Kalchschmids Albenpanorama

08/2026

Spätsommer-Empfehlungen: Gesamteinspielungen von Monteverdi- und Verdi-Opern sowie eine außergewöhnliche Interpretation der «Schönen Müllerin» durch Georg Nigl

Klaus Kalchschmid • 18. August 2026


OPERN∙NEWS stellt diesen Beitrag kostenlos zur Verfügung.
Unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit mit einem Förderabo!



Es ist das erste große Meisterwerk der noch jungen Gattung Oper und bis heute in zahlreichen Aufnahmen erschienen, mal mit einem Tenor, mal einem Bariton in der Titelpartie besetzt. Claudio Monteverdis «L’Orfeo» erschienen zuletzt als Einspielung mit dem lyrischen Tenor Julian Prégardien und Les Épopées unter Leitung von Stéphane Fuget. Es ist nicht nur dank Prégardien eine mustergültige Einspielung, vor allem aber wegen ihm. Er beherrscht als thrakischer Sänger, der seine geliebte Euridice gleich zweimal verliert, alle Spielarten des Barockgesangs zwischen ausdrucksvollem Rezitativ, expressiven Sologesängen und fast rhythmisch-metrisch freiem Singen und setzt sie im Dienste des Dramas ein. Gwendoline Blondeel ist eine wunderbar lyrische La Musica und eine feinstimmmige Euridice. Marie Perbost überzeugt als Ninfa und Proserpina, Eva Zaïcik als Messagiera, die dunkle Botin des Todes und Speranza, die Hoffnung. Mit dunklen Männerstimmen verführen Luc Bertin-Hugault (Plutone) und Luigi De Donato (Caronte). Chor und Orchester von Les Épopées leisten ebenfalls Überdurchschnittliches und geben dem Ganzen bei aller Dramatik auch Eleganz. (Chateau de Versailles)


Zwei Aspekte machen diese «Schöne Müllerin» von Franz Schubert zu etwas Besonderem innerhalb der reichen Diskografie des Zyklus: der Charakterbariton Georg Nigl die 20 Lieder singt nicht nur enorm prägnant, sondern spricht auch die beiden Lieder, die Schubert nicht vertonte, dazu den langen tiefgründigen Prolog und den kurzen Epilog, der sich an das Publikum richtet. Der zweite Aspekt ist die Verwendung eines Tafelklaviers von 1810, das eine ganz besondere Klanglichkeit bietet und mit zunehmender Gewöhnung faszinierende Töne hervorbringt, die intim und warm sind, aber auch scharf umrissen klingen können. Georg Nigl ist nicht nur bei den gesprochenen Passagen ein außergewöhnlich präziser Rezitator, sondern singt auch mit großer Deutlichkeit und Sensibilität von den Leiden und Freuden eines jungen, verliebten Müllersburschen, der ein Bächlein zu seinem stetigen Begleiter erkoren hat, und das ihm am Ende den Tod schenkt. Ob schwärmerisch oder zornig, zärtlich oder wutentbrannt: Nigl trifft stets den richtigen Ton und bleibt immer nah am gesprochenen Text. Alexander Gergelfyi ist sein kongenialer Begleiter am Tafelklavier. (Alpha Classics)


Verdis bereits neunte Oper «Attila», zeitgleich mit «Macbeth» komponiert, spielt in Aquileia, in den adriatischen Lagunen und im Rom des 5. Jahrhunderts. Der heidnische Hunnenkönig Attila erobert Aquileia, lässt dessen Herrscher töten und will von hier aus Rom angreifen, schlägt Ezio, den Gesandten Roms vor, die Welt aufzuteilen, Italien auf der einen Seite, der Rest der Welt auf der anderen. Odabella, die Tochter des Herrschers von Aquileia, beeindruckt Attila mit ihrem Mut und ihrer Schönheit, sodass er um sie wirbt. Doch die stolze junge Frau will den Tod ihres Vaters rächen und betrauert den Verlust ihres Geliebten. Sowohl der römische Feldherr Ezio als auch Odabellas Geliebter Foresto und Odabella selbst wollen aus unterschiedlichen Beweggründen das Vaterland vom hunnischen Eroberer befreien. Am Ende ersticht Odabella Attila.

Verdi komponiert imposante Chöre, packende Ensembles und ausdrucksvolle Arien, wie die Odabellas und zwei faszinierend dunkle Männer-Partien. Robert Pomakov ist ein etwas grober Bass mit viel Vibrato als Attila, einen imposanten Verdi-Bariton darf sich Marian Pop als Ezio nennen. Leah Gordon bringt eine große, schöne Stimme mit als Odabella, die Tochter des Herrschers von Aquileia. Tenoralen Glanz verströmt Adam Sánchez als ihr Geliebter Foresto. Die Cappella Aquileia, das „OH!“-Orchester der Festspiele Heidenheim spielt unter Marcus Bosch Verdis nicht nur rhythmisch und im Brio perfekt, ja elegant und mit Glanz. (Coviello Classics)