Budapest Wagner Days
Zerstörerischer Hochglanz
Die letzte Festival-Ausgabe unter Ádám Fischer war geprägt von einer Vitalität im politischen Umbruch und legendären Dirigaten von «Götterdämmerung» und «Parsifal»
Roland H. Dippel • 01. Juli 2026
Von einer Krise der „klassischen Musik“ ist beim Finale der Budapest Wagner Days 2026 nichts zu spüren. Das Publikum auf den 1700 zwar nicht ausverkauften, aber sehr gut gefüllten Plätzen des Béla Bartók Konzertsaal umjubelte zwei komplette Zyklen von Wagners «Der Ring des Nibelungen». Diese wurden an jeweils vier Abenden hintereinander gezeigt, was nicht einmal in Bayreuth üblich ist und in Deutschland bisher nur einmal vor über 20 Jahren am Staatstheater Meiningen unter der Intendanz von Christine Mielitz geschafft wurde. Auch in Ungarn unter der neuen Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar sind die Kultursubventionen nicht mehr in den Umfang gesichert wie in früheren Zeiten. Als Kulturbeauftragte für klassische Musik agiert derzeit die Sopranistin Andrea Rost. Erste Änderungen im neuen Kurs sind bemerkbar. Parallel zum zweiten «Ring» endeten die Gay-Pride-Wochen Budapest mit der traditionellen Parade am 27. Juni, nachdem diese 2025 durch die verschärften Gesetze der Orbán-Regierung verboten worden war. Sie fiel damals nur deshalb nicht unter das neue Versammlungsverbot, weil der liberale Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony die Parade zu einer städtischen Veranstaltung erklärt hatte.
Während der Hitzewelle mit über 40° C wirkte das Leben im städtischen Raum etwas ruhiger – ausgenommen vom wie immer pulsierenden Straßenverkehr. Auf der Terrasse des Müpa standen die Wagner-Days-Liegestühle im Schatten. Erst in den zweiten Pausen kurz vor Sonnenuntergang wagten sich mehr Gäste nach draußen. Der Anteil des einheimischen Publikums scheint höher als beim letzten Besuch 2022. Die Projektionen und die fokussiert-prägnante «Ring»-Spielleitung von Etelka Polgár nach dem Konzept von Hartmut Schörghofer haben seit der Premiere keine Patina angesetzt. Sie wirken in den Kostümen und Figuren von Corinna Crome eloquent wie immer. Auf dem Podium und den Rängen werden Knickpunkte von Wagners Spätwerken deutlich. Die Szene lässt das Publikum nicht allein. Sie macht auch keinen Druck zur Meinungsbildung über das Weltuntergangspanorama in «Götterdämmerung» und die trügerische Verheißung einer besseren Systemordnung im Bühnenweihfestspiel «Parsifal».
Unter den osteuropäischen Staaten hat die Pflege Richard Wagners in Ungarn die umfangreichste Tradition. Diese Verehrung initiierte Wagners ungarischer Schwiegervater und Freund Franz Liszt und jüdische Dirigenten wie Hans Richter, der die komplette «Ring»-Uraufführung bei den ersten Bayreuther Festspielen leitete, oder Georg Solti mit der ersten kompletten Studio-Einspielung des «Ring». Das Publikum zeigt spürbar mehr Unbefangenheit als im deutschsprachigen Raum, wo anlässlich einer geplanten Bayreuther Vortragsveranstaltung des jüdischen Publizisten Michel Friedman heftig erörtert wird, ob bei der Aufarbeitung der antisemitischen Vergangenheit der Bayreuther Festspiele im Nationalsozialismus Versäumnisse oder Defizite bestehen.
Zwanzig Jahre nach Start waren es die letzten Wagner Days unter der alleinigen musikalischen Leitung des bayreutherfahrenen Ádám Fischer, neben dem ab 2027 der junge ungarische Dirigent Martin Rajna die Wagner Days leiten wird. Die beiden letzten Abende steigerten sich zum Applaus-Fanal mit höchster Wertschätzung und Lautstärke für den zutiefst verehrten Fischer: Eine Leistung von exzeptioneller Qualität. Von den Bläserrufen bis zum Ende der Akte erlebte man eine außerordentliche Wagner-Interpretation. Die runde wie intelligent gestalteten Aufführungen steigerten sich durch die jahrelange Zusammenarbeit mit dem Magyar Rádió Szimfonikus zenekara (Ungarisches Rundfunk-Orchester). Fischers immenses Wissen um die Wirkungsmacht von Wagners Partituren und seine profunde Kenntnis dieser führten zu einem außergewöhnlichen Resultat: Die Gefährlichkeit und Brutalität der Musik wurden nicht durch bremsende Schärfungen, sondern aus Sinnlichkeit und Fülle kenntlich. Vor exzessiver Übersteuerung hielt sich diese Interpretation dank Fischers immer gesangsfreundlichen Maximen fern.
Wagners „unendliche Melodie“ blieb also Melodie und war kein Trampolin für Deklamationsetüden. Andererseits unterließ Fischer Lautstärke-Rekorde, wie sie in den Eiden auf Hagen Speers in «Götterdämmerung» international gern angesteuert werden. Daniela Köhler zeigte als Brünnhilde Rundung und akzentuierte Deutlichkeit noch im höchsten dramatischen Aufruhr. Es entstand eine formal brillante und emotionale Gestaltung bis zum Flammentod. Mit Stefan Vinke, einem mit Kondition bestechenden Siegfried, dem martialisch finsteren Hagen von Albert Pesendorfer und den schneidend durchtriebenen Alberich von Jochen Schmeckenbecher traten «Ring»-bewährte und dem Publikum bekannte Kräfte an. Birger Radde wertete Gunther zu einer Hauptpartie auf. Szilvia Vörös als Waltraute und Lilla Horti als Gutrune zeigten einen enorm hohen Standard in den Soloreihen des eigenen Landes. Klanggewaltig auch an beiden Abenden der Ungarische Rundfunkchor (Leitung: Máté Szabó Sipos) und der Ungarische Nationalmännerchor (Leitung: Richárd Riederauer). Die Videos von Szupermodern Filmstúdió Budapest setzten Akzente zwischen Wolkenkratzern und Keimzeiten unter der Erde – vieldeutig und in Synergie mit der Musik. Die phänomenale Akustik und die Raumwirkungen des Saals begünstigten die Gesamtwirkung.
Bei «Parsifal» zeigte sich, wie man mit wenigen Akzenten die komplizierte Handlung von Wagners zwiespältigem Bühnenweihfestspiel verdeutlichen und zugleich hinterfragen kann. Die Szenen im Gralstempel leuchteten mit verführerischer Magie. In den Szenen des mit langem Haar und Energie aus der Rittergemeinschaft brechenden Amfortas in Gestalt des starken Wolfgang Koch erreichte die Vorstellung heftige Zerrissenheit. Die hier ungewöhnlicherweise mit Kindern besetzten Frauenpartien von zwei Knappen (Mira Braunmüller, Dániel Tanka) machten Sinn und waren bestens zu hören. Die Figuren nehmen die wichtigsten Requisiten für Parsifals Bewusstwerden aus Kästen. Die Handlung wird durch Birgit Kajtna-Wönigs szenische Setzung in ihrer Fragwürdigkeit fassbar. Es wirkt nicht wie Erlösung, wenn Kundry vom durch Parsifal übernommenen Ritual ausgeschlossen bleibt und mit versteinernder Miene den Gralsritterschaft verlässt. Auch hier ein Abend der prächtigen und glanzvollen Stimmen: Anja Kampe ist eine Kundry zwischen bewusster Lyrik und mit voller Kraft herausgeschleuderten Spitzentönen, Magnus Vigilius ein leuchtkräftiger Parsifal mit idealen Mitteln für die leichteren Wagner-Heldenpartien. Tijl Faveyts gestaltet einen helltimbriert und intensiv mit der Ordenskrise ringenden Gurnemanz, Tobias Schabel gab einen diabolischen Klngsor. Fulminant hier das üppig auftrumpfende Sextett der Blumenmädchen und als „Bonus-Track“ der einschüchternde Kurt Rydl im Minuten-Auftritt als Titurel.
So wurden die letzten Abende der 20. Budapest Wagner Days zu Spitzenereignissen – vielleicht mit Vorbild für andere Häuser. Die Produktion begibt sich nämlich nicht unter einen selbst auferlegtem Zwang zu Aktualität und Krtiik am Handlungsgenstand. Zudem zahlen sich die Kontinuität, die Souveränität des Orchesters sowie die überaus glückliche Kombination einheimischer Begabungen mit internationalen Spitzenkräften aus. Man wird sehen, ob die Budapest Wagner Days unter der neuen Regierung ihre Position bewahren können. Es wäre zu wünschen, denn diese plastische Kontinuität, künstlerische Vertrautheit und das hochkarätige Können haben in den internationalen Besetzungsgepflogenheiten vorbildlichen Ausnahmecharakter.
«Götterdämmerung» – Richard Wagner
20. Budapest Wagner Days · Müpa Budapest
am 28. Juni 2026
«Parsifal» – Richard Wagner
20. Budapest Wagner Days · Müpa Budapest
am 30. Juni 2026