Deutsches Nationaltheater Weimar
Die Vermessung der Gemeinschaft
Händels «Messias» als zynisches Gemeinschaftsspiel mit naiver Maske beim Kunstfest Weimar
Roland H. Dippel • 06. September 2026
Ein klagendes Buh nach dem überwältigenden „Halleluja!“-Chor muss man erst einmal herausfordern können. So geschehen bei der Premiere des «Messias», dem hier als „Gemeinschafts-Oratorium“ untertitelten Beitrag des Deutschen Nationaltheaters Weimar (DNT) zum Kunstfest Weimar. Das größte Avantgardefestival Ostdeutschlands findet dieses Jahr unter der neuen und ersten Frauendoppelspitze von Katharina Germo und Juliane Hahn statt, wurde finanziell jedoch drastisch abgespeckt. Im Fokus stehen partizipative Projekte. Diese versuchen nun in dem Maße zu reüssieren, wie in den Vorjahren das streitbare Ausholen des Kunstfestes zu den großen politischen Themen und demokratischen Visionen der Gegenwart.
Neben dem Opernchor des DNT Weimar, der Statisterie, den Solist:innen, der Staatskapelle Weimar und – wie auf Videos zu sehen – dem vollen technischen Stab des DNT wirkten 52 Bürger:innen aus Weimar und Umgebung an diesem «Messias» mit. Das Werk hatte zum Beispiel im Flughafen Tempelhof durch Damiano Michieletto und die Komische Oper Berlin 2024 eine besonders spektakuläre Produktion erlebt.
Auf der Bühne des DNT konnte man nun auch Gesichter aus dem Solo-Ensemble des Weimarer Musiktheaters in den Chormassen entdecken, denn es geht um Gemeinschaft. Ja: Ge-mein-schaft – jener Wert, der in der medialen, technokratischen, konsumgeilen Vereinzelung immer gefährdeter erscheint. Seit März 2026 wurde an diesem «Messias» intensiv geprobt und von Jana Schatz in nicht geringer Menge Videomaterial produziert. Stellenweise zeigen die Videos mit mutiger Offenheit Menschen beim Füttern von Vögeln, beim Musizieren, bei der Kommunikation mit dem Nachwuchs oder beim Zubereiten von Hamburgern. Unter anderem sieht man auch freudiges Geplänkel während der Proben und hinter den Kulissen. So wurde aus der Eröffnungsproduktion des Musiktheaters eine Selbstoffenbarung von Weimarer:innen für Weimarer:innen. Deren schöne und solidarische Privatheit kommt durch das Berührtwerden von anderen als einheimischen Augen fast einer Intimitätsversehrung gleich: Szenisches Oratorium als nachbarschaftlicher Augenschmaus.
Das war die Bebilderung des dritten und damit letzten Teils von Georg Friedrich Händels 1742 in Dublin uraufgeführtem und auch in Weimar in der englischen Originalsprache erklingendem Oratorium über die Auferstehung und ewige Nachwirkung des neutestamentlichen Evangeliums. Musiziert wurde unter Daniel Carter, dem noch neuen Musikdirektor des DNT, sehr ordentlich – zumal Barockmusik nicht zu den Kernkompetenzen der vor allem auf Romantisches von Liszt bis Richard Strauss und Neueres spezialisierten Staatskapelle Weimar gehört. Das Blech hatte Glanz, die Streicher singende Größe und das gesamte Instrumentarium Freude am Tun. Carter und der Regisseur Jochen Biganzoli dachten korrekt: Ein Oratorium ist im Laienkontext mehr noch als für berufliche Musikensembles ein Gemeinschaftsereignis und sollte als solches zelebriert werden. Das Libretto von Charles Jennens thematisiert statt des biografischen Abrisses von Jesu Geburt, Tod und Verklärung eine pietätvolle Reflexion mit eloquentem Glanz.
In den beiden ersten Teilen zeigt sich Biganzoli mit dem Bühnenbild von Wolf Gutjahr und mit den Kostümen von Katharina Weissenborn als ein eindringlich denkender Architekt kollektiver Befindlichkeiten und persönlicher Sinnfragen. Zu Händels Jubel über Christi Geburt spiegelt Biganzoli in sechs Raumzellen eine Gegenwart mit dystopischen Momenten. Die Menschen – zumindest jene der Industrienationen – sind „verbubbelt“. Gerade deshalb können sie dem Segen und Fluch der Technik nicht entkommen. Die Alt-Solistin Sarah Mehnert spielt eine Frau am Klinikbett des Vaters ihres Kindes, dessen einzige Lebensimpulse das Kurvenflimmern auf dem Monitor sind. Der Bass-Solist Jacob Harrison ist ein Widerständler oder Querdenker in einsamer Zelle mit sich, der oppositionellen bzw. verschwurbelten Literatur und seinem Laptop. In einer anderen Zelle wird gefeiert. Eine weitere gibt Blick frei auf ein Großraumbüro in den Fährnissen der Börsensturmgänge. Wenn dann endlich ein Kindlein in diese ausgenüchterte, funktionale Welt geboren wird, geschieht das natürlich über Video.
Teil Zwei vollzieht den Wechsel in ein Parabelspiel vor weißen, auch als Projektionsflächen tauglichen Wänden. Chor und Weimarer:innen treten auf, werden aus großen Säcken mit weißer Kleidung versorgt. Es ist der Passionsteil über Leiden, Kreuzigung und das Missverstehen der erlösungshungrigen Zivilisationsnomaden. Man schüttet einen Eimer Rotes auf den Boden. Dieses Blut kommt als Zeichen über einen Teil der Masse, die sich eingangs mit beseligt naiver, ja arglos hysterischer Gemeinschafts- und Vereinigungsfreude bewegt. Biganzoli skizziert dieses spirituelle Levée en masse mit schon zynischer Ambivalenz. Diese Harmonie wirkt sehnsuchtsvoll, aber auch erzwungen. Zum Chor der nicht länger orientierungslosen Seelen und deren entspannter Freude am Entfremdungsabbau ergießt sich pink-violettes Licht. Jens Petereit hat die Kollektive des Berufsopernchors und des Ensemblezuwachses zur großmächtigen Klangmasse modelliert. Hochgerissene Kleintafeln liefern eine Enzyklopädie gekürzelter Empörungsdesiderate von „My body my choice“ bis „Mensch sein“. Die Oratorienverse wirken weitaus subtiler als die Verschlagwortungen der freien Meinungsäußerung.
Die Kollektive sind mit innerem Feuer dabei. Biganzoli steuert diese Begeisterung, um das Postulat „Gemeinschaftsleben“ nicht allzu makellos und positiv erscheinen zu lassen. In Summe haftet der Vereinzelung in Teil Eins, der sich mit Blut segnenden Masse in Teil Zwei und dem konzertanten Teil Drei mit den familiären TikTok-Episoden aus dem Weimarer Alltag etwas Gewolltes wie Ausgenüchtertes an: Das Theater als Ort der Verzauberung erhält den Laufpass.
Leidtragende sind die Soli, die durch das einfrierende Erstaunen des Publikums weitaus weniger Szenenapplaus für ihre berühmten Arien bekommen als in anderen Vorstellungen des «Messias»: So etwa die Sopranistin Emma Moore und Harrison. Der Tenor Simon Bode hat seinen ersten Auftritt aus dem Parkett, geht danach in den weißen Ensemblefluten fast unter. Adèle Clermont macht guten Eindruck und Sarah Mehnert wird von den Weimarer Bürgerchorist:innen offenkundig geliebt. Zuletzt gab es heftigen Applaus. Doch die giftigen Widerhaken dieser Inszenierung blieben spürbar.
«Messiah» (Messias) – Georg Friedrich Händel
Deutsches Nationaltheater Weimar in Kooperation mit dem Kunstfest Weimar · Großes Haus
Kritik der Premiere am 5. September 2026
Termine: 18. September; 4./17. Oktober; 21. November; 10./26. Dezember 2026; 14. Januar, 13. Februar 2027