So alt und doch so neu #1

Liegt die Zukunft hinter uns?

Zur ersten Folge der Internetstream-Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert: Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt“

Willi Patzelt • 23. Juli 2026


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Der Dirigent Maximilian Haberstock und der Journalist Willi Patzelt analysieren und diskutieren über die musikalische Vergangenheit und Zukunft © Haberstock

Was auch immer genau „Klassische Musik“ sein mag – sie befindet sich in einer merkwürdigen Situation. Nie zuvor standen so viele Werke der Vergangenheit so direkt zur Verfügung wie heute. Nie zuvor konnte man mit wenigen Klicks zwischen Gregorianik, Monteverdi, Bach, Beethoven, Wagner, Mahler und Ligeti wechseln. Und doch wirkt die musikalische Gegenwart oft erstaunlich orientierungslos. Während die technischen Möglichkeiten wachsen, scheint die Frage schwieriger geworden zu sein, wohin die eine kulturelle Entwicklung eigentlich gehen soll.

Das war nicht immer so. Das 19. Jahrhundert verstand sich als Zeitalter des Aufbruchs. Eisenbahn, Industrie, Nationalstaat, Wissenschaft – überall schien Bewegung zu herrschen. Gleichzeitig entstand jene Musik, die bis heute den Kern des Konzertrepertoires bildet. Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms, Bruckner, Wagner oder Mahler waren nicht nur Komponisten. Sie waren Menschen, die ihre Gegenwart als Teil einer großen geschichtlichen Bewegung verstanden. Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück. Denn viele Fragen, die uns heute beschäftigen, wurden bereits damals gestellt. Was verbindet eine Gesellschaft? Woher kommen kulturelle Identität und Gemeinschaft? Wie geht eine Epoche mit Umbrüchen um? Und welche Rolle kann die Kunst dabei spielen?

Die Moderne des 20. Jahrhunderts, vor allem nach der großen deutschen Katastrophe, glaubte lange, die Antwort gefunden zu haben. Quantitativer Fortschritt bedeutete qualitativen Fortschritt. Das Neue besaß per se einen Eigenwert. Tradition erschien oft als etwas, das überwunden werden musste. Insbesondere unter Stichworten wie „Materialkritik“ wurde das nicht zuletzt in der Darmstädter Schule deutlich, deren ideologische und personelle Parallelen – man denke an Theodor W. Adorno – wiederum zur für die Bundesrepublik so prägende Frankfurter Schule offensichtlich sind. Doch nach den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts und den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit scheint dieses Vertrauen brüchig geworden zu sein. Die großen Zukunftserzählungen haben ihre Selbstverständlichkeit verloren.

Hängt das möglicherweise zusammen? Brauchen große künstlerische Zukunftserzählungen für einen qualitativen Fortschritt ein tradiertes Fundament? Dieser Schluss liegt freilich nahe. Das Argument hierfür soll keine Nostalgie sein; doch lebt Kultur nicht maßgeblich von Überlieferung? Wer nur nach vorne blickt, verliert irgendwann den Kontakt zu dem, was ihn trägt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Tradition und Innovation Gegensätze sind. Vielleicht entsteht das Neue gerade dort, wo man die alten Quellen wiederentdeckt. Das gilt besonders für die klassische Musik. Sie ist keine Sammlung musealer Meisterwerke, die man möglichst unverändert konservieren müsste. Sie ist eine lebendige Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Jede Interpretation, jede Aufführung und jede künstlerische Entscheidung steht in einem Gespräch mit der Vergangenheit.

Genau diesem Spannungsfeld widmet sich die neue Gesprächsreihe „So alt und doch so neu“, in der ich mit dem jungen Münchner Dirigenten Maximilian Haberstock der Frage nachgehe, welche Quellen klassische Musik im 21. Jahrhundert inspirieren können – und weshalb ausgerechnet der Blick zurück manchmal doch progressiver sein kann, als es zunächst scheinen mag. Die erste von zwölf Folgen führt dabei ins 19. Jahrhundert. In jene Epoche, deren Fragen uns womöglich näher sind, als wir glauben. Denn möglicherweise ist die zuvor implizierte Behauptung, das 19. Jahrhundert wäre so anders gewesen als das 21. Jahrhundert, im Grunde nach eigentlich falsch.

 


 

Der Dirigent Maximilian Haberstock kann mit 21 Jahren bereits auf eine steil ansteigende internationale Karriere im symphonischen wie im Opernrepertoire verweisen. Er ist Gründer und Chefdirigent des Münchner Festspielorchesters (ehemals Junges Philharmonisches Orchester München), eines internationalen Ensembles von 97 herausragenden jungen Musikern aus 32 Nationen, mit dem er seit 2023 in renommierten Konzerthäusern wie dem Mozarteum Salzburg, der Alten Oper Frankfurt, dem Smetana-Saal Prag und dem Herkulessaal München konzertierte. Bevor sich Haberstock ganz dem Dirigieren widmete, wurde er als Pianist vielfach ausgezeichnet und gewann zahlreiche erste Preise im Fach Klavier. Er trat unter anderem in der Carnegie Hall sowie gemeinsam mit Lang Lang im Schloss Bellevue auf Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf. Seitdem war er Junior Conducting Fellow des Verbier Festivals, Dirigierassistent von James Gaffigan und bislang jüngster Teilnehmer der Gstaad Conducting Academy.

Geboren 2000 in Dresden, arbeitet Willi Patzelt als Musikkritiker in München. Seine musikalischen Schwerpunkte liegen in Oper, Symphonik, Kammermusik und Lied, besonders der deutschen Romantik, daneben in geistlicher Chormusik und Operette. Nach Stationen in England und Istanbul lebt und arbeitet er in München. Dort studiert er Rechtswissenschaften und beschäftigt sich besonders mit Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. Zudem ist er im Bereich Gesellschaftsrecht und Mergers & Acquisitions für eine internationale Wirtschaftskanzlei tätig.