Die Doppeldeutigkeit des Buchtitels „Frau. Macht. Musik.“ ist Programm

Daniela Klotz • 26. Juni 2026

Eva Rieger, 1940 auf der Isle of Man geboren, wurde schon als Jugendliche über den «Tannhäuser» mit dem Wagner-Virus infiziert. Als Musikwissenschaftlerin machte sie den Komponisten mit all seinen widersprüchlichen Facetten zu ihrem Lebensthema. In zahlreichen Publikationen widmete sie sich zudem Persönlichkeiten wie Clara Schumann, Fanny Hensel oder Friedelind Wagner. Daneben engagierte sich Rieger für die Förderung und Vernetzung von Musikerinnen, Komponistinnen und Dirigentinnen. Sie war an der Gründung zentraler Institutionen der musikbezogenen Genderforschung beteiligt, darunter das Forschungszentrum Musik und Gender (FMG) in Hannover und das Sophie Drinker Institut. 

Überdenkt man diese Interessenslage genau, ist es nur folgerichtig, dass Rieger zu einer der Pionierinnen der feministischen Musikwissenschaft im deutschsprachigen Raum wurde, die seit den 1970er Jahren die Forschung zu Frauen in der Musik maßgeblich prägt oder geprägt hat. 1981 legte sie mit „Frau, Musik und Männerherrschaft“ ihr grundlegendes Werk vor, das als Meilenstein der Geschlechterforschung die strukturelle Benachteiligung von Frauen in Musikausbildung, Musikwissenschaft und Musikleben sichtbar machte.

Mit „Frau. Macht. Musik.“ übergibt Eva Rieger jetzt den Staffelstab an die nächste Generation. Die 330 Seiten starke Studie stellt keine neue musikwissenschaftliche Theorie zur Frauen- und Genderforschung in der Musikwissenschaft dar, sondern ist eher eine Bilanz aus fünf Jahrzehnten Frauen- und Genderforschung. Rieger verbindet darin wissenschaftliche Beobachtungen mit persönlichen Rückschauen auf Debatten, die sie selbst maßgeblich geprägt hat, und eingehenden Werksanalysen. Sie schreibt nicht als neutrale Beobachterin, sondern als eine derjenigen, die das Forschungsfeld im deutschsprachigen Raum mit aufgebaut haben. Sie erinnert daran, wie sehr Komponistinnen, Dirigentinnen und Musikerinnen über Jahrzehnte aus dem musikalischen Kanon ausgeblendet wurden und wie sich der Blick auf Musikgeschichte seit den 1970er Jahren verändert hat. Das macht „Frau. Macht. Musik.“ zu einem lesenswerten Zeitdokument.

Gleichzeitig erweist sich der schon im Titel angelegte doppelte Ansatz sowie die große thematische Spannweite zwischen Frauenmusikforschung, Opern- und Filmanalysen, kulturpolitischen Fragen, Geschlechterbildern und persönlichen Reflexionen aber auch als die Schwäche des Buches. Es wirkt wie eine den Hauptkapiteln zugeordnete Sammlung von Gedanken, Erinnerungen und Positionen, die sich im Laufe eines langen Forscherinnenlebens angesammelt haben. Insgesamt gibt es drei große Überschriften: Überblicke über „Die erste Welle der Frauenmusikforschung 1976-2000“ und „Die Genderforschung von 2000-2026“ sowie die Frage, ob sich der Feminismus am Ende selbst demontiert. 

Denn tatsächlich scheut Rieger sich nicht, die Siege, die Frauen errungen haben, die zeitgeschichtlichen Entwicklungen, die für Frauen und alle anderen Nicht-Männer eigentlich positiv sein sollten, in Frage zu stellen. Die Aufhebung der Binarität beispielsweise wertet sie als Gefahr, weil sie die Unausgewogenheit in der Geschlechter- und Rollenverteilung automatisch unsichtbar macht. Sicher zugunsten einer nie gekannten Freiheit, aber doch auch zu Ungunsten der Frauen, die im 19. Jahrhundert nicht zum Studium zugelassen wurden und denen das Geigespielen als anzüglich verboten war (die Geige erinnerte an einen Frauenkörper – frau darf sich wirklich wie die Autorin fragen, wieso Männer sie dann öffentlich spielen durften). Die sich noch Generationen später ihre Plätze in Orchestern mühsam erkämpfen mussten, deren Kompositionen nicht ebenso umstandslos kanonisiert wurden wie die der Männer, die ihre Berufe aufgeben mussten, wenn ihr Gatte das wünschte, die Lehrerinnen werden durften, wenn sie sich dem Zölibat ergaben, die mancherorts erst gegen Ende des letzten (!) Jahrhunderts das Wahlrecht erhielten, und und und. Diese Kapitel sollten Pflichtlektüre für alle jungen Frauen sein, die schon jetzt nicht mehr wissen, was die „Me too“-Debatte eigentlich war. 

Hochinteressant wird es dann, wenn Rieger sich der Frage widmet, ob Musik sprechen kann, im Sinne von: ein Geschlecht ausdrücken. Selbstverständlich folgt sie nicht der Debatte um „schwule“ Musik. Sie redet auch nicht davon, ob Männer und Frauen anders komponieren. Nein, sie spricht davon, dass Männer und Frauen anders komponiert werden. Dass im Laufe der von Männern dominierten Entwicklung der Musikgeschichte bestimmte Instrumente und Tonarten als „männlich“ und andere als „weiblich“ und damit als „stark“  (Dur kommt von durus, Latein für hart) und „fröhlich“ oder als „schwach“ und „traurig“ (Moll kommt von mollis, Latein für weich) konnotiert wurden. Dass und warum Beethoven und die Klassik diesem „männlichen“, Schubert und die Romantik aber dem „weiblichen“ Prinzip zugeordnet wurden. 

Diesen Gedankengängen stellt Rieger Analysen der Frauenbilder Verdis, Strauss’ und Wagners nach. Wieso, erschließt sich so richtig eher am Ende der Lektüre, wenn frau Bescheid weiß über das Zusammenspiel von sozialem, kulturellem und biologischem Geschlecht. Beim ersten Lesen bleibt hängen, warum Octavian als Hosenrolle angelegt sein musste – schon im Besitz seiner Manneskräfte, doch noch nicht Manns genug, ist er, aufgrund der Hormonsteuerung machtloser als diese, der Frau, der Marschallin untergeordnet. 

Im zweiten großen Kapitel untermauert oder -malt Rieger ihre Thesen mit der Betrachtung außergewöhnlicher Frauennetzwerke, in deren Zentren Clara Schumann bzw. deren Tochter, respektive Cosima Wagner standen, Frauen, die „Stärke“ zeigten und sich das Maximum an Anerkennung eroberten, während ihre mehr dem Sozialneid ausgesetzten Partnerinnen im Netzwerk für ihr Aufbegehren Tribut zollten. Sie flicht aber auch Betrachtungen zu Hitchcocks Filmmusiken und solche zu den Schicksalen jüdischer Kolleginnen ein. 

Alles durchwegs lesenswerte Kapitel. Weitab von einer systematischen Einführung in die aktuelle Genderforschung oder einer klar strukturierten Argumentation – jedoch voller Erkenntnisgewinn für die verschiedensten Interessenslagen. Schlussendlich liest sich „Frau. Macht. Musik.“ weniger als stringente Monografie, denn eben als wissenschaftliches Memoir. Der programmatische Titel hält, indem er sich an die vorigen Titel anlehnt, was er verspricht. Kein Blick nach vorn, eher einer zurück. Ein Fazit eben, das noch einmal aufzeigt, wie männlich dominierte Machtstrukturen auch in der Musikwelt greifen. Vermächtnis einer Wissenschaftlerin, deren Positionen einst als provokant galten und die maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Fragen nach Geschlecht, Macht und Repräsentation heute selbstverständlich zum musikwissenschaftlichen Diskurs gehören. Zu selbstverständlich, vielleicht.


Eva Rieger: „Frau. Macht. Musik.“, Georg Olms, 2026