Lehár Festival Bad Ischl
Liebesabenteuer in ehrbarer Gesellschaft
Mit Franz von Suppès «Boccaccio» ehrt man im Salzkammergut einen Humanisten und vermeintlich amorösen Abenteurer
Albert Gier • 16. Juli 2026
Unter den deutschsprachigen Operettenkomponisten des 19. Jahrhunderts, der sogenannten „goldenen Ära“ der Operette, ist Franz von Suppè vielleicht der tüchtigste Musiker, und jedenfalls einer der produktivsten: Neben Opern, Operetten, zahllosen Possen, Zauberstücken, Märchenspielen und anderem komponierte er auch geistliche Musik (u.a. drei Messen), Chorwerke, Liederzyklen und Instrumentalmusik. Nach 1945 geriet er ein wenig in Vergessenheit, nur der Einakter «Die schöne Galathee» wurde noch häufig gespielt. Im neuen Jahrtausend hat sich das geändert, es gab mehrere Inszenierungen von «Fatinitza» (2006 auch in Bad Ischl, der Mitschnitt liegt auf CD vor), die Wiener Volksoper brachte 2021 «Der Teufel auf Erden» heraus. Bis in die 1960er Jahre entstanden immerhin noch Rundfunkaufnahmen u.a. von «Banditenstreiche» und «Leichte Kavallerie»; einige davon wurden inzwischen auf CD veröffentlicht.
In seiner Begrüßung sprach Intendant und Regisseur Thomas Enzinger vom Humanismus, der die Epoche Boccaccios prägte – dazu passend ist links vorn das Bild eines Regals mit alten Folianten, wohl aus einer Klosterbibliothek, zu sehen, davor wird später ein riesiger Federkiel platziert. Rechts verweist ein Mädchenkopf von Botticelli auf Sinnlichkeit und Lebensfreude der Zeit. Im Bühnenhintergrund führen Treppen rechts und links zu einem praktikablen Steg (Bühnenbild: Stefan Wiel). Die Kostüme von Sven Bindseil sind so farbenprächtig, wie man es mit der italienischen Renaissance assoziiert – wobei man allerdings nicht vergessen darf, dass Florenz lange unter den verheerenden Folgen der Pest von 1353 zu leiden hatte.
«Boccaccio», uraufgeführt 1879 am Wiener Carl-Theater, wird oft als Suppés Meisterwerk bezeichnet. Seine Librettisten Friedrich Zell (eigentlich Camillo Walzel) und Richard Genée haben ihm – nach einer französischen Vorlage – ein hervorragendes Buch geschrieben, und der italienische Schauplatz hat den Komponisten offensichtlich inspiriert. Für Bad Ischl hat Jenny W. Gregor eine neue Spielfassung erstellt: Die handelnden Figuren verkörpern auch die „onesta brigata“, die „ehrbare Gesellschaft“ von drei jungen Frauen und sieben Männern, die in Boccaccios „Decameron“ vor der Pest aus Florenz geflohen sind und sich auf dem Land an zehn Tagen die Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben. Für jeden Tag wird ein „König“ oder eine „Königin“ bestimmt, der oder die das Thema für die Erzählungen vorgibt. In Ischl geht eine „Krone“ von Hand zu Hand (zuletzt bekommt sie Boccaccio), aber die neuen „Regenten“ geben dem Geschehen allenfalls eine etwas andere Wendung – das stört nicht weiter, fügt den Geschichten allerdings auch nichts Wesentliches hinzu.
Suppè, dessen Vorliebe für Hosenrollen bekannt ist, hat die Rolle Boccaccios für Mezzosopran geschrieben; noch in den 1950er Jahren wurde sie oft von Tenören gesungen, glücklicherweise hat sich inzwischen wieder die Originalfassung durchgesetzt. Mit Christina Sidak, die oft an der Volksoper Wien zu hören ist, steht eine Idealbesetzung für die Titelpartie zur Verfügung, die sie sehr nuanciert gestaltet. In der Vorrede zu seiner Novellensammlung erklärt Boccaccio, er habe sie geschrieben, um den Frauen, die von Vätern, Müttern, Brüdern und Ehemännern daran gehindert werden, ihre erotischen Neigungen auszuleben, Trost zu spenden. Im Libretto sind folglich die Männer gar nicht gut auf den Dichter zu sprechen – sie wollen ihn verprügeln oder gar verbannen –, während sich die Frauen um die von einem Kolporteur (Ioan Toma) angebotenen neuen Novellen reißen.
Boccaccio selbst erlebt eine Liebesgeschichte mit der schönen Fiametta (vor dem „Decameron“ hat er die „Elegie der Dame Fiametta“ geschrieben; früher nahm man – fälschlich – an, er habe hier autobiographisch eine Liebschaft mit der Tochter des Königs Robert von Anjou verarbeitet). Auch Fiametta ist mit dem lyrischen Sopran Maria Ladurner hervorragend besetzt; nicht nur die Romanze „Hab ich nur deine Liebe“ singt sie anrührend, auch das Duett Boccaccios und Fiamettas, das deutsch und italienisch gesungen wird, ist ein Glanzlicht. – Fiametta soll den Prinzen Pietro von Palermo (Martin Lechtleitner mit schönem Tenor) heiraten, der Boccaccio bewundert und ihm nacheifern möchte, allerdings will er „Novellen“ nicht dichten, sondern erleben. Die Gelegenheit bietet sich mit Isabella (Domenica Radlmaier, sehr quirlig und munter), der leichtsinnigen Gattin des Fassbinders Lotteringhi, eines Trunkenbolds (Gerd Vogel, Bariton). Die Ehemänner (neben Lotteringhi, der mit seinem Fassbinder-Lied erfreut, der Tenor Hans Gröning, der in seinem Couplet „Wie Gott will, ich halt’ still“ auch eine Strophe mit Bezug auf die Fußball-Weltmeisterschaft und die Herren Trump und FIFA-Präsident Infantino singen darf; die Rolle des Barbiers Scalza ist gestrichen) sorgen wesentlich für die komischen Akzente. Auch die kleineren Rollen (Miriam Portmann als Peronella, Philip Guirola Paganini als Leonetto, Nikola Basta als Mönch) sind adäquat besetzt.
Boccaccio ist eine ziemlich lange Operette, das gedruckte Textbuch bringt es auf 96 Seiten, die mehrfach angegebene Aufführungsdauer von zweieinhalb Stunden kann sich nur auf eine Strichfassung beziehen. Natürlich wurde auch in Ischl gekürzt, und das ist gut so. Allerdings endet die Geschichte in der Originalfassung mit einer kurzen, von Boccaccio improvisierten Commedia dell’arte (knapp vier Druckseiten): Narcissino, „ein Freier aus Sizilien“, wirbt um Pantalones Tochter Colombina, sie aber zieht Arlecchino vor, und zuletzt gibt ihr Vater nach. Natürlich führt der Dichter so seinem neuen Freund Pietro vor, dass er bei Fiametta keine Chance hat, und der junge Mann lässt es sich gesagt sein und verzichtet. Nur einmal würde man diese Szene doch gern sehen und hören. Vielleicht an der Wiener Volksoper? Oder an einem der Operettenhäuser in Dresden und Leipzig?
«Boccaccio, oder Der Prinz von Palermo» – Franz von Suppè
Lehár Festival Bad Ischl · Kongress & TheaterHaus
Kritik der Premiere am 11. Juli
Termine: 19./23./25./30. Juli; 1./6./8./11./13./22./28./30. August