Salzburger Festspiele

Emotionale Grenzgang-Expertise

Die brillante Langversion von Christof Loys Corona-Produktion «Così fan tutte» im Großen Festspielhaus

Roland H. Dippel • 07. August 2026

Frauen unter sich: Elsa Dreisig (Fiordiligi), Lea Desandre (Despina), Victoria Karkacheva (Dorabella) © Monika Rittershaus

Die Premiere war bereits vor sechs Jahren. Aber da kam es wegen der Pandemie „nur“ zu einer im Hygienekonzept vertretbaren 2,25-Stunden-Fassung ohne Pause. Auch die Neueinstudierung im Salzburger Festspielsommer 2026 von Wolfgang Amadeus Mozarts letzter Opera buffa «Così fan tutte» enthält größere Striche. Von der Erstbesetzung 2020 waren fünf der sechs Soli wieder dabei, Marianne Crebassa hatte abgesagt. An ihrer Stelle sang Victoria Karkacheva die Partie der Dorabella. Nur sechs Figuren agierten also auf der Bühne des großen Festspielhauses in einem Kernstück des Salzburger Repertoires! Im Haus für Mozart, wo «Così fan tutte, ossia La scuogla degli amanti» (So machen es alle Frauen oder Die Schule aller Liebenden) meist angesiedelt wird, spielt man indes Richard Strauss' ebenfalls zur Salzburger DNA gehöriges Beziehungssymboltheater «Ariadne auf Naxos» und Rossinis Belcanto-Politikglosse «Il viaggio a Reims».

Das letzte Opus Mozarts auf ein Libretto von Lorenzo da Ponte beinhaltet moralische und scheinbar unlogische Anstöße für Vergangenheit und Gegenwart. Das Problemstück über die durch eine Wette initiierte Partnertausch-Aktion zweier Offiziere funktioniert auch im Großen Festspielhaus. Als Kammerspiel wird es auf dessen riesiger Bühnenfläche plausibel. Christof Loy, der tief schürfende Psychologie im Opern-Spitzensegment, der inhaltsintensiv arbeitende Bühnenbildner Johannes Leiacker mit einem Raum in Weiß und die mit zeitloser Gesellschaftskleidung in Schwarzweiß sekundierende Barbara Drosihn nehmen sich zurück. „Zwei Türen, die Figuren und die Musik“ nannte Loy seine Mittel. Er verzichtete auf alle äußeren Technikeffekte wie noch bei seiner Frankfurter «Così fan tutte»-Inszenierung 2008.

Verwirrung der Gefühle: Johannes Martin Kränzle (Don Alfonso), Andrè Schuen (Guglielmo), Elsa Dreisig (Fiordiligi), Victoria Karkacheva (Dorabella), Bogdan Volkov (Ferrando), Victoria Karkacheva (Dorabella) © Monika Rittershaus

Die Handlung ist für eine permissive Gesellschaft viel wahrscheinlicher und plausibler als für die bürgerliche Kernepoche vor 1968. Heute scheint zwischen Speed-Dating, One-Night-Stands und Endlos-Chats ohne Begegnung alles möglich. Ein zynisches und frauenfeindliches No-Go da Pontes bleibt allerdings: Ferrando und Guglielmo müssen über Kreuz ihre Bräute Dorabella und Fiordiligi in nur 24 Stunden „umnieten“, die Verliererseite ihrer Wette mit dem Kaffeehaus-Philosophen Don Alfonso eine ordentlich Stange Geld berappen. Da Ponte, der Paarverhalten mit Minenfeldern durchsetzt wie in der neueren Literatur Botho Strauß und Elfriede Jelinek, wurde für dieses Textbuch seit der Unterbrechung des Wiener Uraufführungserfolgs 1790 gebasht. Zustimmung erhielt dagegen Mozarts geniale Vertonung, allerdings nicht immer.

Loy und Joana Mallwitz dachten sich 2020 so messerscharf in diesen Werkkosmos hinein, dass mit 3,25 Stunden die noch immer ziemlich kurze Aufführung exemplarische Gültigkeit behält. Noch immer singt die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Jozef Chabroň) ihre stark reduzierten Nummern von der Bühnenseite und tritt nicht auf. Das schärft den Blick auf die sich körperlich sehr nahe kommenden Figuren in ihren intimen, vertraulichen, nachdenklichen oder zugespitzten Momenten. Loy verdeutlicht zwei wesentliche Aspekte. Bei ihm kippen Fiordiligi und Dorabella nicht arglos um, sondern begeben sich mit großer Nachdenklichkeit in die neue Paarbindung. Immer wieder suchen sich die früheren und jetzt bröckelnden Konstellationen. So erübrigt sich die Frage, ob die Fortführung der ursprünglichen Bindungen nach dem „Treuebruch“ überhaupt möglich sei. Denn alle wachsen in dieser Versuchsanordnung, sogar der Drahtzieher Don Alfonso. Die Selbsterfahrung aus diesem mehr emotionalen als hormonellen Clash werden die Figuren in ihr Leben integrieren. Deutlicher kann man das kaum nachzeichnen als in dieser um etwa 45 Partiturminuten gekürzten Einrichtung von 2020, von denen etwa 25 Minuten für die Neueinstudierung 2026 zurückgewonnen wurden.

Strohfeuer vor Neubeginn: Andrè Schuen (Guglielmo), Victoria Karkacheva (Dorabella) © Monika Rittershaus

Diesen Weg zeigt auch Joana Mallwitz mit den Wiener Philharmonikern, deren lange Tradition mit der in den Salzburger Festspielen seit deren Gründungsjahr 1922 verankerten Oper jeden Takt hörbar ist. Von Tendenzen zu einer historisch informierten Aufführung merkt man bestenfalls, dass Pedro Beriso am Hammerklavier neben den glänzend gestalteten Rezitativen auch immer in den Musiknummern mitspielt. Mallwitz setzt im langen ersten Teil auf eine Brillanz, als wolle sie das Glitzern von Habsburger Kürassiersäbeln und Epaullettensternen in Klängen meißeln. Zur Verdichtung von Gefühlseskalationen und Bedrängnissen wird Mallwitz später immer sensibler und blühender, als wolle sie das Seelenleben von Mozarts Figuren immer deutlicher nach außen kehren. Im zweiten Akt erfüllt sie alles, was das Premierenpublikum von einer Salzburger Mozart-Aufführung erwartet. Der Jubel über Graben, Ensemble und Regie wuchs entsprechend großartig, jubelnd und lautstark.

Es war spannend, wie sich die Soli-Temperamente seit der Wiedraufnahme 2021 veränderten oder stabilisierten. Eine insgesamt starke Leistung ist, wie die Rezitative mit mindestens so großem Nachdruck ins Große Festspielhaus fluten wie die großen Arien und Ensemblestücke. Andrè Schuen als Guglielmo und Bogdan Volkov als Ferrando fanden und steigerten ihre unbestreitbar hohe Affinität zu den Partien noch deutlicher. Ohne vokale Kompromisse zeigen sie Virilität und zugleich deren Zerbrechen. Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso wird dagegen immer nachdenklicher und angreifbarer. Als Figur des emanzipiert versachlichten Zeitgeistes agiert Lea Desandre. Die Angestellte Despina agiert fast auf Augenhöhe mit ihren Auftraggeberinnen. Desandre setzt Despinas Empfehlungen zum Umgang mit Männern mit der sachlichen Unverbindlichkeit einer Frau, die alles weiß und nichts zu stark an sich heranlässt. Victoria Karkacheva gibt eine Dorabella mit Form im Verhalten und pulsierender Sinnlichkeit in der Stimme. Das spannendste Ereignis ist Fiordiligi durch Elsa Dreisig, die mit relativ wenigen Bewegungen wirklich alles von Loy Geforderte ausdrückt. Während andere durch Extrempartien wie Donizettis Anna Bolena und Elisabetta in «Roberto Devereux» sich von Mozart entfernen, legt Dreisig diesen Zuwachs an Dramatik in ihre Fiordiligi und wächst so wie bei ihrer Pamina in der konzertanten «Zauberflöte» mit der Deutschen Kammerphilharmonie Berlin in eine desto sensiblere Mozart-Experience. Das hat schwer zu übertreffende Klasse und steigert den Eindruck dieser Salzburger Edel-«Così» überdies. Diese wird sich jüngeren Generationen mindestens so intensiv einprägen wie die Produktion von Günther Rennert unter Karl Böhm vor über 50 Jahren.   


«Così fan tutte» – Wolfgang Amadeus Mozart 
Salzburger Festspiele · Großes Festspielhaus

Kritik der Premiere am 6. August 
Termine: 6./11./13./17./22./29. August 

 

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