Theater für Niedersachsen

Erotik, Emanzipation, Eklats

Oscar Straus' süffisantes Operetten-Vaudeville «Eine Frau, die weiß, was sie will» als Sommertheater auf dem Hildesheimer Theatervorplatz

Roland H. Dippel • 25. August 2026

„Warum soll eine Frau kein Verhältnis hab'n“  Julian Rohde, Neele Kramer © Clemens Heidrich

Die dritte Vorstellung war nicht ausverkauft. Es scharten sich keine Zaungäste an den von  Plastikplanen bedeckten Absperrgittern, um mit neugierigen Blicken Eindrücke des sommerlichen Open-Air-Events des Theaters für Niedersachsen zu erhaschen. Immer wieder brechen Motorgeräusche mit erhöhter Geschwindigkeit in das Drei-Personen-Stück. Das ist kein Widerspruch zu dem, was das Publikum bei Oscar Straus' Operette «Eine Frau, die weiß, was sie will» erwartet: Exquisite und natürlich tief dekolletierte Roben, schicke Ausstattung der Schauplätze im Theater und in gutbürgerlichen Interieurs, dazu pikante Details en masse.

Straus hatte bei der Vertonung des Textbuchs von Alfred Grünwald für die legendäre Fritzi Massary die Zeichen der Zeit in der späten Weimarer Republik erkannt. Dieses Werk für das Berliner Metropoltheater ist anders, aber nicht minder originell als seine anderen Operettenschöpfungen von der teutonischen Offenbachiade «Die lustigen Nibelungen» über die originelle Leháriade «Der letzte Walzer» zu «Der tapfere Soldat» als maskulines Pendant von «Eine Frau, die weiß, was sie will». Peter Lund krakeelte in seiner Revue «Das Küssen macht so gut wie kein Geräusch» sogar: „Die Frau, von der man was will...“ – Auch passend.

Die Mätressen des Ancien Régime kommen in dieser als abgeschlackte Zwei-Personen-Fassung gespielten Salon-Frechheit nicht mehr direkt auf die Bühne. Aber sie bleiben als Auftrittsprojekt der Hauptfigur und Schauspielerin Manon Cavallini wie „Die Sünden der Ninon de Lenclos“ präsent. Es geht nicht mehr um die Amouren selbst, sondern um deren sozialen Nutzzweck, Konstruktion und erotische Frequenz als Treibstoff für's öffentliche Prestige. Am 1. September 1932 hob sich der Vorhang zum ersten Mal, fünf Monate später begann die rabiate Machtübernahme durch die NSDAP. Da war Schluss mit der subversiven Operette, deren progressiven Moralattitüden und der prickelnden Opposition gegen das schon damals als brüchig erachtete Konstrukt der Ehe. In Frankreich – wohlgemerkt nicht in Deutschland – entstand nach den Seitensprung-Schwänken eines Georges Feydeau seit 1910 eine neue Generation von Komödien und der Opérette-légère, welche neben Zuständen auch die Motorik des Seitensprungs thematisierten. Zu ihnen gehört Louis Verneuils „Le fauteuil“, welcher sich an Oscar Wildes böser wie versöhnlicher Gesellschaftskomödie „Lady Windermeres Fächer“ inspirierte. Straus und Grünwald übergossen die Vaudeville-Handlung mit einem Feuerwerk von auskomponierten Schlüpfrigkeiten, welche noch immer zum Lachen reizen.

Stimme der Natur oder blanke Rivalität?  Julian Rohde (Lucy Paillard) © Clemens Heidrich

Joerg Steve Mohr hat eine eigene Fassung erstellt und stemmt sich in seiner Hildesheimer Inszenierung selbstbewusst gegen den Dauerbrenner der Komischen Oper Berlin mit Dagmar Manzel und Max Hopp. Während dort seit über zehn Jahren die Brüche in ein elegant-virtuoses Spiel umgeleitet werden, stimmt im pragmatisch kargen Ambiente des Theatervorplatzes nichts: Der Thespiskarren hat nicht mehr Komfort als ein Wohnwagen für bescheidene Ansprüche. Patrizia Bitterlich spielt in ihrer Ausstattung mit dem Charme des Abgewetzten, was die dramatisch-systemische Zweiteilung von Mohrs Spielfassung und Dekonstruktion noch deutlicher macht: Im ersten Teil drängt die Diva mit wohldosierter Laszivität und Promiskuität im Rampenlicht, nach Einbruch der Dunkelheit dann eine junge Ehefrau mit Racheplan gegen die vermutete Untreue ihres Gatten. Dass es am Ende zwischen der wegen ihrer Bühnenkarriere aus einer bürgerlichen Familie abgedrängten Mutter Manon und ihrer frechen, aber anständig erzogenen Tochter Lucy zur Annäherung kommt, wird am Ende eilig abgehandelt: Zwei Frauen – drei Abendkleider.

Sergei Kiselev sitzt am E-Klavier. Er spielt glänzend, nutzt aber auch den minimal blechernen Sound: Kostüme, zu Chansons aufgemöbelte Gassenhauer und die blechernen, gerade deshalb schreiend komischen Spielsituationen torpedieren das Versöhnliche des Textes. Nach der Motorik des Begehrens, Gewährens und der Selbstlüge der Diva Manon betreffend ihre Unabhängigkeit kommt es zur zusammengeschraubten Schlussharmonie. Laut Besetzungszettel spielt die Mezzosopranistin Neele Kramer sechs Rollen – unter anderem das Zentralgestirn Manon Cavallini – und der Tenorino Julian Rohde zehn.

Gefühlt meistern die zwei Mitglieder des Hildesheimer Musiktheater-Ensembles weitaus mehr. Beide können zaubern. Das Stück hat ein aberwitziges Tempo, auch für Ankleidedienst und Requisite. Es gibt keine Soufflage. Das gleicht für das berufene Vaudeville-Duo einem Ritt über den Bodensee. An manchen Stellen halten sie inne. So pressen sich dem Publikum die motorischen Situationen desto besser ein – vor allem jene Manons, die sich die Männer nimmt und abserviert wie es ihr passt. Für diesen Lebensstil wird sie von der Öffentlichkeit bejubelt. Ist es Zufall, besetzungsdynamische Zwangslage oder konzeptionelles Kalkül? Kramer übernimmt neben Manon vor allem die selbstgewissen Partien und Passagen, Rohde eher die hinterfragenden und willfährigen. Beide switchen zwischen Männer- und Frauenrollen, Funktionshülsen und Charaktersternen. Zu letzteren gehört vor allem Lucy Paillard, deren honetter Papa ihr nie offenbart hat, dass die von Lucy umschwärmte Diva Manon ihre leibliche Mutter ist. Rohde verkörpert Lucy ohne Rotlicht-Atmo und doch sitzt bei ihm jedes Wimpernklimpern. Allenfalls könnte man anmerken, das er eher eine Dame in den gefährlichen Jahren spielt als eine 17-Jährige, die noch Träume hat.

Welche Emanzipation wäre die richtige?  Julian Rohde, Neele Kramer © Clemens Heidrich

Was in Grünwalds Libretto und Leonhard Steckels Textbearbeitung nach vorne dringt, ist eigentlich sehr ernüchternd: Couture gerinnt zu Konvention und auch das Mondäne ist nur eine gesellschaftliche Maske. Diese Motorik hat Auswirkungen auf das mitreißende Duo. Rohde agiert gehetzt, getrieben, erstaunt, verblüfft. Da ist kaum noch etwas von einem subversiven Prickeln. Kramer wechselt in Sekundenschnelle zwischen harschem Poltern und dem unbezwingbaren Lächeln der Salonière. Alle im Programmheft erwähnten Star-Theorien von Roland Barthes bis Elisabeth Bronfen eingeschlossen: In Zeiten von Polyamorie und Gender-Universalität setzt es in Erstaunen, wie gut solche Seitensprung-Dramoletts auf der Wippe zwischen Emanzipation, Erotik und Eklats noch immer ankommen. Für Hildesheim ist diese superbe Aufführung wie das Lächeln einer Gerade-Noch-Sommernacht.

   
«Eine Frau, die weiß, was sie will» · Oscar Straus
Theater Hildesheim · Theatervorplatz

Kritik der Aufführung am 23. August 2025
Termine: 21./22./23./27./28./29./30. August; 3./4./5. September (Hildesheim, Theatervorplatz); 23. Oktober (Nienburg); 15. Dezember 2026 (Lehrte); 3. März (Gronau); 9. April (Burgdorf)