Tiroler Festspiele Erl

Arglose Watte-Generation?

Die österreichische Erstaufführung der Interview-Oper «We Are The Lucky Ones» in Erl zeigt Sentimentät aus der Wohlstandsblase

Roland H. Dippel • 20. Juli 2026

Zeitgeschichte als Wohlfühlzone: Ensemble © TFE/Scheffold Media

Erst die Uraufführung im März 2025 beim Opera Forward Festival in Amsterdam, dann eine Wiederaufnahme bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle mit den Bochumer Symphonikern und jetzt die österreichische Erstaufführung mit dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl im Festspielhaus. Wenn man dem offenbar elektroakustisch verstärkten Schlussapplaus zu vertrauen gewillt ist, könnte man an einen emotionalen Erfolg glauben – inklusive des wie bei einem Schlagerfestival zugespielten Rausschmeißer-Songs der vor wenigen Tagen verstorbenen Bonnie Tyler. So genau muss man es also mit dem angekündigten Gehalt des 100-Minuten-Opus, bei dem eine ganze Generation aus den Wohlstandszonen zur Hauptfigur wird, nicht nehmen. Die Pop-Legende Tyler war in den 1950ern geboren und damit am jüngsten Altersrand zu den in den 1940ern geborenen 70 bis 80 Menschen, deren Interviews über ihr Leben die Dramatikerin Nina Segal und Ted Huffman in ein Textbuch mit 64 Szenen verwandelten. Philip Venables (geb. 1979) erweist sich in seiner Komposition als sanft, rund und möglicherweise etwas müde. Von der angestrengten Intensität zum Beispiel in seiner Oper «4.48 Psychosis» nach dem Bühnentext von Sarah Kane spürt hier man wenig. Segal legte einen Text vor, dem es an Konfliktschärfe und Tiefenschürfung fehlt, weil er die Dramatik des menschlichen Lebens letztlich glättet.

Erinnern an „goldene Jahre“: Frederick Ballentine (Six) © TFE/Scheffold Media

Intendant Jonas Kaufmann holte jetzt diese wattierte Wohlfühl-Oper, die ganz dezent und gewiss nicht schmerzend an die sentimentalen Gene rührt, nach Erl. Kooperationen und Übernahmen werden lange vorab vereinbart. Und hier zeigte sich einmal mehr, dass der Drang zu den großen Orten und Namen des Opernbusiness nicht zwangsläufig zu überwältigenden oder relevanten Resultaten führt. Der von Huffman als Spielfläche gesetzte Rundsteg um den Orchestergraben vor dem mit vielen weißen Blättern beklebten eisernen Vorhang eignet sich für vielerlei. Für die telegenen Bewegungen seines Ensembles ist diese Studio-Sterilität, die niemandem wehtun will, das passende Ambiente. Hier plaudern acht Menschen überwiegend mit ariosen Floskeln über das, was in ihrem Leben zählt. Dass es sich dabei um die Generation der in den 1940ern Geborenen handelt, merkt man nicht an den Kostümen der die Erler Übernahme einstudierenden Kostümbildnerin Sonoko Kamimura.

Die namenlosen Figuren sind durchnumeriert von One bis Eight. Deren Outfits in Schwarz/Weiß und Pastellfarben könnten aus jedem Streifen sein, in dem es um eine sommerliche Mittelschichtsparty geht. Eine Frau sorgt sich darum, dass niemand ihre alten Möbel haben möchte. Ein Senior zeigt sich beglückt über die Spielstunden mit den Enkeln, und ein Mann jauchzt, dass er jetzt doppeltes Gehalt bei gleichem Arbeitsaufkommen erhält. Ted Huffman macht keinen großen Unterschied fest, ob die interviewten Personen aus US-Amerika oder Europa stammen. Hängen bleibt, dass eine Figur bedeutungsschwer „1989“ in den Raum seufzt. Die Flugzeuge mit dem Ziel Twin Towers kommen in der Videocollage von Nadja Sofie Eller und Tobias Staab einprägsam lange ins Bild. Die Generation der in den 1940ern geborenen wirkt naiver in diesem opernhaften Panorama, als sie es offensichtlich war. Das hätte sie nicht verdient, obwohl die „Forties“ zum Erleben der Desaster der Zweiten Weltkriegs zu jung waren und für die neuen Herausforderungen durch KI, Diversität, globale Gesellschaft und synthetische Biologie (fast) zu alt sind.

Die Choreographie von Pim Veulings setzt so wenige Brüche wie das Licht von Bertrand Couderc und die Klangfarben des von Bassem Akiki geleiteten Orchesters. Diese haben schöne und manchmal atmosphärische Momente, welche dramatische Verdichtungen ausklammern – insbesondere die spannenden. Es ist nur wenig wahrscheinlich, dass es in dieser Generationen keine Traumata von Vietnam-Versehrten, Opfern der Weltfinanzkrise von 2007/08 sowie anderer sozialer und politischer Knickstellen gegeben hatte. Wesentlicher: Die erwähnten historischen Ereignisse wirken distanzierter und damit belangloser, als sie es waren. Zeitgeschichte im glättenden Nebel.

Knapp vorbei an großen Themen des 20. und 21. Jahrhunderts: Alex Rosen (Eight) © TFE/Scheffold Media

Man sieht in Erl das gleiche Ensemble wie in Amsterdam und Bochum: Claron McFadden, Jacquelyn Stucker, Nina van Essen, Helena Rasker, James Kryshak, Frederick Ballentine, Germán Olvera und Alex Rosen. Eine akzentuiert und engagiert gecastete Mischung von Ethnien und zumeist glatten Charakteren. Trotzdem hat man immer wieder den Eindruck, dass dieses Pastellfarben-Panorama entscheidende Aspekte vorenthält. Zu deren Profiteuren gehören diejenigen, welche heute auf den von der dargestellten Generation eroberten Standards der Gendergleichheit und Emanzipation beharren. Gewiss hat «We Are The Lucky Ones» einen gehobenen Unterhaltungswert, der das Werk in die Nähe eines gepflegten Musicals rückt. Einen Relevanzgewinn für die Kunst- und Ausdrucksform des Musiktheaters dürfte die Oper allerdings nicht signalisieren. Schade.

Am Ende trat das groß besetzte Orchester auf die Spielfläche, das in seiner Tuttiwirkung von Venables kaum groß genutzt wurde. Auch die Musik ließ jene dokumentarische Deutlichkeit vermissen, welche dem Sujet hätte höhere Bedeutung verleihen können. Oft heißt es, ein Werk sei weiser als seine Schöpfer. Hier ist es umgekehrt. In dem Interview für das Programmheft erwähnen Segal, Huffman und Venables einiges, was man aus ihrer Oper gern hätte deutlicher vernehmen wollen. So verlässt man diesen Festspielabend vor allem mit der Frage, ob „lucky“ oder „happy“ das passendere Wort für das dargestellte Leben in der Komfortzone ist.  


«We Are The Lucky Ones» – Philip Venables
Tiroler Festspiele Erl · Festspielhaus

Kritik der Premiere am 18. Juli 2026
Termin: 24. Juli