Niedersächsisches Staatstheater Hannover
Oben ist kein Platz
Roland Schwab und der neue GMD Francesco Angelico eröffnen die Saison der Staatsoper Hannover mit Tschaikowskis «Pique Dame» – und Helen Donath kehrt mit 86 an das Haus zurück, an dem sie 1963 begann
Werner Kopfmüller • 15. September 2026
Ganz zuletzt, bevor er sein Leben aushaucht, zieht es ihn noch einmal nach oben. Sterbend schleppt er sich über den roten Teppich die Treppenstufen hinauf. Und so, wie er bei dem Versuch zusammenbricht, der Chor dabei aus dem Hintergrund besänftigend singt: „Herr, verzeih ihm und gib seiner unruhigen und gequälten Seele Frieden“ – da könnte man glauben, die Regie von Roland Schwab gönnt seinem tragischen Helden doch noch ein versöhnliches Ende. Als ob sie ihn von göttlicher Gnade erlöst sterben lassen will.
Zumindest scheint Hermann aus Tschaikowskis Oper «Pique Dame», die an der Staatsoper Hannover eine einhellig umjubelte Premiere feierte, doch noch befreit vom Fluch der Obsession, zu denen da oben dazugehören zu wollen – was für ihn nur im Abgrund enden kann. Und final eben nicht die spektakuläre, sich ins Unendliche wölbende Freitreppe hinaufführt, die Piero Vinciguerra fürs Bühnenbild gebaut hat und für die sich der Regisseur von der Treppe am Haupteingang des Casinos von Sanremo hat inspirieren lassen. Die Treppe steht für die Sehnsucht des Außenseiters, zur Upper Class aufzusteigen. Sie spiegelt aber auch die haltlos gewordenen Wohlstandsversprechen, die Illusionen und Lebenslügen, denen sich eine dekadent gewordene High Society hingibt.
Zu der überragenden Leistung der Inszenierung zählt es, dass sie Gesellschaftsporträt und private Tragödie in Balance bringt, ohne dabei vordergründig Aktualität erheischen zu wollen. Und sie schafft dabei mühelos etwas, woran andere Regiearbeiten bei Tschaikowskis so psychologischer wie pathetischer Überschreibung von Puschkins Textvorlage scheitern. Die gefährlich vielen Genre-Szenen aus marschierenden Kindersoldaten, aus singenden Jungfrauen, Banketten, historisierenden Intermezzi und geklauten Liedern – sie fügen sich zu einer großen packenden Erzählung.
Das gelingt, weil Schwab einem platten Naturalismus misstraut: Es gibt bei ihm keine Schauplätze oder Szenenwechsel, sondern nur diese eine „Infinity-Treppe”, auf der man nie ans Ziel gelangt. Die Casino-Gesellschaft unter ihren schicken Rokokoperücken (Kostüme: Gabriele Rupprecht) feiert, als käme nie die Rechnung. Der Kinderchor, herausgeputzt wie zur Tanzstunde, exerziert im Gleichschritt oder legt gleich die Gewehre an.
Schwab führt eine Klasse vor, die ihren Nachwuchs fürs Schlachtfeld drillt oder zum Opfer sexueller Perversion macht. Gerade aus der Andeutung, aus der Reduktion gelingen dabei die stärksten Bilder: Da ist das mal magisch leuchtende, mal gespenstische fahle Licht (Andreas Schmidt), in dem der Geist der Gräfin erscheint, der Schlagschatten, in dem Lisa und Hermann sich vor dem eisernen Vorhang ein letztes Mal tragisch verfehlen. Und die Lamettavorhänge rechts und links, die nur Glitzerfassade sind für diese im Innern zutiefst verkommene Upper Class.
Hermann steht außerhalb von ihr, ganz unten. Alle anderen stehen über ihm, immer. Er ist nach dem Libretto der Deutsche unter Russen – und damit von vornherein zum Außenseiter bestimmt. Der Spanier Xavier Moreno spielt und singt ihn, als stünde er unter Dauer-Starkstrom: mit durchschlagendem, heldischem Tenor. Drei Stunden hält er als obsessiv Getriebener die Spannung. Ihm zur Seite ist Kiandra Howarth eine Lisa von lauterer Emotionalität, ganz in unschuldigem Weiß gekleidet. Ihr Sopran blüht so intensiv herzzerreißend, dass man ihr wünschte, sie könne von dem Taugenichts Hermann ablassen und beim Fürsten Jelezki bleiben, der für sie weitaus besseren Partie. Max Dollinger leiht dem Fürsten seinen noblen, melancholisch getönten Bariton.
Für nostalgische Glücksgefühle sorgt beim Hannoveraner Publikum der Auftritt der 86-jährigen Helen Donath. Die Amerikanerin hat 1963 an diesem Haus angefangen, war als Pamina eine der führenden lyrischen Sopranistinnen ihrer Zeit. Die titelgebende Gräfin singt sie jetzt zum letzten Mal. Was Donath aus dem bei Grétry geliehenen Lied macht, diesem Nachklang verwehter Jugendtage, ist von berührender Grandezza. Da hält der Saal den Atem an.
Atemberaubendes gelingt auch dem neuen Generalmusikdirektor Francesco Angelico bei der ersten von ihm geleiteten Neuproduktion. Der Italiener segelt auf den Phrasierungsbögen der Sänger, reagiert so feinnervig aufs Bühnengeschehen, als säße er mit auf der Treppe. Das Niedersächsische Staatsorchester hält er durchsichtig, wo Donath in zarten Pianissimo-Farben flüstert, und lässt es massiv auffahren, wo Hermann im Wahnsinn tobt. Chor (Lorenzo Da Rio) und Kinderchor (Tatiana Bergh) singen zudem ein bemerkenswert intoniertes Russisch und besiedeln in einer beeindruckenden Choreographie die Riesentreppe.
Ein Opernabend, der lange nachwirkt in seiner Bildmächtigkeit – und dank des furiosen Dirigats des neuen GMDs Großes erwarten lässt für die zweite Hannoveraner Saison von Intendant Bodo Busse.
«Pique Dame» – Piotr I. Tschaikowski
Niedersächsisches Staatstheater Hannover ∙ Opernhaus
Kritik der Premiere am 12. September
Termine: 17./26. September; 4./9./21. Oktober; 7./15. November