Münchner Opernfestspiele / Bayerische Staatsoper

Schrebergarten-Idyll mit Herrgottswinkel

Tobias Kratzer und Vladimir Jurowski verantworten eine mit Einschränkungen gelungene «Walküre» in München

Klaus Kalchschmid • 27. Juni 2026

Walkürenritt durch München: Still des Videos von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi

Da gab es dann doch gleich mehrfach ausgelassen heiteren Szenenapplaus: Tobias Kratzer lässt im Nationaltheater auf einem das Portal füllenden Dronen-Video (Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi), die Walküren zu ihrem Ritt auf Pferden durch das Siegestor galoppieren und dann durch die Münchner Innenstadt und den Englischen Garten, am Hofgarten vorbei, bevor sie das Nationaltheater kapern und im zentralen der Ionischen Säle die nackten Helden für das Heer Wotans waschen und mit prächtiger Rüstung ausstatten. Hinter der Tür üben die dann schon mal das Fechten für einen weiteren Einsatz im Heer Wotans. Kratzer lässt außerdem einen einsamen Hubschrauber durch den Münchner Himmel geistern – ein hintersinniger Hinweis auf das Hubschrauber-Geschwader aus dem Film „Apokalpse now“ ist das, welches zum Walkürenritt fliegt oder auf die Wochenschau, die den Luftangriff auf Paris ebenfalls mit dieser Musik begleitet, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen. Da kommt die Inszenierung der «Walküre», die erste Premiere der Münchner Opernfestspiele, endlich mit Ironie zu sich selbst, während die ersten beiden Aufzüge durchaus Fragen aufwarfen. Dabei begann alles hintersinnig mit den später allesamt hervorragend und ebenso ausdrucksvoll solistisch wie homogen im Kollektiv singenden Walküren (darunter Claudia Mahnke, Natalie Lewis und Noa Beinart), die schon zum Vorspiel über die Bühne jagen und im zweiten Aufzug Brünnhilde begleiten, beides anders als in der Partitur angegeben.

Hunding und Sieglinde hausen in einer Art alpenländischem Schrebergarten-Häuschen mit einem heimeligen Kachelofen, Grill und Topfpflanzen sowie einem „Herrgottswinkel“, der in klein den neugotischen Altar darstellt, der im «Rheingold» lebensgroß die Götter in Walhall beherbergte (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier), alles auf einer Drehbühne von allen Seiten einsehbar. Jetzt beten Hunding und Sieglinde, offenbar beide sehr religiös, mehrfach davor. Auch zur Gewinnung des Schwerts hat sich Kratzer etwas Neues ausgedacht, das einen wichtigen Moment der Oper verschenkt, wie sich schon für „Der Lenz lacht in den Saal“ kein optisches Äquivalent fand. Siegmund zieht das Schwert nicht aus irgendeinem Stamm, sondern wählt aus einer ganzen Batterie im Schrank das (hoffentlich) richtige Schwert aus und entflieht offensichtlich mit Sieglinde im Auto Hundings, der trotzdem den Wald erreicht, in den Siegmund und Sieglinde fliehen konnten. Warum später hier Wotan und Brünnhilde durch den realistischen Tannenwald gehen (videotechnisch sehr geschickt und plastisch umgesetzt) bis eine kleine Kapelle links vorne sichtbar wird, bleibt ebenfalls Geheimnis des Regisseurs, der mit seiner Personenregie mehr überzeugt als mit seinem Konzept. 

Wotan (Nicholas Brownlee) inmitten der Walküren, die nackte Helden für sein Heer waschen und mit Rüstungen ausstatten © Monika Rittershaus

Immer wieder senkt sich über die Hälfte der Bühne eine Leinwand, auf der in Schwarzweiß von der Vorgeschichte erzählt wird, das Spiel Wotans mit seinen beiden Kindern Siegmund und Sieglinde und deren Mutter zeigt, bis hin zum Brand ihrer Hütte, wie es Sieglinde halluziniert, während des Feuerzaubers. Der wird hier auf der Bühne nur angedeutet von Loge (eine stumme Luxusbesetzung: Sean Panikkar) als Gott des Feuers, der gelangweilt in der Ecke steht und raucht. Verkohlt zeigt zuvor die Bühne das Kinderzimmer mit seinem Stockbett des Zwillingspaars, in das sich jetzt erneut die erschöpfte Sieglinde legt.

Dank Joachim Bäckströms feinem, klangschönem, in allen Lagen schon ausgereiftem, aber auch durchschlagskräftigem Tenor mit vielen Facetten als Siegmund und Irene Roberts' glühendem, warmem Sopran gehören ihre Szenen zu den stärksten der ganzen Aufführung. Wie die beiden um ihre letzten Kräfte ringen, das vermag vor allem Roberts in jedem Moment zu beglaubigen, während Bäckström der Fels in der Brandung ist und Brünnhilde heftig Widerstand leisten kann. Ain Angers tiefschwarzer Bass gibt dem Hunding Gewicht und enormes Selbstbewusstsein, besitzt bei aller Grobheit aber auch eine gewisse Eleganz. Nicholas Brownlee steht ihnen allen in Nichts nach. Sein ebenso schöner wie robuster Bariton gibt dem fast 20-minütigen Monolog Wotans im zweiten Aufzug viele, auch fahle Farben („eines nur will ich noch: das Ende“) und eine Intensität, die beeindruckend ist. Nichts ist zu hören von Müdigkeit, die Präsenz hält ungebrochen bis zu den letzten Worten: „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie.“

Eine Widder-Entweidung im Schrebergarten: Ekaterina Gubanova (Fricka) und Nicholas Brownlee (Wotan) © Monika Rittershaus

Die Finnin Miina-Liisa Värelä singt eine durchaus achtbare Brünnhilde, etwas störend nur ihr Metall, das die Stimme vor allem in der Höhe prägt. Anders die Fricka von Ekaterina Gubanova, deren leidenschaftlicher Mezzo mit Nachdruck auf Wotan einwirkt, die Gesetze der Ehe zu achten. Als dies mit dem Mord an Siegmund geschieht, kommentiert sie es unverhohlen spöttisch, nachdem sie zu allem Überfluss auch noch ein Tier (einen Widder?) ausgeweidet hat. Denn wie heißt es so schön im Libretto: „Fricka naht, deine Frau, im Wagen mit dem Widdergespann“. 

Wo nötig, entfacht Vladimir Jurowski bei durchweg flüssigen Tempi, beginnend mit dem Vorspiel, gewaltige Stürme im Orchester, um dazwischen – vor allem im ersten Aufzug und im Dialog zwischen Brünnhilde und Wotan im dritten Aufzug – oft fast kammermusikalisch agieren zu lassen, auch seine Todverkündigung hat etwas absolut Magisches.

 

«Die Walküre» – Richard Wagner
Münchner Opernfestspiele (Bayerische Staatsoper) · Nationaltheater


Kritik der Premiere am 25. Juni 
Termine: 28. Juni; 1./4./8. Juli