Bayreuther Festspiele
Tribun an neuem Spielort
Ein weibliches Regieteam setzt in «Rienzi» auf Überwältigung und liefert mehrere Lesarten. Andreas Schager gestaltet die Titelfigur phantastisch
Sabine Busch-Frank • 04. August 2026
Richard Wagner wird gerne mit dem Satz „Kinder, macht Neues“ zitiert, und doch ist sein Festspielhaus in Bayreuth längst zum Backstein-Schrein mumifiziert: Zehn Werke des heiligen Kanons, die der Meister selbst ausersehen hat. Von ihnen wird jeden Sommer meist eines neubefragt und andere aus vorangegangenen Inszenierungen wieder aufpoliert, damit sich die Gemeinde andächtig oder, wie vielfach zu beobachten, übellaunig maulend wieder zur Bescherung versammeln kann. Im Jubiläumsjahr, die Festspiele feiern 150. Geburtstag, sollte nun eigentlich einmal und ausnahmsweise das Gesamtwerk zu sehen sein, ähnlich wie es die Münchner Staatsoper 1983, Breslau in den Jahren 2002-2006 und dann Leipzig 2022 vorgemacht hatten. Nun sind das alles stehende Häuser, die auf Repertoire, Ensemble und gewachsene Strukturen zurückgreifen können. Die Bayreuther Festspiele sind nicht nur ein Sommertheater mit nur einer minimalen Anzahl fest Angestellter, sondern auch finanziell seit Jahren weniger üppig aufgestellt, als zu wünschen wäre.
Zumindest elf der dreizehn Werke, das Frühwerk schamhaft auslassend, sollten im Jubiläum dennoch auf dem Spielplan stehen. Aus dispositionellen und finanziellen Gründen schrumpfte der Spielplan dann auf einen neuen «Ring des Nibelungen», die Wiederaufnahmen von «Parsifal» und «Der fliegende Holländer» sowie die historische Premiere von «Rienzi, der letzte der Tribunen». Wirklich neu ist der Spielort, schließlich war «Rienzi» schon 2013 einmal am Rande der Festspiele zu sehen, damals aber in einer Mehrzweckhalle, knapp 2000 Meter Luftlinie von Richards heiliger Halle, dem Festspielhaus, entfernt. So gibt es 2026 selbst für versierte Hügelfans etwas Neues zu entdecken: Eine neue Strichfassung wurde erstellt, frisches Notenmaterial bereitgelegt, Musik für die traditionellen Fanfaren vor jedem Akt ausgewählt. Dann, auch das ungewöhnlich, gab es fünf Akte mit zwei Pausen statt der sonst hier typischen drei, denn Wagner orientierte sich bei seiner frühen Oper an Frankreich statt an Italien.
Vor allem aber konnte man gespannt sein, wie er in dieser unverwechselbaren Akustik des Festspielhauses erklingt, dieser frühe Wagner im XXL-Format, der gerade mal ein gutes Jahr vor dem «Holländer» entstand, welcher hier ja regelmäßig gespielt werden darf. Für die Neuinszenierung zeichnet ein weibliches Team verantwortlich, und auch das ist an diesem traditionsverliebten Theater bemerkenswert. Erst zum dritten Mal steht mit Nathalie Stutzmann eine Frau am Pult des mystischen Grabens, nach Cosima und Katharina Wagner sind die Ungarinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka sogar die ersten Regisseurinnen hier ohne Familienanschluss.
Richard Wagner sprach von seinem Rienzi als „Schreihals“, es gibt keine finale Fassung letzter Hand. Nach dem Tod des Meisters hat die Witwe eine erstellt und sie in Karlsruhe und Berlin inszeniert. Die Regisseurinnen, die auch Bühne und Kostüm verantworten, haben viel nachgedacht über Wagners ungeliebtes Kind. Herausgekommen ist ein durchaus sehenswerter Abend: Ihr aufwendiges Bühnenbild, variabel und effektvoll, steht mit Filmeinspielern, Live-Kamera und mehreren Bildschirmen für die große Überwältigungsstrategie des Teams: Chatverläufe, Prompts aus den sozialen Medien, dazwischen ein Bibelzitat ergänzen die Bilderflut, ständig stieren Chor und Soli auf ihre Mobiltelefone, die futuristisch leuchtend die neusten Nachrichten vermelden.
Ästhetisch werden gleich mehrere Lesarten an einem einzigen Abend gegeben: Da gibt es die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Demagogen, der sich wider Willen vom Retter zum Despot entwickelt und schließlich daran scheitert, an sich selbst verzweifelnd Hand an sich zu legen. Von der eigenen Schwester auf sein Verlangen hin erstochen, schreitet er nach gut vier Stunden Herrschaft, Krieg und Mord auf einen Tunnel aus Licht zu mit den Worten: „Der letzte Römer fluchet Euch: So lang die sieben Hügel Romas stehn, so lang die ew`ge Stadt nicht soll vergehn, sollt Ihr Rienzi wiederkehren sehn!“
Zieht man, vom gut informierten Programmheft angeleitet, die Parallele zu Mussolini und Hitler, kann einem das „Bravo“ da schon mal im Halse stecken bleiben. Dem phantastisch gestaltenden Andreas Schager gegenüber, der diese Rolle seit über 15 Jahren im Repertoire hat und sie musikalisch wie szenisch so traumwandlerisch beherrscht, dass wirklich keine Wünsche offenbleiben, wäre das aber natürlich nicht zu rechtfertigen.
Zwischendurch meint man, dass Altmeister Otto Schenk vorbeigeschaut hat, um zu einer Ballettmusik im zweiten Akt eine seiner bekannten Opernparodien zu inszenieren: Fast 30 Statistinnen und Statisten liefern da im Schnelldurchgang Szenen aus dem «Ring», «Lohengrin», den «Meistersingern» und «Parsifal» ab, dazwischen sieht das Publikum sich selbst während der Festspielpausen auf der Bühne gespiegelt: Sturm auf die Bar und entwürdigende Toilettenschlangen. Dann freilich weiß man auch wieder, dass man im Festspielhaus sitzt, denn wo bitte außer hier wird bei solch einer Szene oder extra gesetzten Applauspausen der Dirigentin nicht geklatscht?
Ein bisschen Familienaufstellung ist dann auch noch aufgeboten: Das Geschwisterpaar Irene und Rienzi ist einander inzestuös verfallen und nie über den Tod des kleinen Bruders, der offenbar einem Fieberkrampf erlegen ist, hinweggekommen. Aus dieser Situation kann sich die Schwester, gekonnt gestaltet von Gabriela Scherer, selbst dann nicht lösen, wenn mit der phantastisch präsenten und stimmlich auftrumpfenden Jennifer Holloway in der Hosenrolle des Adriano die große Liebe winkt.
Eine weitere Ebene der Inszenierung ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg. Allerdings kann diese am wenigsten überzeugen: Ja, Krieg lässt die Menschheit verrohen und den DAX ansteigen. Gestorben wird, während an anderen Orten die Buchungszahlen für Urlaube steigen. Kindersoldaten als letztes Aufgebot für die Ideale der Älteren hingemetzelt zu sehen ist schlicht unerträglich. Aber das ist nun mal leider gar nichts Neues, und die Bilder von theaterblutüberströmten Frontheimkehrern und zerstörten Wohnsilos wirken zu gewollt, um unter die Haut zu gehen. Krieg ist derzeit ja leider für viel zu viele Menschen erdrückend realer Alltag. Da verwundert es nicht, dass die Friedenstaube, domestiziert und als dauerkackende Großstadtplage versauernd, auch auf Bayreuther Screens nur noch in schwarzweißen Allerweltszenen matte Dauerschleifen zieht.
«Rienzi, der letzte der Tribunen» – Richard Wagner
Bayreuther Festspiele · Festspielhaus
Kritik der Aufführung am 3. August
Termine: 8./14./17./19./22./24./26. August