Salzburger Festspiele
Fein schattierte Emotionen
Benjamin Bernheims idealer Werther mit hochklassigem Ambiente und optimalem Promotion-Appeal im Großen Festspielhaus
Roland H. Dippel • 30. Juli 2026
Ohne explizite Konzeptreiterei ist dieser Salzburger Festspielsommer mit der Programmgestaltung des im März geschassten Intendanten Markus Hinterhäuser eine Akkumulation französischen Musiktheaters: Pascal Dusapins «Passion», Bizets «Carmen» in der von Teodor Currentzis kantig exekutierten Neuedition des Bärenreiter Verlags, Olivier Messiaens «Saint François d'Assise» zum im Domquartier wegen des für Salzburg wichtigen Franziskanerordens und zur Sonderausstellung „LebensKunst“ zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi. Dazwischen eingeflochten zwei konzertante Vorstellungen von Jules Massenets lyrischem Drama «Werther». Mit diesem feiert die Festspielleitung – jetzt die für zwei Jahre als Interims-Intendantin eingesetzte Karin Bergmann statt Hinterhäuser – , dazu der Klassik-Markt und das Publikum die charismatische Dreifaltigkeit von Personenkult, Opulenz sowie der Exklusivität durch Exzellenz und Eliten. Zeitgleich zur «Werther»-Premiere erhielt Hinterhäusers Auftritt beim Liederabend mit Matthias Goerne stürmische Ovationen.
Lauter Applaus brandete auch im Großen Festspielhaus für den französischen Tenor Benjamin Bernheim und das gesamte Ensemble empor, das pure Klatschen nach den Bravi-Chören wirkte leicht schütter. Bei der 1892 an der Wiener Hofoper in deutscher Übersetzung uraufgeführten Goethe-Adaption sind lyrische Detailversessenheit, deklamatorische Finesse und die Aussage hinter der polierten Phrasierung viel wichtiger als Belcanto-Schmelz und mit Tenor-Testosteron gepolsterte Spitzentöne. Bernheim ist seit seinem Partiendebüt in Bordeaux 2022 der führende Vertreter dieser zu den wichtigsten Tenor-Herausforderungen zählenden Partie. Er hat «Werther» längst zu einem Teil seines individuellen Profils gemacht und damit den ebenfalls um den Werther-Olymp ringenden Juan Diego Flórez ausgestochen. Bernheim wird sich wohl auch gegenüber dem sich ab Mai 2027 an der Bayerischen Staatsoper eher mit italienischer Spinto-Textur auf Werther stürzenden Jonathan Tetelman behaupten. Nicht zuletzt erreichen die beiden Salzburger Aufführungen ohne Streuverlust fast 4500 potenzielle Interessenten für den vom Label Deutsche Grammophon angekündigten Livemitschnitt mit Bernheim, Marina Viotti und dem Orchester Les Siècles unter Marc Leroy-Calatayud. Diese enthält eine bisher immer gestrichene Passage aus der Sterbeszene.
An die Salzach kommt vom Brüsseler Münztheater das Orchestre symphonique de la Monnaie mit seinem Chefdirigenten Alain Altinoglu. In dieser vollständigen Aufführung treten die vielen Soli – Violine, Klarinette und das für Charlottes Tränenarie und im Orchestertableau der Weihnachtsnacht geforderte Saxophon – aus einer ungewöhnlich dunklen Klanggrundierung suggestiv hervor. Altinoglu lässt dem Gesangsensemble und den Instrumentalpositionen alle Zeit, die sie zum Auskosten der von Massenet aus vielen Schatten- und Betörungswerten zusammengesetzten Partitur brauchen. Immer wieder runden sich die den Impressionismus Debussys vorwegnehmenden Partikel zu Melodien, Ariosi und rezitativischen Repliken. Wenn Massenet ganze Satzkonstrukte wie Werthers Selbstmordabsicht, die zum Liebesmotiv wachsende Mondscheinmusik und die mit einem melancholischen Schimmer bedachte Heiterkeit von Charlottes junger Schwester Sophie wiederholt, findet Altinoglu immer wieder anders tönende Instrumentalrelationen, ohne Zug und Sog des starken Werkes zu vergessen. Das Orchester artikuliert souverän.
Bernheim verbeugt sich vor der Pause ohne Kolleg:innen. Er wiederholt die berühmte Ossian-Romanze auch beim zweiten Mal mit Applaus-Zäsur, obwohl da der fließende Übergang in die eskalierende Liebesszene mit der verheiraten Charlotte möglich wäre. Mit brillant fokussierter Durchdringung zeigt der Tenor, was für ihn die wichtigste Frage ist: Will Werther Charlotte wirklich haben oder will er eigentlich leiden? Immer wieder blickt Bernheim in visionäre Weiten statt auf die hinreißend agierende, blendend aussehende, dazu die Zerrissenheit Charlottes zwischen der von der verstorbenen Mutter aufgezwungenen Ehe und der Liebe für Werther mit filigraner Deutlichkeit aussingende Adèle Charvet. Sie war die ihr enormes Farbpotenzial jederzeit der Psychologie unterordnende und fulminant beste Wahl für die bereits vor einigen Monaten von dem Projekt zurückgetretene Marianne Crebassa. Bernheim lässt seinen emotionalen, klaren und fast weißen Tenor über Altinoglus ohne Fortissimo-Druck auskommendem Dirigat exquisit leuchten. Durch Charvet gerät er an eine Charlotte, die Emotion mit packend feinen Schattierungen ausdrückt. Für Charvet werden die durch ein intelligentes Casting noch größeren Herausforderungen zum Triumph.
Sandra Hamaoui ist weitaus mehr als ein Sopran-Fliegengewicht. Ihre Sophie wächst mit einer Charvet fast ebenbürtigen Intensität und Herzenswärme in die von Massenet in die Handlung gestupste Nebenpartie. Zudem wird Charlottes Konflikt zwischen dem bei Bernheim fast gläsern unphysisch wirkenden Seelenfreund Werther durch die Besetzung des Gatten durch den mit samten nachdrücklicher Virilität gestaltenden russischen Bariton Andrey Zhilikhovsky noch spannender. Diese Figuren-Trias um Werther spielt in Sachen Ausstrahlung und Intensität in einer ganz hohen Liga.
Alle agieren zum Glück ohne Notenständer und Klavierauszüge. So gerät der Abend fast zum psychologischen Kammerspiel, bei dem die Mitwirkenden viel eigene Persönlichkeit einbringen und alles mit nur zwei Neorokoko-Stühlen als Dekorationsstücken erkennbar wird. Bei dieser Intensität muss man nicht den vielfach herbeigeholten Vergleich zwischen Goethes epochalem Briefroman und Massenets fast 120 Jahre später entstandenen Vertonung erörtern. «Werther» wird erst recht zum Erfolg, wenn man so glänzende Genrefiguren hat wie den sich nachdrücklich für größere Aufgaben empfehlenden Manuel Winckhler als Amtmann, den kräftigen Tomislav Jukić als Schmidt, den pointiert agierenden Andrew Moore und das für seinen parodistischen Sekundenauftritt leider nicht angemessen gecoachte Paar Jack Lee (Brühlmann) und Hanna Park (Käthchen). Die sechs Soli aus dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor hatten vokale Chuzpe und spielerisches Profil (Einstudierung: Wolfgang Götz, Regina Sgier).
Das Modul „konzertantes Staraufgebot“ kann also noch immer viel zum Festspielglanz beitragen, obwohl das Dreieck von Glamour, Kulinarik und Promotion jenseits des Salzburger Kosmos längst nicht mehr unangefochten ist. Auch weil die Sanierung des Festspielquartiers und der Umzug in alternative Festspielstätten immer näher rückt, wirkte der Abend wie der Gang durch die Dämmerung einer mit Herbert von Karajans Vision begonnenen Epoche, zur Beglückung aller Anwesenden.
«Werther» – Jules Massenet (konzertant)
Salzburger Festspiele · Großes Festspielhaus
Kritik der Premiere am 29. Juli
Termin: 1. August