Bayreuther Festspiele
Als die Bilder denken lernten
Der zweite Abend des KI-«Rings» kommt beim Publikum gut an. Trotzdem werfen die live generierten Projektionen mehr Fragen auf als sie dazu dienen, die Handlung sinnfällig zu bebildern
Sabine Busch-Frank • 06. August 2026
Seltsamerweise ist sie plötzlich überall, diese nichtmenschliche Intelligenz mit ihrer Gestaltungswut. Der Bratwurststand wie die Spritz-Verkaufsbude in Bayreuth werben mit digital verfremdeten Richard Wagner-Porträts, als Pizzabote, Barbier und Friseur ist er in seiner Heimatstadt zu entdecken, gar als Markenbotschafter fränkischer Lebensmittel. Direkt am Puls der Zeit ist also der KI-«Ring» angesiedelt, und nachdem der erste Schreck über die karge Konzeption am Vorabend verdaut ist, hebt im Festspielhaus dann auch das Vorspiel zu «Die Walküre» in bekannter Dramatik an. Da stürmen Hundings Mannen orchestral durch den Wald, das Wetter tobt, die Hörner schallen martialisch, Pferde galoppieren und das Festspielorchester, wie immer hier völlig unsichtbar im Graben versenkt, lässt sich bei all dem nicht lumpen. Es ist ein Fest.
Wagner soll, wie seine Gattin treulich in ihr Tagebuch notiert hat, davon geträumt haben, nach dem unsichtbaren Orchester auch das unsichtbare Theater zu erfinden. Davon ist allerdings hier keine Rede. Der «Ring» 2026, konzipiert von Marcus Lobbes und Nils Corte, gibt sich nach dem hektisch bebilderten Einstiegsabend weiterhin bildersüchtig, jedoch zunächst viel ruhiger. Die Projektionen werden jeden Abend wieder von der KI live generiert, wobei sie auf eingespeistes Material zurückgreift. Trainiert wurde sie darauf, auf die Positionen von Sängerinnen, Sängern und den musikalischen Ausdruck des Orchesters zu reagieren, und daraus filmische Momente, aber auch die Lichtregie zu erzeugen, diskursstark, werk- und zeitgeschichtlich informiert soll sie auch sein.
So stürzt sie bei der hier gesehenen zweiten Aufführung der «Walküre» die Wiederbegegnung des Zwillingspaars Sieglinde und Siegmund in einen wahren Farbrausch: Orangefarbene, rote und helle Farbtöne herrschen vor, Szenenbilder vergangener Inszenierungen gruppieren sich immer wieder um die Singenden und bleiben dabei kontinuierlich in Bewegung, wiederholen sich auch.
Lässt man sich auf diese Vorschläge ein, kann man sich dann freuen oder ärgern und ahnt, wie sich synästhetisch veranlagte Menschen fühlen müssen, wenn ein Ton doch eindeutig blau ist und doch ganz falsch mit schwarzer Farbe im Heft notiert ist. Wenn doch schon die verzweigte Form des Eschenstammes so schön verfremdet im Zentrum steht bei dieser Walküre, mit gelbem Lichtfleck, passend zur wunderschön erblühenden „Wälse“-Passage, die Klaus Florian Vogt darbietet, warum wird das Bild dann plötzlich beige und wandelt sich in ornamental verschlungene braune Zahnräder? „Nie sollst Du mich befragen“, scheint die KI zu grinsen.
Die Sängerinnen und Sänger haben sich inzwischen von der strengen Konzeption freigespielt, die sie zum tatenlosen Herumstehen verdammt hat. Pantomimisch zieht Siegmund ein unsichtbares Schwert aus einem erdachten Baumstamm, immerhin berühren sich die Hände des Liebespaars, wenn es heißt „So blühe denn, Wälsungenblut!“, Hunding und Siegmund sterben aber dann stehend, bevor sie von der Bühne schleichen, und Wotan und Brünhilde halten einander bei der langen Abschiedsszene etwas planlos bei den Händen.
Michael Volle ist ein Wotan, der tapfer und wortgewaltig Beziehungsarbeit leistet, ob er an Gattin Fricka scheitert, die Anna Kissjudit nie schrill und immer besonnen die Oberhand behalten lässt, oder schweren Herzens und mit Weh in der Stimme seine Tochter verstößt. Camilla Nylund ist als Brünnhilde den ganzen Abend lang herrlich präsent und stimmlich balanciert, auch Elza van den Heever füllt die anspruchsvolle Partie der Sieglinde von den zaghaften Fragen des Beginns bis zu ihrer verzweifelten Flucht in den Wald – „O hehrstes Wunder! Herrlichste Maid!“ – perfekt aus. Selbst der brummige Hunding gewinnt in der Interpretation von Mika Kares an Transparenz und vor allem an jener prononcierten Textverständlichkeit, die zu den erfreulichsten Erkenntnissen dieser Inszenierung gehört. Das Publikum hat sich jedenfalls gewöhnt an die Lesart und feiert die Vorstellung einhellig.
Christian Thielemann, noch immer fasziniert von dem Akustikphänomen des Bayreuther Hauses, hat dafür gesorgt, dass die Spielfläche sich einige Meter hinter dem Proszenium befindet, was in Bayreuth den optimalen Mix von Stimme und Orchesterklang verspricht. So ist alles, auch die acht Walküren, zu deren Szene in Projektionen historische Walküren mit Schildern und Schwertern sowie Soldaten verschiedener Zeiten und Völker assoziiert werden, wirklich sehr, sehr schön anzuhören.
Ansonsten wünscht man sich vor allem ein Verzeichnis dieses Bilderfundus, denn allzu lange hängt man dieser Vorstellung den ständig wechselnden optischen Reizen nach: Wer war dieser asiatische Typ mit Glatze und Bart auf diesem Schwarzweißfoto eben, und Hoppla, kann das jetzt ein Porträt des jungen Lenins gewesen sein? Was stand da gerade eben kurz für eine Schrift eingeblendet, und welche Assoziation findet die KI zwischen Hitlerfotos und Wotans Abschied von seiner Tochter?
Verrückt genug, dass man solche Fragen nicht nur unbeantwortet mit nach Hause nehmen wird, sondern sie auch nicht durch das Befragen von Mitwirkenden, das Sichten von Szenenfotos oder einer anderen Vorstellung der gleichen Inszenierung lösen könnte. Ein anderes Mal ist eben alles anders.
In Rot und Orange, also einer durchaus naheliegenden Farbwahl, legt die Bildgewalt Brünnhilde dann plangemäß nach knapp unter vier Stunden Musik in den Feuerbann. Ein Hinweis auf die Olympischen Spiele 1936 und Szenenfotos aus dem Laser-«Ring» Harry Kupfers tauchen dazu auf, woraus sich eine Serie schroff aufstrebender Gebäude mit Kreuzen oder anderen Symbolen entwickelt. Vorhang.
«Die Walküre» – Richard Wagner
Bayreuther Festspiele · Festspielhaus
Kritik der Vorstellung am 5. August
Termin: 13. August
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