Staatstheater am Gärtnerplatz
Rache in Rot
Nikolaus Habjan und Ricarda Regina Ludigkeit inszenieren Gottfried von Einems «Der Besuch der alten Dame» in München
Klaus Kalchschmid • 06. Juli 2026
Am Ende ist die alte Dame Claire Zachanassian gerächt – durch den Tod ihres einstigen Geliebten, der sie in einem Prozess zur Dirne gemacht und aus dem Dorf vertrieben hat. Jetzt ist sie Milliardärin und bietet dem Dorf einen erschreckend banalen Deal an. Für den Tod Ills bekommen die verschuldete Gemeinde eine halbe und jede Familie zusammen eine halbe Milliarde. Wie langsam das moralische Gewissen erodiert und Alfred Ill sein Schicksal annimmt, das erzählt Dürrenmatt in seinem berühmten Drama und Gottfried von Einem in seiner 1971 an der Wiener Staatsoper uraufgeführten Oper, die er eine Tragikomödie nennt und für die der Schriftsteller das Libretto geschrieben hat. Seit der Uraufführung 1956 in Zürich mit Therese Giehse in der Titelrolle gab es auch prominente Verfilmungen des Stücks mit Elisabeth Flickenschildt, Maria Schell, Ingrid Bergman oder Christiane Hörbiger, die das Schauspiel weltweit bekannt machten.
Ganz Grau in Grau gehalten ist das Dorf Güllen in der Neuinszenierung der Oper am Gärtnerplatztheater, dessen Gebäude samt Kirche, wie von Lyonel Feininger gemalt, in immer neuer Perspektive zu sehen sind (Bühne: Heike Vollmer). Im Zentrum steht der realistisch ausgestattete Lebensmittelladen Ills. Auch die Kostüme (Bernhard Stegbauer) sind graublau, bevor sie verschiedenste Nuancen von immer intensiverem Rot annehmen. Es ist die Farbe der Rache, die auch von Claire Zachanassian immer mehr Besitz ergreift und gleichsam ausstrahlt, die in Güllen (nomen est omen) mit dem Zug ankommt, nachdem sie die Notbremse im Expresszug gezogen hat.
Hier ist sie eine lebensgroße, lippensynchron agierende Puppe (geführt von Manuela Linsheim) mit übergroßem Kopf, glatzköpfig und mit rostroten Wuschel-Haaren an den Seiten, ein hässliches Geschöpf, das von Sophie Rennert mit intensivem, fast zu schönem Mezzo ausgestattet wird, der am Premieren-Abend ein sonst nicht zu hörendes Vibrato in der Stimme offenbart. Einer Sängerin, die manchmal Abstand nimmt von ihrem Puppen-Ich, dann auch menschliche Seiten offenbart und in direkte Nähe zu Ill tritt. Da beschwört sie etwa mit ihm im Konradsweiler Wald ihre gemeinsame Vergangenheit. Um so härter wirkt ihre Forderung nach seinem Tod, wohl wissend, dass das Dorf schwach wird, gleich auf Pump einkaufen geht und schon deshalb auf das Geld angewiesen ist. Mit Entsetzen realisiert Ill allmählich, dass auch die eigene Familie denselben Wohlstand anstrebt, ohne Fragen zu stellen: Alle kleiden sich elegant, die Tochter spielt Tennis, der Sohn hat sich ein Auto gekauft. Und eine neue Glocke hängt auch in der Kirche, wie Ill feststellen muss, als er den Pfarrer um Rat bittet, der ihm rät zu fliehen. Als die Bewohner Claire nahelegen, dass sie statt der grausamen Forderung in die bankrotten Firmen der Stadt investiert, stellt sich heraus, dass sie diese bereits gekauft und gezielt heruntergewirtschaftet hat, um die Güllener in der Hand zu haben.
Gottfried von Einem komponierte zu Dürrenmatts Libretto eine nahezu atemlose, extrem kleinteilig parlierende, immer freitonale Musik mit vertrackten Singstimmen, die kaum Pausen kennt und die man redselig nennen könnte, gäbe es nicht auch die Momente des Innehaltens und der Zurückhaltung, die das Publikum ebenfalls zum Nachdenken anregen ob der Ungeheuerlichkeit des Verhandelten. Das Drama gipfelt darin, dass man Alfred Ill indirekt den Suizid nahelegt, was dem Volk die Schuld an seinem Tod nähme. Doch schließlich schneidet ein Henker Ill die Kehle durch. Für ihn steht schon der Sarg bereit, den Claire Zachanassian mitgebracht hat, wie sie mit seltsamer Begleitung auftritt: ihrem derzeitigen Mann Moby, dem Butler Boby, zwei blinden alten Männern Koby und Loby, die einst im Prozess gegen Claire gegen sie aussagten und behaupteten, sie würde mit vielen Männern schlafen, und jetzt ihre Falschaussage zugeben, zwei bedrohlichen Männern, die ihre Sänfte tragen, Roby und Toby, und einem schwarzen Partner, der hier ebenfalls lebensecht von einer Puppe, in der Angelo Konzett steckt, dargestellt wird. Mit leuchtenden Augen und geschmeidigen Bewegungen wirkt er ebenfalls bedrohlich. Am Ende ist die ganze Bühne in leuchtend rotes Licht getaucht, der zwei Quadratmeter große Scheck über eine Million, der über die Bühne getragen wird, ist ebenso rot wie das Geld, das es in Scheinen aus dem Schnürboden regnet.
Nikolaus Habjan, der die Puppe Claires entworfen hat, und seiner Co-Regisseurin Ricarda Regina Ludigkeit gelingt eine leidlich spannende Aufführung, die neben Sophie Rennert als Claire Zachanassian von Ludwig Mittelhammer als Alfred Ill mit feinem Charakterbariton und ganz ins Weiß, der Farbe der vermeintlichen Unschuld, gekleidet, getragen wird, oder von Matija Meić als dominantem Lehrer und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als schneidigem Bürgermeister. Aber auch alle übrigen kleinen und kleinsten Partien sind adäquat besetzt. Das Orchester des Gärtnerplatztheaters müht sich redlich unter Leitung von Michael Balke, der Musik von Einems Sinnlichkeit zu verleihen und sie fließen zu lassen, aber auch ihre rhythmische Vertracktheit zu bewältigen, die es weder dem Orchester noch den Sängern leichtmacht, selbst wenn es so klingt.
«Der Besuch der alten Dame» – Gottfried von Einem
Staatstheater am Gärtnerplatz · Gärtnerplatztheater (München)
Kritik der Premiere am 3. Juli
Termine: 5./8./23. Juli