Kalchschmids Albenpanorama

09/2026

Unsere September-Empfehlungen: zwei stilsicher gesungene und lebendig interpretierte Barockopern und ein faszinierend reiches Album der Mezzosopranistin Beth Taylor

Klaus Kalchschmid • 14. September 2026

Georg Friedrich Händels «Giulio Cesare» trägt den Beinamen «in Egitto» zu Recht, weil die Beziehung Cäsars zu Cleopatra im Mittelpunkt steht. Händel macht sie auch zur Hauptfigur, die rein musikalisch eine bemerkenswerte Entwicklung durchmacht – von ihrem tändelnden „Non disperar, chi sa“ über „Tutto può donna vezzosa“ und „Tu la mia stella sei“ und das verführerische „Vado pupille“ bis hin selbstbewussten „Tutto può donna vezzosa, dem ausdrucksvollen, melancholischen, fast zehnminütigen „Se pietà di me non senti“ und „Piangerò la sorte mia“. Louise Alder besitzt dafür ebenso die leichten wie die melancholisch tiefschürfenden Töne. Ganz ernste Charaktere sind dagegen Cornelia und ihr Sohn Sextus – ihrer beider Arien und vor allem ihr Duett gehört zum Schönsten der ganzen Oper. Cornelia wird von Beth Taylor (siehe auch die Besprechung unten), einem dunklen Mezzospran gesungen, der schlank, aber doch gehaltvoll klingt, an ihrer Seite der jugendliche Sextus des Mezzos Paula Murrihy

Prägnante Arien gelten aber auch der Titelpartie, nicht zuletzt Cäsars sogenannte Jagd-Arie mit obligatem Horn. Christophe Dumaux verblüfft mit einer androgynen Stimme, die in keiner Lage Schwierigkeiten kennt und vor allem eine warm strömende hohe Mittellage besitzt. Die beiden Countertenöre Meili Li und John Holiday werden ihren kleineren Partien als Nireno und Tolomeo vollauf gerecht, und auch Bariton Morgan Pearse gibt dem abgründigen Achilla das nötige Gewicht. Mit Harry Bicket steht ein Dirigent am Pult von English Concert, der die Oper schon vielfach geleitet hat, darunter an der Bayerischen Staatsoper, der Met, Barcelona und Wien. Herrlich geschmeidig und subtil ausdrucksvoll klingen so auch die Rezitative. Nichts ist unterbelichtet oder sticht zu grell heraus, die Tempi stimmen und alle Verzierungen in den Wiederholungen der A-Teil der Opera-Seria-Arien sind ebenso stilsicher wie musikalisch sinnig gesungen. Da kommt keine Minute Langeweile auf. Das Libretto gibt es in englischer Übersetzung. (Linn Records)


«Orlando generoso» ist Agostino Steffanos dritte Oper, aber schon ein reifes Werk, das 1691 die engen Grenzen der Opera Seria sprengt, zahlreiche, traumhaft schöne Duette enthält und knappe, stets originelle Da-Capo-Arien hören lässt. Hélène Walter verkörpert Angelica, die Medoro liebt, aber auch von Orlando hartnäckig umworben wird. Sie verzaubert mit einem wunderbar timbrierten Sopran, der in allen Lagen bis hin zu den Spitzentönen betört. Shira Patchornik steht ihr als Bradamante mit einem leichten, hellen Sopran in nichts nach. Countertenor Terry Wey als Orlando besitzt eine bis in die Spitzentöne hinein faszinierend androgyne Stimme, gestaltet seine Wahnsinnsarie fulminant und macht sie zum zentralen Stück der Oper. 

Dänemarks führender Countertenor Morten Grove Frandsen ist Ruggiero, der zwar keine großen Arien singen darf, aber mehrere einzigartige Duette mit Bradamante, in denen die beiden Stimmen perfekt miteinander harmonieren. Ebenfalls einen charakteristischen Countertenor bietet Gabriel Díaz als Tyrann Galafro. Natalia Kawalek besitzt zwar einen hellen Mezzosopran, überzeugt aber trotzdem in der Hosenrolle als Alcinas Geliebter Medoro. Sreten Manojlovic trumpft mit seinem durchaus beweglichen Bassbariton als Magier Atlante auf. Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 musizieren in diesem Livemitschnitt von 2025 lebendig, im Continuo farbig und abwechslungsreich, nicht nur in den Arien mit obligaten Instrumenten elegant und nicht minder „sprechend“. Das Booklet bietet eine deutsche Übersetzung des Librettos. (Prospero)


«The Deeps Have Music» nennt sich das faszinierend reiche Album der Mezzosopranistin Beth Taylor an der Seite von Hamish Brown am Flügel. Es kreist um das Meer im Besonderen und Wasser im Allgemeinen. Nach einem geheimnisvollen Traditional erklingen sechs kurze, launig-elegante französische Lieder von Hedwige Chrétien (1859-1944), die allesamt das Thema Wasser haben. Sei es „Der Fluß“, „Das Boot“ oder „Der Mond“, „Wassernymphe“ oder „Winter“. Besonders Letzteres ist eine Perle feinster musikalischer Kunst. Drei große Balladen Franz Schuberts schließen sich an: „Meeres Stille“, „Gruppe aus dem Tartarus“ und „Lied eines Schiffers an die Dioskuren“. Auf zwei kontrastierende Lieder von Cameron Biles-Liddell folgt Alma Mahler-Werfels „Lobgesang“, der beginnt mit „Wie das Meer ist die Liebe“ und endet mit „Aufklang der Unendlichkeit ist das Meer, ist die Liebe (*1997). Ethel Smyths „Three Moods oft he Sea“ umassen drei stille Lieder, die ebenfalls ganz um das Meer kreisen. Daran knüpfen die sechs „Sea Pictures“ ihres Zeitgenossen Edward Elgar nahtlos an mit einem „Sabbath Morning at Sea“, der euphorisch ausklingt, bevor „Where Corals Lie“ wie hingetupft komponiert ist und „The Swimmer“ ebenfalls in extatisch in die wild aufgewühlte See mündet. „Sea Wrack“ von Hamilton Harty schließlich spiegelt die See im Licht eines Wracks. 

Beth Taylor hat nicht nur ein faszinierendes Album zusammengestellt, sondern widmet sich jeder Stilistik facettenreich. Dabei singt sie nicht nur in ihrer Muttersprache idiomatisch, sondern auch auf Französisch und dazu lupenreines, weiches Deutsch. Hamish Brown ist am Flügel zuverlässiger Begleiter, der die Atmosphäre eines jeden Lieds farbig trifft. (Linn Records)