Oper Burg Gars
Reife Geisha in Stehpartie
Szenisch wird auf der niederösterreichischen Burgruine nicht viel gedeutet, dafür brilliert in Giacomo Puccinis «Madama Butterflly» die Hauptdarstellerin
Susanne Dressler • 18. Juli 2026
Ein großer Wunsch des Intendanten ist in Erfüllung gegangen. In seiner launigen Begrüßung erzählt Clemens Unterreiner von den zahlreichen Versuchen, seinen Tenor-Kollegen Oreste Cosimo für die Oper Burg Gars zu gewinnen. Nun ist es gelungen: Für einen Abend übernimmt der gebürtige Italiener die Rolle des Pinkerton. Dabei ist Cosimo derzeit ohnehin stark gefragt – parallel singt er beim Opernsommer am Heumarkt alternierend den Don José in Bizets «Carmen». Die Zutaten für einen gelungenen Open-Air-Abend in Gars stimmen: Ein lauer Sommerwind zieht durch die Burgruine, auf der Bühne (David Gamel) stehen ein traditionelles japanisches Wohnhaus mit Schiebetüren und eine markante knallrote Treppe. Seitlich nimmt das Orchester der Oper Burg Gars in seinem hölzernen Orchesterhaus Platz, der Dirigent Karsten Januschke hebt den Taktstock – und Puccinis tragische Geschichte kann beginnen.
Die dramatische Handlung ist bekannt: Die erst 15-jährige Geisha Cio-Cio-San verliebt sich in den amerikanischen Marineoffizier Pinkerton. Für ihn ist die Verbindung nicht mehr als ein Zeitvertreib fern der Heimat, für sie die große Liebe. Mit einer Scheinhochzeit und Liebesschwüren gewinnt er ihr Vertrauen, dafür wird Butterfly von ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft verstoßen, einzig ihre Dienerin Suzuki hält zu ihr. Drei Jahre wartet sie auf Pinkertons Rückkehr. Als er schließlich wieder in Japan erscheint, bringt er seine amerikanische Ehefrau mit – und interessiert sich ausschließlich für den gemeinsamen Sohn. Für Cio-Cio-San bleibt nur der Freitod.
Regisseur Matthias von Stegmann verzichtet im Wesentlichen auf eine Deutung des Stoffes. Der problematische Plot wird weder kommentiert noch modernisiert. Die Personenführung bleibt insgesamt zurückhaltend, die Chorszenen sorgen für etwas Bewegung. Im Mittelpunkt stehen ganz klar Puccinis Musik und seine Solisten – visuelle Ablenkung gibt es kaum.
Mit der Titelrolle gibt Kristiane Kaiser ihr Garser Debüt. Natürlich ist sie keine 15-jährige Geisha mehr, doch gerade ihre künstlerische Reife verleiht der Figur Glaubwürdigkeit. Selbst das wenig schmeichelhafte Kostüm von Laura Madgé Hörmann trägt Kaiser mit Selbstverständlichkeit und Eleganz. Vor allem aber überzeugt sie stimmlich, denn mit ihrem beweglichen Sopran spannt sie mühelos den Bogen vom feinsten Piano bis zu hochdramatischen Ausbrüchen. Die berühmte Arie „Un bel dì, vedremo“ wird zum Höhepunkt des Abends und sorgt für einen echten Gänsehautmoment. Im zweiten und dritten Akt ist Kaiser nahezu ununterbrochen auf der Bühne und meistert die enormen Anforderungen der Partie bravourös. Selbst der Umgang mit der Puppe, die Butterflys Sohn darstellen soll, gelingt ihr überzeugend. Dass auf einen Kinderdarsteller zur späten Stunde verzichtet wurde, ist nachvollziehbar. Warum die Wahl allerdings auf eine gesichtslose Puppe fiel, bleibt fraglich. Die Silhouette eines Kindes hinter der Papierwand des Hauses hätte die Illusion vermutlich wirkungsvoller entstehen lassen.
Ebenbürtige Partner an Kaisers Seite sind vor allem die Darsteller von Sharpless und Suzuki. Die russische Mezzosopranistin Daria Sushkova gestaltet Suzuki mit Wärme und großer Empathie. Immer wieder leuchtet ihr schönes Timbre auf und macht ihre Figur zur guten Begleiterin. Paolo Rúmetz, verlässliches Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, erweist sich auch als Sharpless als ideale Besetzung. Eindringlich warnt er Pinkerton davor, das junge Mädchen ins Unglück zu stürzen, und glaubhaft vermittelt er seine Erschütterung, als er Butterfly die Wahrheit über ihren Geliebten offenbaren muss.
Und Oreste Cosimo? Der so sehnsüchtig erwartete Gasttenor macht in seinem strahlend weißen Kostüm eine ausgezeichnete Figur, bleibt jedoch stimmlich wie darstellerisch hinter den Erwartungen zurück. Sein heller Tenor verliert sich auf der nicht verstärkten Freiluftbühne immer wieder. Gegen die stimmliche Präsenz Kristiane Kaisers wirkt er phasenweise chancenlos. Lediglich im Zusammenspiel mit Paolo Rumetz entfaltet seine lyrische Stimme ihren Reiz. Pinkerton ist freilich keine dankbare Rolle. Von Beginn an steht fest, dass er moralisch versagt, echte Sympathien kann diese Figur kaum gewinnen.
Besonders eindrucksvoll gelingt dem Garser Chor der berühmte Summchor „Coro a bocca chiusa“. Während Cio-Cio-San unerschütterlich auf Pinkertons Rückkehr wartet, steht dieser im Dunklen vor der Bühne. Die Burgruine wird in sanftes Licht getaucht, die Grillen zirpen und erste Sterne blitzen am Nachthimmel auf. Mit einem entschlossenen Schnitt durch die Kehle beendet Cio-Cio-San schließlich ihr Leben. Nach einem Moment der Stille spendet das Publikum einen kurzen, aber heftigen Applaus.
«Madama Butterflly» – Giacomo Puccini
Oper Burg Gars · Burgruine Gars am Kamp (Niederösterreich)
Kritik der Aufführung am 16. Juli
Termine: 18./21./23./25./28./30. Juli; 1. August