Bayerische Staatsoper

Eloquent auf dem Papier

Im Prinzregententheater ist Händels «Alcina» mit einem auf Originalinstrumenten spielenden Orchester ein musikalisches Fest. Vor allem John Holiday betört als einstiger Liebhaber der Zauberin

Klaus Kalchschmid • 18. Juli 2026

Jeanine De Bique überzeugt als Zauberin Alcina, hier im Bild mit Carine Tinney (Oberto, rechts) © Geoffroy Schied

Schon zur Ouvertüre zerdeppert die Zauberin Alcina alles, was sich zerstören lässt, Geschirr, Vasen, Spiegel, Stühle. Die Lamellen am Fenster waren schon zuvor verbogen. Dann wird alles mit Beginn der Oper wieder an seinen Platz gerückt, das verbogene Geländer im ersten Stock ausgetauscht  – wie noch mehrfach an diesem Abend ein paar Statisten immer wieder für Ordnung sorgen. Am Ende, wenn sie endgültig von ihrem Geliebten Ruggiero verlassen ist, gibt es Tabula Rasa: der Museumsraum wird leergeräumt, in dem sieben nackte, goldbronzierte Männer als Statuen stehen, die sich manchmal bewegen. Sie sollen wohl Alcinas verzauberte und zu Stein gewordene Männer darstellen. Vor der Pause gibt es einen grünen Salon mit Wendeltreppe zum Balkon im ersten Stock, vielleicht irgendwo in Afrika (Bühne: Benjamin Schönecker), Außenraum kann das sein wie auch Innenraum, im Parterre gibt es eine Tafel, die einmal auch gedeckt wird – warum und wieso, bleibt allerdings ebenso unklar wie die ganze Inszenierung von Johanna Wehner, die seltsam blässlich ausfällt und ganz auf die Ausstrahlung der Sängerinnnen und Sänger setzt, während die musikalische Seite einen großen Zauber entwickelt. 

Das Bayerische Staatsorchester spielt auf Originalinstrumenten und hat sich rund um Axel Wolf (Erzlaute), Marinus Andersson (Theorbe) und Alessandro Praticò (Cembalo) eine Continuo-Gruppe dazugeholt. Das kann sich wahrlich hören lassen und bildet die Grundlage des Abends: ein mal kerniger, mal balsamisch weicher Klang, nicht zuletzt in den vielen Moll-Arien, die das Grundgerüst der Oper bilden. Das tönt immer warm und intensiv, drängt nach vorne oder bleibt fantastisch ruhig, ist auch dank Stefano Montanari am Pult des Staatsorchesters im Prinzregententheater farbig und zugleich deutlich phrasiert und im Klang gerundet.

John Holiday (Ruggiero) ist ein betörender dramatischer Countertenor, Avery Amereau verleiht der verlassenen Geliebte Bradamante warmen Mezzoglanz © Geoffroy Schied

Das ist die perfekte Grundlage für die Singstimmen: Allen voran das einstige Liebespaar Ruggerio und Alcina. Er ist in Gestalt von John Holiday ein betörender dramatischer Countertenor, der am schönsten leise und in der Mittellage singt, aber auch fulminante Spitzentöne herausschleudert. Ähnlich Jeanine De Bique, die zwar in der Höhe und ebenfalls mit verhaltenem Singen punktet, deren Stimme in der Mittellage allerdings wohl durch zu viel Druck unschön zu klingen beginnt. Dafür ist sie bis zur Pause mit ihrem pinken, zur Hälfte schulterfreiem langen Kleid eine bezaubernde Erscheinung. Wie umgekehrt alle anderen Personen in elegantem Unisex gekleidet sind – in weitgeschnitten Hosenanzügen mit schönem Muster.

Bradamante, die von Ruggiero verlassene Geliebte, macht sich auf die Suche nach ihm. Avery Amereau gibt der Partie warmen Mezzoglanz, während Elsa Benoit als Morgana, Schwester Alchinas feine Sopranfäden zu spinnen imstande ist. Oronte, Liebhaber Morganas und Heerführer Alcinas wird bei Julian Prégardien von einen Tenor mit ebenso natürlichem Ton verkörpert wie er stilsicher singt. Gerrit Illenberger als Vertrauter Bradamentes, gibt dem Melisso auftrumpfenden Bariton-Glanz. Last but not least ist Carine Tinney als Oberto auf der Suche nach seinem Vater ein substanzreicher lyrischer Sopran. Am Ende bleibt ein musikalisch spannender, ja überwältigender Abend bei mauer Szene, auch wenn sich die Regisseurin im Programmbuch eloquent über das Werk äußert.


«Alcina» – Georg Friedrich Händel
Bayerische Staatsoper · Prinzregententheater (München)

Kritik der Aufführung am 16. Juli 
Termine: 18./21./25./28. Juli