Festwochen der Alten Musik

Göttliche Streithennen

Die auf zwei Abende aufgeteilte Cesti-Oper «Il pomo d’oro» begeistert in einer teilweise rekonstruierten Fassung von Ottavio Dantone, gespielt wird im Heute

Albert Gier • 17. August 2026

Drei Göttinen buhlen um einen goldenen Apfel: Shira Patchornik (Pallade), Sophie Rennert (Giunone) und Jone Martínez (Venere) © Birgit Gufler

Seit genau fünfzig Jahren gibt es in Innsbruck die Festwochen der Alten Musik, die sich längst als eines der bedeutendsten Festivals für die Pflege der Musik des Barock etabliert haben. Zum Jubiläum gibt es etwas ganz Besonderes: «Il pomo d’oro» von Antonio Cesti (Musik) und Francesco Sbarra (Libretto) hätte ursprünglich 1666, zur Hochzeit Kaiser Leopolds I. mit der Infantin Margarita Teresa von Spanien aufgeführt werden sollen. Dazu kam es nicht, weil die Braut erkrankte und verspätet in Wien eintraf und weil das Theater auf der Cortina, das eigens für die Aufführung dieser Oper gebaut wurde, nicht rechtzeitig fertig war. Letztlich gab es nur eine einzige Aufführung, an zwei Abenden im Juli 1668.

Die Musik zum dritten und vierten Akt hat sich nicht erhalten. Ottavio Dantone, künstlerischer Leiter der Festwochen und Dirigent der Aufführung, hat sie rekonstruiert und mit Musik aus anderen Werken Cestis ergänzt. In dieser Form scheint das Werk wie aus einem Guss, es sind keine Brüche wahrnehmbar.

«Il pomo d’oro» haftet das Etikett der Unaufführbarkeit an. Cesti hatte ungefähr acht Stunden Musik komponiert, 1668 in Wien wurde die Oper genau wie jetzt in Innsbruck auf zwei Abende verteilt – ein, wie es scheint, in der Geschichte der barocken Oper singulärer Fall. Der Aufwand war gewaltig: 23 Bühnenbilder (nicht gebaute Dekorationen, sondern gemalte Prospekte, aber dennoch); 39 Maschinen, vor allem Flugmaschinen; für Dekorationen und Technik war der berühmte Bühnenarchitekt Ludovico Ottavio Burnacini zuständig, der auch das Theater auf der Cortina baute. Insgesamt 47 Rollen waren zu besetzen, die sich in Innsbruck auf zwanzig Sänger verteilen.

Im Prolog wird die „Gloria austriaca“, der Ruhm des Habsburger-Reichs, gefeiert; die verschiedenen Länder werden meist von jungen Damen verkörpert, aber es sind auch Männer dabei, „Francia“ hat sogar einen Bart. Sie tragen Schärpen, auf die der Name des Landes oder der Region gestickt ist, was ein bisschen an eine Miss-Wahl erinnert.

Paride (links: Mauro Borgioni) verlässt Ennone für die schöne Helena, hier in Selfie-Laune mit Momo (Rocco Cavalluzzi) © Birgit Gufler

Nur sehr wenige Rollen sind so wichtig, dass ihre Darsteller keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen können: Das gilt vor allem für Ennone (hervorragend verkörpert von der Altistin Mathilde Ortscheidt), die Geliebte des Prinzen Paride (der Bariton Mauro Borgioni leiht ihm seine schöne Stimme). Anfangs sind die beiden sehr glücklich miteinander, aber wenn Jupiter Paride zum Schiedsrichter im Streit der Göttinnen Giunone (die Mezzosopranistin Sophie Rennert), Pallade (die Sopranistin Shira Patchornik) und Venere (die Sopranistin Jone Martinez) um den goldenen Apfel bestimmt, den Discordia, die Göttin der Zwietracht (die Mezzosopranistin Ester Ferraro), als Preis für die Schönste ausgesetzt hat, verspricht ihm Venere die schönste Frau der Welt (Königin Helena von Sparta) als Belohnung, wenn er ihr den Apfel zuspricht, und Paride kann der Versuchung nicht widerstehen. Er hält es nicht einmal für nötig, Ennone die Wahrheit zu sagen, heuchelt weiter Liebe, macht sich aber zu Schiff auf nach Sparta. Ihr Schmerz über seine Treulosigkeit nimmt in der Oper breiten Raum ein. Sie wird, hoffnungslos, wie es scheint, von dem Hirten Aurindo (der Countertenor Rémy Brès-Feuillet hat nur diese eine Rolle) geliebt, aber zuletzt folgt sie dem Rat ihrer Amme Filaura (wie alle Ammen in der Barockoper eine Rockrolle: der Tenor Alberto Allegrezza im Fettanzug ist einer der Lieblinge des Publikums), findet sich mit ihrem Schicksal ab und belohnt Aurindos Treue.

Momo, der Gott des Tadels und der üblen Nachrede (der Bass Rocco Cavallucci) wird in dieser Oper bemerkenswert differenziert dargestellt: Er lästert und spottet nicht nur, sondern hat Mitleid mit den unglücklich Liebenden Ennone und Aurindo, die er vor dem Suizid bewahrt und letztlich zum Happy End führt. Wenn andererseits Giunone aus Ärger darüber, dass der goldene Apfel nicht ihr zugesprochen wurde, einen sintflutartigen Regen auslöst, provoziert und verspottet sie Momo, indem er nicht in Deckung geht, sondern (mit Schirm!) dem Unwetter standhält.

Für das Bühnenbild wählte der Regisseur Fabio Ceresa „eine nahezu endlose Abfolge beweglicher Verwandlungen. Bühnenbilder, Kostüme und Licht folgen einander nicht als geschlossene Blöcke, sondern scheinen gemeinsam mit der Aufführung zu atmen“. Für Innenraum-Szenen werden auch die Möglichkeiten der Drehbühne genutzt: Man sieht z.B. Ennones Schlafzimmer und daneben das Bad. Die Einrichtung verweist auf die heutige Zeit.

Der Hirte Aurindo (hinten: Rémy Brès-Feuillet) hilft Ennone (Mathilde Ortscheidt) über ihren Schmerz hinweg © Birgit Gufler

Speziell im Olymp, wo die Götter im ersten Akt fröhlich zechen, dominieren bei den Kostümen und im Hintergrund helle, leuchtende Farben – es ist offensichtlich eine fröhliche Gesellschaft, die hier feiert. Die drei Streithennen sind an der Farbe ihres Kostüms zu erkennen: Gelb für Giunone, blau für Pallade und natürlich rot für Venere. Sie geben sich so aggressiv und präpotent, wie man es von Göttinnen, die provoziert worden sind, erwarten kann.

Überflüssigerweise gibt es auch einen kurzen Auftritt von Donald Trump, der allerdings gewaltig abgenommen hat; und statt der bekannten roten trägt er – welch ein Stilbruch – eine gelbe Krawatte.

Das Publikum hat zurecht viel Freude an diesen beiden Abenden. Unter der kundigen Leitung von Ottavio Dantone spielt die Accademia Bizantina gewohnt engagiert und präzise. Der Chor und die beiden Tanzensembles (Street Motion Studio und Compagnia Fattoria Vittadini) tragen wesentlich zum Gelingen der beiden Abende bei. Auf den CD-Mitschnitt und die DVDs, von denen ebenfalls die Rede ist, kann man sich freuen.


«Il pomo d’oro» – Antonio Cesti
Festwochen der Alten Musik ∙ Tiroler Landestheater

Kritik der Aufführung am 7. und 8. August