Bayreuther Festspiele
Helden des Hügels
Am dritten «Ring»-Tag stellt sich Routine ein, was soll man da noch diskutieren? Das lila Wunder, mit dem die KI diesmal «Siegfried» beendet, ist nicht konsensfähig
Sabine Busch-Frank • 08. August 2026
Die wahre Problematik des regiefreien «Ring»-Konzepts stellt sich in der Pause ein: Man hat nichts zum Diskutieren. Die Aufregung über die digitale Bilderflut ist nach zwei vorangegangenen Abenden abgeflaut, gut gesungen wird, ja, das schon. Und die Akustik! Einmalig. Für zwei jeweils einstündige Pausen reicht das aber nicht als Thema.
Bayreuth hat so seine Riten. In der ersten Pause kann man beispielsweise im sogenannten „Luftbad“ hügelaufwärts kneipen gehen, wo es auch zu halbwegs bürgerlichen Preisen Wiener Würstchen – andernorts „Frankfurter“ genannt – und Kuchen gibt. Tapfer waten hier auch Orchesterleute durchs kalte Nass, zu erkennen an ihren Hausausweisen und lustigen T-Shirts. „Wir Plumpen plagen uns schwitzend mit schwieliger Hand“ zitieren darauf beispielsweise die Bratschen den Riesen Fasolt aus Rheingold. Andere Hungrige pilgern hügelabwärts zum Schnitzelhaus, die „Was-kostet-die-Welt“-Fraktion speist bei „Wahnfood“ und die Sparsamen ziehen ihre Kühltasche aus dem Auto oder aus den roten, bei Ameisen begehrten Schließfächern vor dem Festspielhaus.
Am dritten «Ring»-Tag stellt sich auf dem Grünen Hügel, wo man mit einem «Ring»-Zyklus Stammplatzgarantie erwirbt, Routine ein. Man kennt den Sitznachbarn, der immer so unruhig ist, packt die erforderliche Dosis Lutschbonbons rechtzeitig aus dem Knisterpapier, und die Hinterfrau haut einem nicht mehr die Füße ins Kreuz, weil sie verstanden hat, dass jeder Sitz an empfindlichster Stelle eine Lücke im Holz hat. Sitzkissen sind in Bayreuth auf Nachfrage bei den Garderoben gratis erhältlich. Profis legen sie über die Rückenlehnen, die mehr drücken als die kordsamtbezogenen, dünnen Sitzauflagen.
Weil der hiesige Orchestergraben nicht eingesehen werden kann empfiehlt es sich, bei Verdunkelung des zweiten Lichterkranzes der Hausbeleuchtung zu verstummen, sofern man sich nicht den Grimm der Nachbarschaft zuziehen möchte. Inzwischen ist auch erprobt, nach welcher der drei Fanfaren der Sitzplatz angestrebt werden sollte, wobei natürlich jeweils ein Mensch aus dem Mittelfeld des Parketts unverzagt als Letzter kommen muss und sich in drangvoller Enge an dreißig anderen vorbeidrängt.
Der diesjährige «Ring» ist ein sehr demokratischer, denn hören kann man fast überall gut, und zu sehen gibt es ja nicht so viel. Menschen auf günstigen Plätzen freuen sich. Es ist ein auffallend diverses Publikum, das sich am Schrein des Meisters zusammenfindet: Viele englisch- und französischsprachige Festivalgäste, berufsbedingt Anwesende mit gekonnt blasiertem Blick, Japanerinnen im Kimono, ein Asiat in krachlederner Tracht, ein Schotte im Rock, großflächig Tätowierte und ein Herr im schwarzen Anzug, aber mit kurzen Hosenbeinen und verschiedenfarbigen Socken. Die Dresscodes reichen von leger bis staatstragend, die Altersrange erstreckt sich über sieben Jahrzehnte.
Die virtuelle Bildgeberin hat sich offenbar noch ein bisschen mehr entspannt. Manchmal lässt sie Bilder mehrere Minuten lang stehen und gibt Vorlieben zu erkennen: Tiere sind gern genommen, heute also der Drache und das Waldvögelein. Grane, das Pferd Brünnhildes, bekommt allerdings dieses Mal kein Bild von der KI. Weiterhin bietet sie aber reichlich Bayreuth-Inszenierungsfotos, die zwar zur jeweiligen Szene, allerdings nicht zur konkreten Situation passen, und heute hat sie eine Vorliebe für stilisierte Personen, die zu Felsen oder Naturformen mutieren. Gern doppelt die KI ihre Motive, dann zeigt sie die vordere Projektion meist spiegelverkehrt. Sie kann sehr gut Perspektiven errechnen und suggeriert damit eine variable Bühnentiefe. Der chronologisch ablaufende Rückblick auf Bilder aus Gesellschaft und Politik ist inzwischen bei der Mondlandung und der RAF angekommen. Die Erkenntnis, dass diese nichts mit der Oper zu tun haben, hat sich im Publikum durchgesetzt. Beeindruckend ist aber, wie die KI das Bildmaterial den Bewegungen der Singenden anpasst: Sie verändert Grafiken und Beleuchtung kontinuierlich, sodass möglichst jede und jeder der Solisten im optimalen Licht präsentiert wird.
Nicht konsensfähig allerdings ist das lilafarbene Schlussbild, das die KI ans Ende dieses «Siegfried» stellt: Mehrere verzerrte Liebespaare in Großansicht illustrieren die Schlusszeilen „leuchtende Liebe, lachender Tod“ und rufen unmittelbar nach Absenken des Vorhangs einen „Buh!“-Sturm hervor. Doch das lohnt nicht – nächstes Mal wird ja wieder alles ganz anders sein.
«Siegfried» – Richard Wagner
Bayreuther Festspiele · Festspielhaus
Kritik der Aufführung am 7. August
Termin: 14. August
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