Donaufestwochen im Strudengau

Freiheitsmündigkeit gegen Freiheitsmüdigkeit

Uraufführung des Musiktheaters «Sophia – der Preis der Freiheit» frei nach Johann Sebastian Bach zum Start der Intendanz von Johannes Hiemetsberger in Oberösterreich

Roland H. Dippel • 02. August 2026

Pittoresker Schauplatz, kalte Zukunft © Reinhard Winkler

Ambitionierte Ensembles erhalten spannende Kreativkicks, weil Johann Sebastian Bach keine Bühnenwerke hinterließ. Diese Opernlücke in einem riesigem Werkverzeichnis setzt bei szenischen Produktionen der «Johannes-» und «Matthäus-Passion» sowie Pasticci, Parodien und anderen Bühnenarrangements packende Energien frei – teils in verspielter Form wie bei «Der Teufel im Lift» an der Neuköllner Oper in Berlin oder mit existenzieller Bedeutung wie in Thomas Höfts auch im Wiener Konzerthaus aufgeführter «queerPassion» nach der «Johannes-Passion». Johannes Hiemetsberger zeigte bei seinem Intendanzstart zu den 32. Donaufestwochen im Strudengau eine vergleichbar hohe Themenrelevanz wie Höfts Anklage gegen „Schwulenmord“: Bedeutet KI das Ende der individuellen Freiheit – oder ist KI der Aufbruch zu einem neuen Level des sozialen Lebens?

Unter den beeindruckenden Lichtlinien von Ingo Keip bricht mit dieser Uraufführung ein Thema von apokalyptischer Dimension in den akustisch optimalen Hof des Renaissance-Schlosses Greinburg. Bachs Musik erhält unter dem neuen Motto „Festival für Alte Musik und neue Begegnungen“ eine stilistisch versierte und hochdramatische Gewalt. Zum Glück bleibt das seit 2003 mitwirkende L'Orfeo Barockorchester weiterhin die künstlerische Säule der Donaufestwochen. Saskia Bladt, Composer-in-residence 2026, und der mit dystopischen Themen Bestseller generierende Autor Philipp Blom setzen ein hochaktuelles Sujet in Reibung zu Bachs Musik. Die Brechungen zwischen neuem Text und achtsam funktionalisierter Musik ergeben einen Theaterabend von hoher Aktualität. Schade ist allerdings, dass die musikalische Leitung und Ausführende bei dem moralische Grundfragen berührenden Ende mehr auf Sentimentalität als auf Deutlichkeit setzten. Das ist weder dem neuen Stück noch Bachs musikalischem Kosmos angemessen. Denn Bach schilderte neben dem religiösen Erlösungsversprechen immer die menschliche Anfechtbarkeit.

Kurze Annäherung trotz unüberwindbarer Meinungskonflikte: Sebastian Taschner (CEO Aris), Barbara Novotny (Leila) © Reinhard Winkler

Beeindruckend ist der Respekt dieses Auftragswerks vor den Originalen: Arien- und Chortexte aus Bachs «Weihnachtsoratorium» und «Matthäus-Passion» blieben meist unberührt. Die Handlung entwickelt sich in den Rezitativen und neuen Dialogen. Musiknummern erklingen original, wobei Bladt in die Instrumentation einige prägnante Störfaktoren, Verfremdungen und Wiederholungen setzte. Den Anspruch einer Überschreibung hat die Komponistin nicht. Die Produktion zeigt trotzdem deutlich den weltanschaulichen Kontrast zwischen der messianischen Heilsgewissheit bei Bach und Herausforderungen der Gegenwart aus den explosiv wachsenden Möglichkeiten. So gerät es fast zynisch, wenn der berühmte Eröffnungschor „Jauchzet, frohlocket“ aus dem «Weihnachtsoratorium» zur Hymne für die neue KI Sophia wird. Diese empfiehlt den Tod eines kranken Mädchens als optimale Lösung, weil dessen Pflege einen äußerst hohen menschlichen und finanziellen Einsatz bedeutet. Der auf Rendite und Marktführung bedachte CEO Aris und die Kellnerin Leila tragen die Diskussion über den Nutzen der ethisch zweifelhaften KI und ein Plädoyer für die bisherigen Menschenrechte aus. Leila ist die Mutter des schwerkranken Kindes. Sie jobbt deshalb fern ihres Heimatlands und lässt ihren Eltern für die Pflege beträchtliche Summen zukommen. Die KI Sophia artikuliert sich mit Bachs Motette „Fürchte dich nicht“. Leila lehnt einen wichtigen Jobs in Aris' Konzern ab, bei dem sie die KI Sophia mit oppositionellem Moralbewusstsein füttern soll. Zudem gelobt sie, über den fragwürdigen Entwicklungsszustand der KI in der Öffentlichkeit zu schweigen.

«Sophia – der Preis der Freiheit» gerät zur Gegenüberstellung der menschlich integren Leila und des kommerziell denkenden Aris an Grenzen. Die anderen Figuren sind Prototypen aus der Wohlstandsgesellschaft. Jede erhielt eine Arie und tritt mit dieser aus dem Kollektiv heraus. Alle Soli haben ein im Rahmen gehobener Sakralmusik bestens angemessenes Qualitätslevel. Sie werden von der Regisseurin Manuela Kloibmüller mit satirischer Selbstgefälligkeit vorgeführt: Die Sopranistinnen Katharina Linhard (Thalia) und Barbara Achammer (Eleni), die Altistinnen Therese Troyer (Daphne) und Anna Kargl, der Tenor Jakob Gerbeth (Leonas) sowie die Bässe Maximilian Schnabel (Mika) und Daniel Menczigar (Elio). Auf dem Spielpodest mit dem an der Seite spielenden L'Orfeo Barockorchester setzt Isabella Reder in Ausstattung und Gegenwartskostümen keine scharfe Zäsur zwischen Renaissance-Ambiente und Sujet. Das ermöglicht der Regie auch komödiantische Akzente.

Alle dafür, eine dagegen - und das existenziell: Barbara Novotny (Leila, Mitte unten) © Reinhard Winkler

Gegen Schluss dominieren Sebastian Taschner als CEO Chef Aris und die Schauspielerin Barbara Novotny als Leila. Es geht weniger um beider unterschiedliche Herkunftssphären als das, wo es zwischen Freiheitsmündigkeit und Freiheitsmüdigkeit derzeit zu massiven Diskursen kommt. Die Kritik an KI-Fakten prallt auf bereitwillige Akzeptanz ohne Willen zur reflektierten Verantwortung. All das wird angerissen und – gemessen an der kurzweiligen Spieldauer von knapp zwei Stunden – mit ernstzunehmendem Anspruch erörtert. Bachs Jubelmusik selbst ist das Mittel der höheren Ironie bei der Darstellung von Autonomierisiken durch die sich ohne Limits optimierende Kommunikationstechnologie. Es gehört zur schönen neuen Welt dieses Pasticcios, dass die KI ausgerechnet Sophia heißt und damit den Namen des Ideals von Weltwissen und Weltseele aus der humanistischen Philosophie trägt. Ganz unspektakulär denken Blom, Bladt und Kloibmüller die Dystopien „The Circle“ und „Every“ von Dave Eggers weiter. Auch unter dem Aspekt, dass die Menschheit sich ohne Altenrnative den von ihr geschaffenen Systemen ausliefert. 

Dieses Musiktheater bleibt bestechend klar zwischen dem Druck einer bemüht objektiven, aber fehlerhaften Vernunft und dem Kampf um das, was menschliche Verbindlichkeit ausmacht. Der in der Nummernfolge aufgerissenen Tragweite geht es weniger um Richtig oder Falsch als um die Schwierigkeit in Umgang mit KI. Die Selbstgewissheit des CEO Aris steht auf auf einem ziemlich wackligen Fundament , was Teschner stellenweise durch Kurzatmigkeit und flache Töne verdeutlicht. Novotny dagegen spricht ihre Texte mit warmer Selbstsicherheit: Die musikalische Gestaltung hätte durch einen in Musiktheater erfahrenden Klangkörper wie das L'Orfeo Barockorchester zum schroffen Duell zwischen den Fronten werden können. Wie im Kino oder in älteren Opern kommt es fast zur amourösen Annäherung zwischen den beiden Hauptfiguren. Doch die Allianz zwischen Aris und Leila löst sich dann schnell auf. Insofern hat dieses Pasticcio das Potenzial für weitere Inszenierungen, die weniger musikalische Scheu vor den Kanten der Handlung zeigen. Die Begeisterung des Publikums für diesen hochaktuellen Beitrag zum Festspielsommer 2026 war groß.

                  
«Sophia – der Preis der Freiheit» – Johann Sebastian Bach / Saskia Bladt
Donaufestwochen im Strudengau · Schloss Greinburg, Grein an der Donau 
(bei Schlechtwetter im Rittersaal)

Kritik der Premiere am 1. August
Termine: 2./7./8./9. August